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Forschung

Emil Abderhalden war ein schweizerisch-deutscher Biologe und Mediziner, Mitbegründer der Proteinbiochemie und XX. Präsident der Leopoldina von 1932 bis 1950. Abderhaldens Forschungsschwerpunkte lagen in der Analyse von Proteinen. So entdeckte er neue Aminosäuren und untersuchte die Synthese von Polypeptiden. Seine Rolle als Leopoldina-Präsident in der NS-Zeit und sein Verhalten bei der Verteidigung seines Konzepts der „Abwehrfermente“ haben vielfach Kritik ausgelöst.

 

Emil Abderhalden forschte als Biochemiker zu Vitaminen und zur Proteinbiochemie und war Herausgeber von Fachzeitschriften wie „Fortschritte der naturwissenschaftlichen Forschung“ (seit 1913) und Lehrbüchern (Lehrbuch der Physiologie, 4 Bde.) sowie Handbüchern (Handbuch der biologischen Arbeitsmethoden, seit 1909). Er selbst maß wesentliche Bedeutung den von ihm 1909 identifizierten Stoffen zu, die er für „Abwehrfermente“ hielt. Auch als ab 1914 etwa von Leonor Michaelis massive Einwände formuliert wurden, trat Abderhalden weiterhin für die Anwendung seines Konzepts ein. Dass er trotz der Kritik in womöglich betrügerischer Weise auf Existenz und Nutzen solcher Abwehrfermente beharrte, ist ein schwerer Vorwurf, der in der wissenschaftshistorischen Literatur erhoben wird. Ein negativer Nachweis der „Abderhaldenschen Reaktion“ war erst kurz nach dem Zweiten Weltkrieg möglich, wie inzwischen bekannt ist.

 

Abderhalden nahm den Einsatz seiner Methode bei Menschenversuchen in Konzentrationslagern billigend in Kauf. Dies belegt sein Briefwechsel mit einem Mediziner in Dachau, auf dessen Wunsch Abderhalden einen Arzt in der Handhabung des Abwehrfermentverfahrens ausbildete.

Den zweiten bedeutenden Komplex in Abderhaldens Arbeit als Mediziner bildeten die Themen „Eugenik“ und „Sozialhygiene“, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch international in der Wissenschaft breit diskutiert und erforscht wurden. Bei Abderhalden führten diese Überzeugungen auch zu praktischen Konsequenzen. Mit einem 1915 gegründeten Säuglings- und Kinderheim bemühte er sich in der Stadt Halle um die Minderung der Kindersterblichkeit und die Verbesserung der sozialhygienischen und ernährungsphysiologischen Bedingungen, organisierte 1919-1923 die sogenannte „Schweizerfürsorge“ für ca. 100.000 unterernährte deutsche Kinder in Schweizer Familien und förderte die Ausbildung von Hebammen und Säuglingsschwestern. Mit dem von ihm gegründeten „Bund zur Erhaltung und Mehrung der deutschen Volkskraft“ organisierte er sogenanntes „Kartoffelland“ für ca. 6.000 Familien. Für dieses Engagement bewahrt ihm die Stadt Halle seit 1953 ein ehrendes Andenken. Abderhaldens Eintreten für Eugenik war eng mit biologistischen zeitgenössischen Ethikdiskursen und somit auch mit der nationalsozialistischen Ideologie verbunden.

Werdegang

Abderhalden studierte ab 1895 Medizin in Basel, legte 1901 sein Staatsexamen ab und wurde 1902 promoviert. Danach ging er nach Berlin zu dem Chemie-Nobelpreisträger Emil Fischer und habilitierte sich 1904 im Fach Physiologie. 1908 zum Professor und Direktor des Physiologischen Instituts an der Berliner Tierärztlichen Hochschule berufen, war er ab 1911 Professor für physiologische Chemie und Physiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Halle. Ein Jahr später wurde er zum Mitglied der Leopoldina gewählt, 1926 ins Präsidium und 1932 dann zu ihrem Präsidenten.

Bei Abzug der Amerikaner 1945 aus Halle wurde Abderhalden gemeinsam mit anderen halleschen Wissenschaftlern in die  westlichen Besatzungszonen umgesiedelt. Von dort aus ging er nach Zürich und wurde 1946 auf den Lehrstuhl für Physiologische Chemie an der dortigen Universität berufen, den er bis 1947 bekleidete. Einen erneuten Ruf an die Universität Halle Ende 1947 lehnte er ab.

Präsidentschaft

Mit der Wahl zum Präsidenten der Leopoldina 1932 bekam Emil Abderhalden eine bedeutende wissenschaftspolitische Position und strebte danach, die Bedeutung und internationale Ausstrahlung der Akademie zu steigern. Unter seiner Präsidentschaft wurden weiterhin, auch auf seinen Vorschlag, jüdische Mitglieder aufgenommen. Als jedoch 1938 die Akademien im „Akademien-Kartell“, dem die Leopoldina nicht angehörte, angewiesen worden waren, ihre jüdischen Mitglieder auszuschließen, führte er einen Präsidiumsbeschluss zur Streichung aller jüdischen Mitglieder herbei. Abderhalden informierte am 7. Dezember 1938 Gauleiter und Minister, „dass unserer Akademie nur Persönlichkeiten angehören, die keine Juden sind“. Er fügte hinzu, „dass schon seit einiger Zeit die Zusammensetzung des Mitgliederbestandes unserer Akademie in vollem Einklang mit den Erfordernissen der Zeit steht“. Die betroffenen Leopoldina-Mitglieder wurden wie die Öffentlichkeit nicht über den Ausschluss in Kenntnis gesetzt. Die Streichungen wurden mit Bleistift vorgenommen und am 9. Mai 1945 wurden sie wieder rückgängig gemacht.

Eine genauere Einordnung des Themas anhand neuer Forschungen hat der Berliner Wissenschaftshistoriker Rüdiger vom Bruch vorgelegt (siehe den obenstehenden Link). Ein aktuelles Forschungsprojekt zur „Geschichte der Leopoldina in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ nimmt auch Abderhalden in den Blick.

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