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G7- und G20-Politikberatung

„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“

Interview mit Sigmar Wittig, Mitglied des Präsidiums der Leopoldina

„Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen“

Foto: David Ausserhofer für die Leopoldina

Im Vorfeld des G7-Gipfels im französischen Biarritz vom 24. bis 26. August 2019 haben die Nationalen Akademien der Wissenschaften der G7-Staaten erneut Empfehlungen für die Staats- und Regierungschefs erarbeitet. Eine der drei G7-Stellungnahmen thematisiert die Entwicklung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI). Im Interview umreißt Prof. Dr. Sigmar Wittig, Mitglied des Präsidiums der Leopoldina, die Zusammenarbeit mit der Académie des Sciences in diesem Politikfeld.

Leopoldina: Künstliche Intelligenz ist derzeit eines der spannendsten Themen der internationalen Wissenschaftspolitik. Was macht die Leopoldina auf diesem Gebiet?
Sigmar Wittig: Künstliche Intelligenz ist ein Zukunftsthema, mit dem sich die Leopoldina schon seit Jahren beschäftigt. Wir haben dazu zahlreiche Konferenzen und Symposien organisiert, etwa mit der Koreanischen Akademie der Wissenschaften und Technologie. Besonders erfreulich ist die Kooperation mit der Académie des Sciences, mit der wir zuletzt das „Robotics AI“-Symposium im September 2018 veranstaltet haben. Dass sich der nächste G7-Gipfel in Frankreich auch mit dem Thema KI befasst, stimmt uns froh. Es ist wichtig, sich zu positionieren, gerade in Abstimmung mit anderen Partnerakademien.

Welche Themen stehen bei der Leopoldina-Stellungnahme zur KI auf dem G7-Gipfel im Vordergrund – und warum?
Wir haben uns in der KI-Stellungnahme mit Frankreich als G7-Gastgeber abgestimmt. Auf dessen Seite gibt es große Anstrengungen bei der Entwicklung von Algorithmen und der Datenverarbeitung, für die deutsche Seite war zum Beispiel das Thema Industrie 4.0 sehr wichtig. Unsere Interessen haben sich damit auf dem Gebiet der Robotik hervorragend ergänzt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist der Datenschutz, zum Beispiel in der Medizin der Umgang mit Patientendaten. Dazu kommen grundlegende Fragen wie etwa die Digitalisierung im Bereich der Mobilität und der Industrieproduktion.

Welche weiteren Arbeitsschritte planen die Leopoldina und die französische Académie des Sciences?
Wir werden unsere Aktivitäten fortführen und im Austausch überlegen, wie wir gemeinsame Institutionen auf dem Gebiet der KI etablieren können. Wir diskutieren darüber mit den  Forschungsministerien und anderen Verantwortlichen beider Länder. Mit der Robotik haben wir einen wichtigen Ansatz für die weitere gemeinsame Arbeit gefunden. Das lässt sich erweitern, etwa auf dem Gebiet der Digitalisierung im Bereich des autonomen Fahrens.

Übergreifendes Ziel für Europa ist eine KI-Strategie. Warum?
Es ist unstrittig, dass es eine europäische KI-Strategie braucht. Klar ist aber auch, dass man diese nicht alleine im nationalen Rahmen formulieren oder auf Frankreich und Deutschland beschränken kann. Alle europäischen Staaten müssen sich hier einbringen, KI macht nicht an den Ländergrenzen Halt.

Die Ausrichtung der KI in Silicon Valley gilt eher als konsum- und technologiefokussiert, in China als verstärkt von der Politik getriebene Nutzung. Welchen Ansatz sollte eine europäische KI-Strategie haben?
Eine KI-Strategie für Europa muss von der Gesellschaft akzeptiert sein. Die KI wird soziale Umwälzungen mit sich bringen, deshalb muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. Wir müssen den Menschen ausreichende digitale Kompetenzen vermitteln sowie Zeit und Freiräume geben, sich an die neuen Entwicklungen zu gewöhnen. Dafür braucht es ethisch-soziale Standards. Die Entwicklung darf im Unterschied zu anderen Ländern nicht Gefahr laufen, die Gesellschaft zu überfordern.

Welche Erwartungen an der Politik haben Sie mit der KI-Stellungnahme auf dem G7-Gipfel?
Ich wünsche mir, dass unsere Position dort Zustimmung findet. Dass also einerseits auf die Gesellschaft Rücksicht genommen wird, andererseits aber Wirtschaft und Industrie sich im Wettbewerb entwickeln können und es zu einem Austausch kommt, falls Probleme entstehen.
 
Auf dem G7-Gipfel präsentieren die Nationalakademien zwei weitere Stellungnahmen zu „Citizen Sciences“ und „Trust in Science“. Was versprechen Sie sich davon?
Die Wissenschaft muss sich fragen lassen, in wieweit die Gesellschaft derzeit noch bereit ist,  wissenschaftlichen Aussagen zu folgen: Die Skepsis ist groß, das Vertrauen schwindet. Der Wissenschaft muss es wieder gelingen, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Dazu zählt zum Beispiel, dass Wissenschaftler darlegen, was eine neue Erkenntnis bedeutet, welche Folgen sie haben kann und dass es auch noch Fragen gibt, auf die die Wissenschaft noch keine gesicherten Antworten hat. Beide Stellungnahmen helfen hoffentlich mit, dem Vertrauensschwund der Gesellschaft in die Wissenschaft entgegenzuwirken.



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