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Nachricht │ Montag, 8. November 2010

Schutzimpfungen – Chancen und Herausforderungen

Schutzimpfungen – Chancen und Herausforderungen

Prof. Dr. Stefan Kaufmann
Foto: Miriam Buchmann-Alisch / Leopoldina

Das Symposium „Schutzimpfungen“, das am 8. November 2010 in der Berliner Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt stattfand, klärte darüber auf, wie bedeutsam Impfungen für die nationale und globale Gesundheit sind, und gab Wissenschaftlern und anderen Interessierten Einblicke in die aktuelle Impfstoff-Forschung.


Prof. Dr. Stefan Kaufmann ML, Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin, erinnerte daran, dass die Weltgesundheitsorganisation erst 1980 offiziell die Pocken für global besiegt erklärt hatte. Auch andere Krankheiten konnten in der über 200-jährigen Geschichte der Infektionsforschung weitgehend zurückgedrängt werden, insbesondere die so genannten Kinderkrankheiten Masern, Mumps, Röteln, Kinderlähmung, Diphtherie und Tetanus. „Wo immer flächendeckend, breitbandig und effizient Impfungen eingesetzt wurden, gab es einen drastischen Rückgang an Krankheiten“, erklärte Kaufmann. „Fünf Millionen Menschenleben werden jährlich durch Impfstoffe gerettet.“

Weltweit habe sich in den letzten 50 Jahren die Zahl der Todesfälle unter Kleinkindern halbiert. „Experten sind sich einig, dass weit über die Hälfte dieser geretteten Leben auf Impfstoffe zurückzuführen sind.“ Kaufmann plädierte dafür, Impfstoffe erschwinglicher zu machen und mehr Geld für Forschung auszugeben.

Variationen innerhalb eines Subtyps

Denn noch immer ist auch die Grippe eine große Herausforderung für die Wissenschaft, wie Prof. Dr. Peter Palese ML von der Mount Sinai School of Medicine betonte: „Jährliche Variationen auch innerhalb eines Subtyps machen es schwer, Impfviren zu finden. Wir arbeiten an verbesserten universellen Impfstoffen für die saisonale Grippe auf der einen und Pandemien auf der anderen Seite.“

Ein oft vernachlässigter Faktor sind Infektionen, die Patienten sich in Krankenhäusern zuziehen. Prof. Dr. Alexander von Gabain vom Wiener Biotech-Unternehmen Intercell sprach von erschreckend hohen Zahlen an Infektionen und Todesfällen und forderte eine bessere Vorsorge: „Bevor jemand ins Krankenhaus kommt, muss sein Immunsystem Nachhilfe bekommen.“ Impfungen seien hierfür der beste und einfachste Weg. Doch um gegen Keime anzugehen, gegen die es noch keine Impfstoffe gibt, müsse die Forschung neue Wege gehen, zum Beispiel Antigene entwickeln.

Impfungen gegen Allergien, Autoimmunerkrankungen und Krebs sind denkbar

Während Impfungen bislang ausschließlich zur Kontrolle von Infektionskrankheiten eingesetzt wurden, erschließt die moderne Immunologie seit einiger Zeit weitere Anwendungsbereiche. Impfungen gegen Allergien, Autoimmunerkrankungen und Krebs sind in den Bereich des Denkbaren gerückt.
Prof. Dr. Andreas Radbruch ML vom Deutschen Rheuma-Forschungszentrum setzt dabei auf ein tieferes Verständnis des immunologischen Gedächtnisses.

Impfungen nutzen die Tatsache, dass das Immunsystem sich an Krankheitserreger erinnern kann, denen es einmal begegnet ist: „Das angeborene Immunsystem erkennt makrobielle Muster. Es reagiert, aktiviert das erworbene Immunsystem, welches daraufhin ein immunologisches Gedächtnis bildet.“ Etwa 10.000 Antigene passen in dieses immunologische Gedächtnis, das erstaunlich flexibel ist und sich perfekt an wechselnde, aber auch wiederkehrende Krankheitserreger anpassen kann. Die Kehrseite: Es kann auch chronische Krankheiten begünstigen. Möglicherweise ein Grund dafür, dass Allergien und Autoimmunerkrankungen noch immer unheilbar sind und neue Therapiestrategien erfordern.

Auf die Zusammenarbeit mit Nachbartechnologien wie Nanotechnologie und Physik setzt Dr. Jan ter Meulen von den Merck-Forschungslaboratorien (USA). Einer von vielen technologischen Durchbrüchen ist ein Impfpflaster (intradermale Impfung), in das hunderte winziger Nadeln eingelassen sind, die aus Zuckermolekülen und dem Impfstoff bestehen. Es dringt lediglich in die oberste Hautschicht ein und löst sich dann auf.

Molekulare Mechanismen verstehen

„Bei neuartigen Impfstoffen ist es außerdem wichtig, den molekularen Mechanismus zu verstehen, um mögliche Nebenwirkungen voraussehen zu können“, sagte Dr. Christian Mandl, Impfstoffforscher beim Pharmakonzern Novartis (USA). Anhand des genetischen Bauplans eines Erregers lassen sich jene mikrobiellen Eiweiße ausfindig machen, gegen die ein Impfstoff wirken könnte. Dieses Verfahren (reverse Vakzin-Entwicklung) ist schnell und könnte beispielsweise erstmals Schutz gegen die potenziell tödlichen Erreger von Hirnhautentzündung bieten.

Doch trotz aller Erfolge im weltweiten Einsatz von Impfstoffen macht sich in vielen Industrieländern eine „Impfmüdigkeit“ bemerkbar. Um Skeptikern zu begegnen, diskutierte Dr. Ulrich Heininger vom Universitäts-Kinderspital Basel häufig gestellte Fragen und gab zu bedenken, dass bei manchen Krankheiten die Sterblichkeit immer noch hoch sei. Mumps und Keuchhusten beispielsweise können zu Hirnschäden und sogar zu plötzlichem Tod führen. Die Beobachtung, dass Infektionen in der Kindheit einen Entwicklungsschub bewirken, beruhe auf reiner Koinzidenz. Ebensowenig würden Krankheiten das Immunsystem stärken. „Nachweislich sind geimpfte Kinder nicht anfälliger für Infekte“, erklärte der Kinderarzt. „Das Immunsystem ist kein Muskel. Es arbeitet von Geburt an und braucht keine Übung.“

Eine neue Form der Impf-Unsicherheit tauchte während der Schweine-grippe-Pandemie auf: Die Angst vor dem Virus H1N1 ging über in die Angst vor Verstärkern (Adjuvantien) im Impfstoff. Im Nachhinein scheinen die Sorgen weitgehend unbegründet gewesen zu sein. „Der mit Adjuvans versehene Impfstoff Pandemrix wurde millionenfach angewendet, ohne dass wesentliche Nebenwirkungen auftraten“, berichtete Dr. Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut in Darmstadt, das Nutzen-Risiko-Analysen von Impfstoffen durchführt.
„Impfung ist immer ein Drahtseilakt zwischen Hysterie und Optimismus – in allen Phasen der Entwicklung eines Impfstoffs“, schloss Kaufmann. „Daher sollte immer ein Diskurs mit der Allgemeinbevölkerung stattfinden.“

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