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Nationale Empfehlungen

Medizinische Versorgung im Alter - Welche Evidenz brauchen wir? (2015)

 

(2015 , 88 Seiten, 1 Abbildungen, 1 Tabellen ,ISBN: 978-3-8047-3427-2 )

Sehr alt zu werden, ist heute in Deutschland keine Ausnahmeerscheinung mehr. Rund 4,5 Millionen Menschen (5,4 Prozent der Bevölkerung) sind 80 Jahre und älter, und ihre Zahl wächst. Seit den letzten Dekaden sind es die über 85-jährigen Menschen, die am schnellsten und am meisten an Lebenszeit gewinnen. Für diese wachsende Bevölkerungsgruppe lässt sich eine Vielzahl positiver Nachrichten vermelden. Die steigende Lebenserwartung und die über eine längere Zeit bessere Gesundheit alter Menschen sind neben anderen Faktoren auch auf therapeutische und präventive Leistungen zurückzuführen. Kranke alte Menschen haben jedoch unter Umständen wesentlich andere medizinische Bedürfnisse als jüngere, was im Gesundheitssystem Deutschlands nicht entsprechend berücksichtigt wird.

Der hohe Standard, der in der Medizin sowohl in der Versorgung als auch in der Erforschung von Erkrankungen und der Entwicklung von Therapien gilt, ist typischerweise auf Patientinnen und Patienten mittleren Alters mit einer einzelnen Erkrankung ausgerichtet. Entsprechend wird häufig Wissen, das an Menschen im mittleren Alter gewonnen wird, auf alte Patientinnen und Patienten übertragen – obwohl diese sich körperlich und geistig, in ihren medizinischen Versorgungsprioritäten und Lebensumständen von Jüngeren unterscheiden. Dies ist keine gute wissenschaftliche Praxis und führt oftmals nicht nur zu einer unangemessenen Versorgung, sondern gefährdet alte Menschen
mitunter.

Alte Menschen, die häufig chronisch mehrfach erkrankt sind, nehmen viele Medikamente gleichzeitig ein, die jeweils auf eine Einzelerkrankung ausgerichtet sind. Diese polypharmazeutische Behandlung entspricht bisweilen nicht den Gesundheitszielen alter Patientinnen und Patienten und kann sogar ein beträchtliches Gesundheitsrisiko darstellen. Es fehlt externe Evidenz, wie multimorbide alte bis sehr alte Menschen besser zu behandeln wären. Es mangelt an Leitlinien, die auf die aktuellen Wissenslücken und Gefahren hinweisen. Gleichzeitig werden wichtige Medikamente oft nicht angeboten. Daher ist zwangsläufig eine Forschung indiziert, die für alte Menschen spezifisch wissenschaftliche Evidenz hervorbringt. Neue Behandlungsziele rücken in den Vordergrund und bestimmen die Indikationsstellung für pharmakotherapeutische, operative und andere Interventionen: Bei jüngeren Patientinnen und Patienten bestimmen Heilung, Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit oder die langfristige Prognose das Handeln. Demgegenüber sind es bei alten Patientinnen und Patienten häufig die Selbstständigkeit, die Lebensqualität trotz Beschwerden und die Symptomlinderung.

Der Druck, die Versorgungssituation für alte Menschen schnell und wirksam zu verändern, wächst mit dem sich rasch vollziehenden demografischen Wandel. Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten sowie Pflegende müssen sich in ihrem Regelbetrieb – gerade auch im Krankenhausbereich – auf alte und sehr alte Menschen einstellen. Das betrifft auch die Aus-, Weiter- und Fortbildung des Personals und die Zusammenarbeit mit anderen Versorgenden. Von der fehlenden wissenschaftlichen Evidenz bis zur Umsetzung in die Praxis der Versorgung muss an allen Punkten der medizinischen Versorgungskette der alte Mensch mit seinen Besonderheiten gezielt in den Blick genommen werden.

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Elmar König

Leiter der Abteilung Wissenschaft – Politik – Gesellschaft, Leiter Berliner Büro

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