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Pressemitteilung | Freitag, 17. Oktober 2003

Akademie Leopoldina ehrt zwei Wissenschaftler mit der goldenen Cothenius-Medaille

Professor Dr. Ernst J. M. Helmreich (Würzburg) für seine bahnbrechenden Arbeiten über G-Proteine und zur Proteinphosphorylierung und Professor Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Oksche (Gießen) in Würdigung seines Lebenswerkes zum Pinealorgan mit besonderer Betonung der extraokulären Photorezeption

Zu den Preisträgern:

Ernst J. M. Helmreich (Würzburg)
Wissenschaftliche Verdienste: Glykogen, eine sehr leicht mobilisierbare Speicherform der Glucose (Traubenzucker) in Zellen, dient als Energiepuffer, z. B. bei Muskelkontraktion. Während der Muskelkontraktion wird Glykogen rasch abgebaut, dazu bedarf es der Aktivierung eines Enzyms, der Glykogenphosphorylase. Wie diese Aktivierungsschritte molekular vor sich gehen und welche zellulären Signalketten eine Rolle spielen, ist mittlerweile Lehrbuchwissen. Maßgeblich für die Offenlegung dieser Prozesse waren Forschungsarbeiten von Ernst J. M. Helmreich am Muskel, die er in den 60er Jahren gemeinsam mit Carl Cori an der Washington University in St. Louis, USA, durchgeführt hat und die als Durchbruch auf dem Gebiet der Stoffwechselregulation von Enzymen gefeiert wurden. Mit der Übernahme des Lehrstuhls für Physiologische Chemie der Medizinischen Fakultät der Universität Würzburg wirkte sich Helmreichs internationale Erfahrung und Bekanntheit zum Wohle der biochemischen Forschung in Deutschland aus. Die Würzburger Enzymologie hat die biochemische Forschung in Deutschland maßgeblich geprägt. Helmreich ließ es sich nicht nehmen, trotz Grenzschikanen Einladungen zu Vorträgen in der DDR anzunehmen und hielt so den Kontakt zwischen Ost und West stets aufrecht. Seine Fähigkeit, zielsicher und schnell zu einem fundierten Urteil über wissenschaftliche Leistungen zu gelangen, ist der deutschen Wissenschaft nach der Wiedervereinigung zugute gekommen. Helmreichs Anteil an der Restrukturierung der ostdeutschen Biowissenschaften nach 1989 war wichtig und unverzichtbar.

Ernst J. M. Helmreich erhält die Cothenius-Medaille der Akademie Leopoldina für seine, wie es in der Urkunde heißt, "bahnbrechenden Arbeiten über G-Proteine und zur Proteinphosphorylierung".

Zur Person:
Ernst J. M. Helmreich (Jahrgang 1922) studierte Humanmedizin und schloss die Ausbildung bald nach dem 2. Weltkrieg ab. Es folgte ein Chemiestudium an der damaligen Technischen Hochschule seiner Heimatstadt München. Im Labor von Stefan Goldschmidt in München erhielt er seine biochemische Prägung. Wesentliche Entdeckungen, die zu internationaler Anerkennung führten, gelangen ihm in den Jahren 1955 bis 1968 in den USA an der Washington University in St. Louis, wo er zuerst als Postdoc, dann als unbefristeter Professor forschte. Nach einem Forschungsaufenthalt im Institut des Nobelpreisträgers Manfred Eigen in Göttingen im Jahr 1967 gelang es der Würzburger Universität, ihn 1968 für den Lehrstuhl für Physiologische Chemie der Medizinischen Fakultät zu gewinnen, den er bis zu seiner Emeritierung innehatte. Noch heute ist Helmreich ihr eng verbunden. Helmreich wurde 1976 in die Akademie Leopoldina aufgenommen (Sektion Biochemie und Biophysik). Ihr diente er von 1990 bis 1996 als gewählter Adjunkt für Medizin in der Region Nord-Bayern.

Andreas Oksche (Gießen)
Wissenschaftliche Verdienste: Menschen und Tiere besitzen eine innere Uhr, die die Körperfunktionen in Abhängigkeit von der Tageszeit reguliert und verändert. Diese tagesrhythmischen Veränderungen sind seit langem bekannt, aber erst im 20. Jahrhundert konnte aufgeklärt werden, wodurch diese Rhythmen zustande kommen. Der Schrittmacher für diese innere Uhr befindet sich im Gehirn. Bei niederen Wirbeltieren wird diese Funktion der Zirbeldrüse (Pinealorgan) zugeschrieben, die direkt lichtempfindlich ist und das Hormon Melatonin produziert, welches den Schlaf-Wach-Rhythmus steuert. Oksche hat in vergleichenden anatomischen Untersuchungen nachweisen können, dass das Pinealorgan der Amphibien ein Sinnesorgan mit Lichtsinneszellen ist, d.h. diese Sinneszellen befinden sich nicht im Auge, sind also extraokulär. Unter Oksches Leitung wurde das Gießener Institut zu einer weltweit bekannten Stätte neuroendokrinologischer und neurobiologischer Forschung mit hoher wissenschaftlicher Produktivität, die zahlreichen Gästen beste Arbeitsmöglichkeiten bot und aus der nicht wenige Wissenschaftler mit gutem Namen hervorgegangen sind. Die Arbeit seines Instituts umfasste auch Fragen des Zwischenhirn-Hypophysensystems, der circumventrikulären Organe und der sekretorischen Leistung der Neuroglia. Das übergeordnete Thema war die sensorische und sekretorische Kapazität des Gehirns unter besonderer Beachtung der photoneuroendokrinen Systeme. Herausragende Verdienste hat Oksche durch seine Tätigkeit in Herausgebergremien erworben. Hervorgehoben seien hier die Herausgeberschaft des Handbuches der Mikroskopischen Anatomie und seine jahrzehntelange und bis heute andauernde Verantwortung als Herausgeber der Zeitschrift "Cell and Tissue Research" (vormals "Zeitschrift für Zellforschung"), die ein bedeutendes internationales Publikationsorgan für Zellbiologie und funktionelle mikroskopische Anatomie ist. Von 1980 bis 1982 war Oksche Mitglied des Wissenschaftsrates. 

Andreas Oksche erhält die Cothenius-Medaille der Akademie Leopoldina, wie es in der Urkunde heißt, "in Würdigung seines Lebenswerkes zum Pinealorgan mit besonderer Betonung der extraokulären Photorezeption".

Zur Person:
Andreas Oksche (Jahrgang 1926) schloss 1952 in Marburg sein Medizinstudium ab und wurde im gleichen Jahr promoviert. Die mit "summa cum laude" bewertete Promotionsschrift "Der Feinbau des Organon frontale bei Rana temporaria und seine funktionelle Bedeutung" war zugleich der Einstieg in sein späteres Forschungsgebiet. Als Assistent am Anatomischen Institut der Universität Marburg knüpfte er Kontakte zu den Entdeckern der Neurosekretion Ernst und Berta Scharrer am Albert Einstein College of Medicine in New York und wurde 1957 als Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes dort tätig. 1960 erfolgte die Habilitation zum Thema "Die Beteiligung der Neuroglia an sekretorischen Leistungen und Stoffwechsel-vorgängen des Zentralnervensystems unter besonderer Berücksichtigung des Subkommissuralorgans" an der Universität Marburg. Nach dreijähriger Tätigkeit bei Wolfgang Bargmann am Anatomischen Institut in Kiel, erhielt er 1964 den Ruf an die Justus-Liebig-Universität Gießen und übernahm 1966 die Leitung des Anatomischen Instituts. Seit 1973 ist er Mitglied der Akademie Leopoldina (Sektion Anatomie und Anthropologie). Ihr diente er von 1984 bis 1993 als gewählter Adjunkt für Medizin (Region Hessen) und von 1992 bis 1998 als Senator für die Sektion Anatomie.

Preis und Preisvergabe:
Die Vergabe der beiden Medaillen erfolgt am 17. Oktober 2003 im Rahmen der feierlichen Eröffnung der Jahresversammlung der Akademie Leopoldina in Halle (Saale).

Die Cothenius-Medaille, die auf eine Stiftung des Mitglieds und Director Ephemeridum Christian Andreas von Cothenius (1708-1789) zurückgeht, wurde 1792 erstmals verliehen. Zu Beginn waren es Preisfragen aus der praktischen Medizin, für deren Bearbeitung die Medaille vergeben wurde. Seit 1954 vergibt die Leopoldina sie für das herausragende wissenschaftliche Lebenswerk an Mitglieder der Akademie. Sie trägt die Inschrift: "Als Anerkennung der Tüchtigkeit derer gestiftet, die das Wohl der Sterblichen fördern".

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