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Geschichte der Ausgabe

Die Anfänge der Leopoldina-Ausgabe

In den 1930er Jahren erwogen der Physikochemiker Karl Lothar Wolf, Professor in Kiel, und die Studentin der Altphilologie und spätere Verlegerin Leiva Petersen den Plan zu einer Ausgabe von Goethes naturwissenschaftlichen Schriften. Sie nahmen in den Naturwissenschaften ihrer Zeit eine positivistische Ausrichtung wahr, der sie durch die Bekanntmachung mit Goethes ganzheitlich-morphologischer Vorgehensweise begegnen wollten. Zu diesem Zweck sollten Goethes naturwissenschaftliche Schriften in einer gut lesbaren und ansprechenden Form zugänglich gemacht werden.

Wolf hatte Anfang der vierziger Jahre einen Lehrstuhl in Halle übernommen. Hier traf er auf den Botaniker Wilhelm Troll, der 1926 bereits eine Auswahl von Goethes morphologischen Arbeiten herausgegeben hatte. Sie zogen Günther Schmid, den Goetheforscher und Botaniker mit Lehrauftrag für die Geschichte der Naturwissenschaften hinzu, dessen Bibliographie „Goethe und die Naturwissenschaften“ 1940 erschienen war. Wolf, Troll und Schmid waren Mitglieder der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Unterstützt von Leiva Petersen, die mittlerweile in der Leitung des Weimarer Verlags Hermann Böhlaus Nachfolger tätig war, gewannen sie Emil Abderhalden, den Präsidenten der Akademie, für den Plan einer Edition von Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. Abderhalden, der ohnehin an wissenschaftshistorischen Arbeiten interessiert war, knüpfte damit auch an seinen Amtsvorgänger Johannes Walther an, der 1930 mit einem viel beachteten Band an Goethe als Naturforscher und Leopoldina-Mitglied erinnert hatte.

Nachdem im Mai 1941 Schmid, Troll und Wolf vom Präsidenten Abderhalden mit der Herausgabe beauftragt worden waren, konnte wenige Wochen darauf der Vertrag mit dem Weimarer Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger unterzeichnet werden: eine Verbindung, die über Jahrzehnte und unter wechselnden Bedingungen standgehalten hat. Nach der Beilegung eines Konflikts mit einer seit Anfang der dreißiger Jahre im Erscheinen begriffenen Welt-Goethe-Ausgabe konnten die Herausgeber mit ihrer Tätigkeit beginnen.

Der Krieg und seine Folgen blieben nicht ohne Einfluss auf die Edition. So hatten Troll und Wolf bereits im Juni 1945 Halle verlassen müssen und lebten seitdem in der französischen Besatzungszone beziehungsweise dem späteren Land Rheinland-Pfalz. Technische Schwierigkeiten verzögerten das Erscheinen des ersten, von Günther Schmid bearbeiteten Bandes (LA I 1) bis 1947; in seinem Todesjahr, 1949, folgte der zweite Band (LA I 2). Da die Welt-Goethe-Ausgabe ihr Erscheinen eingestellt hatte, bot der Physiologe Rupprecht Matthaei seine ursprünglich für dieses Vorhaben gedachte Bearbeitung von Goethes Studien zur Optik und Farbenlehre bis 1808 der Leopoldina-Ausgabe an. Er wurde unter die Herausgeber aufgenommen, und sein Band (LA I 3) erschien im Jahr 1951. Danach wurde den personellen Veränderungen und neuen Anforderungen Rechnung getragen und die Konzeption der Leopoldina-Ausgabe revidiert.

Die Leopoldina-Ausgabe als historisch-kritische und kommentierte Edition

Zu Beginn der fünfziger Jahre kam Karl Lothar Wolf in Kontakt mit dem Herausgeber der in Vorbereitung befindlichen historisch-kritischen Berliner Akademie-Ausgabe von Goethes dichterischem Werk, Ernst Grumach, sowie dem Herausgeber von Goethes amtlichen Schriften, Willy Flach. Es entstand der Plan, die Leopoldina-Ausgabe zu einer historisch-kritischen Edition umzugestalten. Durch Anwendung einheitlicher editorischer und gestalterischer Kriterien sollten die drei Ausgaben als Reihen einer neuen Gesamtausgabe benutzt werden können. Die gemeinsamen Editionsprinzipien wurden abgestimmt und 1958 veröffentlicht.

Realisiert wurde das neue Konzept hauptsächlich von der Biologin und Germanistin Dorothea Kuhn, die seit 1952 als Bearbeiterin und seit 1964 als Herausgeberin der Leopoldina-Ausgabe wirkt, und durch den Mineralogen Wolf von Engelhardt, der nach mehrjähriger Mitarbeit seit 1970 zu den Herausgebern gehört. Besonders Dorothea Kuhn ist es zu verdanken, dass dieses große Editionsprojekt nicht an den Schwierigkeiten in Folge der deutschen Teilung gescheitert ist. Seit dem Tod von Karl Lothar Wolf (1969), Rupprecht Matthaei (1976) und Wilhelm Troll (1978) zeichnen Dorothea Kuhn und Wolf von Engelhardt für die Herausgabe der Leopoldina-Ausgabe verantwortlich. Sie gewannen 1976 den Physiker und Wissenschaftshistoriker Horst Zehe für die weitere Bearbeitung der Schriften zur Optik und Farbenlehre.

Nach der Wiedervereinigung der deutschen Staaten gelang durch den Einsatz des Präsidenten der Akademie, Benno Parthier, und der Herausgeber die von Anfang an vermisste Institutionalisierung der Leopoldina-Ausgabe. Es wurden an der Akademie zwei aus Mitteln des Bundes und des Landes Sachsen-Anhalt finanzierte Planstellen geschaffen. So konnte die Biologin und Wissenschaftshistorikerin Gisela Nickel eingestellt werden, die den zweiten Band der zweiten Abteilung (LA II 2) bearbeitete, und der Zahnarzt und Medizinhistoriker Thomas Nickol, der gemeinsam mit Horst Zehe die Bearbeitung der Schriften zur Farbenlehre nach 1810 fortsetzte (LA II 5B). Seit 1996 ist die Leopoldina-Kommission „Wissenschaftliche Akademienvorhaben“ für die Ausgabe verantwortlich. Der in diese einführende Doppelband (LA II 1A und 1B) konnte im Juni 2003 von der Literaturhistorikerin Jutta Eckle begonnen werden. 2004 wurde Irmgard Müller, Professorin für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften in Bochum, in den Kreis der Herausgeber aufgenommen. Seit 2008 wird ein Gesamtregister der Ausgabe erarbeitet, das aus Verzeichnissen (bearbeitet von der Historikerin Uta Monecke) und Namen- und Ortsregistern (bearbeitet von dem Historiker und klassischen Archäologen Bastian Röther) bestehen wird.

Literaturhinweise

  • Berg, Wieland: Arion IV. - Goethe als Mitglied der Leopoldina. In: Salve Academicum II. Beiträge zur Geschichte der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Schweinfurt 1991. (Veröffentlichungen des Stadtarchivs Schweinfurt; 5) S. 109-126.
  • Eckle, Jutta : „Der Präsident gibt seiner Freude darüber Ausdruck, daß der Deutschen Akademie der Naturforscher eine wertvolle Aufgabe erwachsen ist.” - Zu den Anfängen der Leopoldina-Ausgabe „Goethe. Die Schriften zur Naturwissenschaft”. In: Vorträge und Abhandlungen zur Wissenschaftsgeschichte 2011/2012. Acta Historica Leopoldina 59 (2012), 95-110.
  • Einführung in die Leopoldina-Ausgabe Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. Weimar: Herm. Böhlaus Nachf., 2000. 75 S., Ill.
  • Grumach, Ernst und Wolf, Karl Lothar: Zu den Akademie-Ausgaben von Goethes Werken. In: Jb. der Goethe-Gesellschaft N.F. 20 (1958), 309-310.
  • Kuhn, Dorothea: Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. Über Inhalt und Gestaltung der Leopoldina-Ausgabe. In: Jb. der Goethe-Gesellschaft N.F. 33 (1971), 123-146.
  • Kuhn, Dorothea: Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. In: Acta Historica Leopoldina, Supplementum 1 (1977), 89-92.
  • Kuhn, Dorothea: „Erfahrung, Betrachtung, Folgerung durch Lebensereignisse verbunden“. Zur Geschichte der Leopoldina-Ausgabe von Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. In: Zur Edition naturwissenschaftlicher Texte der Goethezeit. Acta Historica Leopoldina 20 (1992), 11-20.
  • Kuhn, Dorothea: Die Leopoldina-Ausgabe der Naturwissenschaftlichen Schriften Goethes. In: Jahrbuch 1999. Leopoldina (R3) 45 (2000), 315-330, 1 Tab.
  • Kuhn, Dorothea; Nickel, Gisela; Nickol, Thomas; Kanz, Kai Torsten: Wissenschaftsgeschichte und Editionen der Leopoldina. In: 350 Jahre Leopoldina: Anspruch und Wirklichkeit. Festschrift der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina 1652-2002, hrsg. von Benno Parthier und Dietrich von Engelhardt. Halle: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina, 2002, S. 659-678, Ill. 
  • Wolf, Karl Lothar: Goethes Schriften zur Naturwissenschaft. In: Forschungen und Fortschritte 31 (1957), 261-263.
  • Wolf, [Karl] Lothar: Plan, Struktur und Stand der Arbeiten an der ”Leopoldina-Ausgabe“. In: Weimarer Beiträge 6 (1960), 1161-1167.

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