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Press Release | Wednesday, 17. December 2003

Deutsche Energieforschung und Energiepolitik auf dem Prüfstand

Thesenpapier der Leopoldina als Ergebnis der Leopoldina-Jahresversammlung "Energie" vom Oktober 2003

Zusammenfassung
Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina hat bei ihrer Jahresversammlung, die vom 17. bis 20. Oktober 2003 in Halle (Saale) stattfand, Fragen der langfristigen Energieversorgung in der Bundesrepublik Deutschland diskutiert. Als Ergebnis lassen sich unsere Schlussfolgerungen in diesen Forderungen an die Politik festhalten: 

  • Die erfolgreichen Energiesparmaßnahmen Deutschlands in Haushalt, Industrie und Verkehr müssen weiter verfolgt werden.
  • Die Bundesrepublik Deutschland ist zur Zeit auf dem Versorgungsmarkt mit Erdöl und Erdgas nicht ausreichend positioniert. Wegen der in Zukunft immer knapper werdenden Ressourcen ist eine langfristige Absicherung dringend notwendig.
  • Erneuerbare Energien werden unseren zukünftigen Bedarf an Strom, Wärme und Treibstoffen nur zu einem geringen Teil decken können. Neben wissenschaftlich- technischen Gründen wird auch die zu erwartende Verteuerung der Energiekosten Grenzen der Bezahlbarkeit im Rahmen der Wirtschaftskraft setzen. Eine langfristige Absicherung der Energieversorgung wird nur möglich sein, wenn eine sinnvolle Mischung aus Energie von fossilen Brennstoffen, Kernenergie und erneuerbarer Energie angestrebt wird. Schritte in diese Richtung müssen eingeleitet werden.
  • Durch die gegenwärtige Politik der Bundesregierung geht unser Know-how auf dem Gebiet der Kernenergie- Nutzung verloren. Die in Deutschland konzipierten und entwickelten katastrophenfreien Hochtemperatur-Reaktoren werden zur Zeit im Ausland (z.B. in China) weiterentwickelt und müssen wahrscheinlich in Zukunft importiert werden. Es ist dringend erforderlich, das gegenwärtige entsprechende Know-how zu erhalten.  

Bei der weiteren Behandlung der Energiethematik in Politik und Öffentlichkeit ist es wichtig, einen Kontext zu schaffen, in dem Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit effektiv miteinander kommunizieren, um die Zukunft Deutschlands am Energiemarkt zu sichern. Die vergangenen Diskussionen waren allzu stark von wechselseitigen Missverständnissen und von Misstrauen geprägt. Dies hat anlässlich der Jahresversammlung auch eine exemplarische Analyse der schweizerischen Entscheidungsprozesse während der Kernenergiedebatte ergeben. Die Komplexität des Energiethemas bedarf einer umfassenden Behandlung, bei der unter Berücksichtigung der naturwissenschaftlich-technischen Fakten und der ökologischen Notwendigkeiten die gesellschaftlichen und politischen Langzeitperspektiven entwickelt werden. Dies ist ein Lernprozess, der alle Strukturen der Gesellschaft einschließlich der Wissenschaft betrifft.  

I. Langfristig Energieversorgung sichern
Ein vernünftiger Einsatz der auf der Erde zur Verfügung stehenden Energieressourcen wird entscheidend für die globale Zukunft sein. Dies gilt insbesondere für ein Land wie Deutschland mit ganz wenigen eigenen Energiequellen. Es ist notwendig, einen langfristigen Weg unserer Versorgung mit Strom, Wärme und Treibstoffen zu finden, der die Begrenzung der vorhandenen Ressourcen und drohende Versorgungsmonopole einerseits und die Umweltbelastung andererseits berücksichtigt. Planung und Umsetzung in der Energieversorgung haben eine Vorlaufzeit von vielen Jahren, deshalb ist eine Entscheidung längst überfällig, um Schwierigkeiten in der Versorgung mit Energie zu vermeiden.

Schwerpunkte der Leopoldina-Jahresversammlung "Energie", die vom 17. bis 20. Oktober 2003 in Halle (Saale) stattfand, waren Fragen unserer langfristigen Energieversorgung und der zukünftigen Bedeutung der erneuerbaren Energien. Die Diskussionen haben sich vorwiegend mit den wissenschaftlichen und technischen Grundlagen, den wirtschaftlichen Aspekten und dem notwendigen Forschungsbedarf beschäftigt. Im Mittelpunkt stand dabei die gegenwärtige Situation in der Bundesrepublik Deutschland.

Im folgenden werden die Ergebnisse der Tagung dargestellt und die Konsequenzen daraus diskutiert, die unter den Schlüsselbegriffen Versorgungssicherheit, Verfügbarkeit und Wirtschaftlichkeit stehen. Die Akademie bereitet zur Zeit eine ausführliche Publikation der Ergebnisse vor, die in einigen Monaten als Buch vorliegen wird.

II. Deutschland – eines der energieeffizientesten Länder der Welt
Bemerkenswert ist, dass Deutschland eines der energieeffizientesten Länder der Welt ist. Durch Einsatz von Energiesparmaßnahmen in Haushalt, Industrie und Verkehr ist bereits ein hoher Grad an Einsparungen erreicht worden, der dazu geführt hat, dass der Bedarf an Primärenergie weniger angestiegen ist als erwartet. Zu einem Teil ist dies allerdings auch darauf zurückzuführen, dass energieintensive Industrien Standorte in Ländern mit niederen Energiekosten bevorzugt haben oder aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen worden sind. Die Bemühungen, Energie einzusparen, sollten auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

III. Fossile Energieträger
Für die nächsten Jahrzehnte wird die Energieversorgung mit fossilen Brennstoffen noch den größten Teil unserer Versorgung mit Strom, Wärme und Treibstoffen ausmachen. Es ist notwendig, die Versorgungssicherheit Deutschlands mit fossilen Brennstoffen durch eine langfristige Energiepolitik zu garantieren. Andere große europäische Länder haben eine bessere Positionierung in puncto Erdöl- und Erdgasversorgung erreicht, als die Bundesrepublik Deutschland. Die günstige geographische Lage Deutschlands zu den Gasvorräten Russlands bietet einen sehr großen Vorteil, der den Verbrauch bei den fossilen Brennstoffen zugunsten von umweltfreundlichem Erdgas verschieben sollte.

Die Steigerung der Effizienz von Kraftwerken durch den Einsatz neuer Materialien ist sehr wesentlich, ebenso wie die Steigerung der Effizienz der Verbrennungsmotoren. In diesem Zusammenhang ist auch die Entwicklung der Brennstoffzelle von besonderer Bedeutung. 
Methanhydrat auf dem Meeresboden bietet möglicherweise eine große Energiereserve, deren Ausbeute allerdings auch Gefahren für das Klima mit sich bringen kann. Die Forschung auf diesem Gebiet ist deshalb erforderlich und auf beide Aspekte zu richten. 

IV. Erneuerbare Energie
a) Biomasse und Biotreibstoffe. Bei der Deckung des Energiebedarfs durch nachwachsende Rohstoffe kann derzeit nur von einem unter 10% liegenden Anteil für Strom, Treibstoffe und Wärme ausgegangen werden. Im Rahmen der Europäischen Gemeinschaft werden langfristige Versorgungsmöglichkeiten verfolgt, wobei als Ziel eine Deckung von höchstens 10 % des Energiebedarfs gesehen wird.

b) Nutzung der Solarenergie. Es ist im Moment nicht abzusehen, ob diese Form der Energienutzung in der Bundesrepublik Deutschland einen größeren Beitrag zur Energieversorgung liefern kann. Sie ist jedoch als lokale Versorgungsnische in abgelegenen Standorten und durch Einsatz von Solarkollektoren zur Gebäudeheizung und Warmwasserversorgung geeignet. Solarenergie kann jedoch künftig eine große Rolle spielen, falls Forschung und Entwicklung auf dem Gebiet der Nutzung der Solarenergie, wie etwa die Entwicklung von Photozellen einer neuen Generation, die Untersuchung photochemischer Prozesse, wie etwa die katalytische Wasserspaltung, und ähnliche Prozesse zu durchbruchartigen Erfolgen führen werden. Gleichzeitig muss die Frage einer sinnvollen Energiespeicherung angegangen werden, da eine ausgiebige Nutzung der Sonnenenergie nur dann möglich sein wird, wenn entsprechende Speicher für Perioden geringerer oder nicht verfügbarer Sonneneinstrahlung vorliegen.

c) Wasser und Wind. Die Nutzung der Wasserkraft ist in Deutschland weitgehend ausgeschöpft. Es ist offensichtlich, dass der Anteil der Stromerzeugung durch Wind begrenzt ist, da die Windmenge sehr starken Schwankungen unterworfen ist und deshalb eine Grundlastversorgung auf andere Weise gewährleistet sein muss: Die erforderliche dauerhafte Verfügbarkeit ist also nicht gegeben. Es kann deshalb auf absehbare Zeit keinesfalls mehr als etwa 15 % der notwendigen elektrischen Energie durch Windanlagen bereitgestellt werden. Technologisch und wirtschaftlich sinnvoll ist vor allem eine Erzeugung von Windenergie an küstennahen, ökologisch unbedenklichen Standorten. Gleichzeitig sind aber auch Vorkehrungen für Leistungskompensation bei Windflauten und für ein ausreichend weitgreifendes Stromverteilungsnetz zu treffen.

d) Geothermische Energie. Die Nutzung geothermischer Energie spielt in Deutschland nur eine Nebenrolle und kann bestenfalls für Hauswärme eingesetzt werden. Weltweit erbringen Erdwärmekraftwerke ca. 0,4 % der gesamten Stromproduktion, hauptsächlich durch Nutzung natürlicher Heißdampfquellen mit ausreichend hohen Dampftemperaturen bis zu etwa 200oC.

V. Energieerzeugung durch Kernspaltung und Kernfusion
a) Spaltung. Die Grundversorgung mit Energie wird in der näheren Zukunft nicht ohne die Kernenergie auskommen. Die Versorgung mit fossilen Energieträgern wird schwieriger werden, und die erneuerbaren Energien werden so schnell keinen Ausgleich schaffen können. Aus diesem Grunde wird die Kernenergie für den Übergang notwendig sein. Neue Technologien, wie z.B. der Hochtemperaturreaktor, führen zu einer größeren Sicherheit als bei den zur Zeit im Einsatz befindlichen Reaktortypen. Die Weiterentwicklung dieser katastrophenfreien Reaktoren, die im wesentlichen in Deutschland ihren Ursprung hatte, ist in den letzten Jahren vernachlässigt worden. Diese Form der Energie wird in Zukunft unentbehrlich sein, auch zur Energieversorgung der Schwellenländer. Der damit verbundene Anstieg des Gesamtenergiebedarfs in der Welt kann wegen der Umweltproblematik und der begrenzten fossilen und erneuerbaren Ressourcen nur durch die Kernenergie gedeckt werden. Die Problematik der Wiederaufbereitung und Endlagerung der Brennelemente wird für lösbar gehalten. Es ist notwendig, dass der Einsatz von Kernenergie in Deutschland neu überdacht wird. In diese Überlegungen sollten der steigende Zugriff europäischer Staaten auf die Kernenergie sowie das energiepolitisch offene Handeln von Schwellenländern einfließen.

b) Fusion. Langfristig wird es notwendig sein, die Energieerzeugung durch Kernfusion zur technischen Einsatzreife zu führen. Auf diesem Gebiet gibt es internationale Anstrengungen, in deren Rahmen zur Zeit das Tokamak- Großexperiment ITER mit einem brennenden Fusionsplasma vorbereitet wird. Nach der Realisierung dieser Anlage werden noch weitere langjährige Entwicklungsarbeiten folgen müssen, bis eine breite Nutzung der Fusion möglich ist. Es ist dringend erforderlich, dass sich die Bundesrepublik Deutschland, die bisher bereits grundlegende Beiträge geleistet hat, weiter in angemessener Weise an diesen Forschungs- und Entwicklungsvorhaben beteiligt.

VI. Ausblick
Bei der weiteren Behandlung der Energiethematik in Politik und Öffentlichkeit ist es wichtig, einen Kontext zu schaffen, in dem Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit effektiv miteinander kommunizieren, um die Zukunft Deutschlands am Energiemarkt zu sichern. Die vergangenen Diskussionen waren allzu stark von wechselseitigen Missverständnissen und von Misstrauen geprägt. Dies hat anlässlich der Jahresversammlung auch eine exemplarische Analyse der schweizerischen Entscheidungsprozesse während der Kernenergiedebatte ergeben. Die Komplexität des Energiethemas bedarf einer umfassenden Behandlung, bei der unter Berücksichtigung der naturwissenschaftlich-technischen Fakten und der ökologischen Notwendigkeiten die gesellschaftlichen und politischen Langzeitperspektiven entwickelt werden. Dies ist ein Lernprozess, der alle Strukturen der Gesellschaft einschließlich der Wissenschaft betrifft. 

Halle (Saale), im Dezember 2003

Das Thesenpapier entstand in einer ad-hoc-Kommission unter Vorsitz des Präsidiumsmitglieds Prof. Herbert Walther (München). Weitere Kommissionsmitglieder waren Prof. Siegfried Großmann (Marburg), Prof. Klaus Heinloth (Bonn), Prof. Klaus Pinkau (Garching), Prof. Joachim Trümper (Garching), Prof. Hermann-Josef Wagner (Bochum), Prof. Dietrich Welte (Jülich) und Prof. Sigmar Wittig (Köln). 

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