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Pressemitteilung | Dienstag, 24. Oktober 2000

Presseinformation 12/2000

Taube Patienten können hoffen, auch für Blinde werden die Aussichten immer besser - Zusammenfassung einiger wissenschaftlicher Ergebnisse des Leopoldina-Meetings "Implantate – Transplantate" am 13. & 14. Oktober 2000 in Halle (Saale)

Neue medizin-technische Entwicklungen ermöglichen es tauben Patienten, nach Implantation von Stimulationselektroden in die Gehörschnecke des Ohres Geräusche und Sprache zu verstehen. Diese Botschaft übermittelte Dr. Joachim Müller von der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Würzburg anlässlich des Leopoldina-Meetings "Implantate-Transplantate" am 13. & 14. Oktober 2000 in Halle (Saale). Prof. Dr. Gernot I.W. Duncker (Klinik für Augenheilkunde der Universität Halle/Saale) betonte, dass im Bereich der Hornhaut-Transplantation die methodischen Entwicklungen und die deutlich verbesserte Gewebeverträglichkeit für Blinde große Fortschritte gebracht haben. Im welchem Maße heute bei Patienten, die tumor- oder verletzungsbedingt im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich große Teile des Kieferknochens oder andere Gewebe verloren haben, die Wiederherstellung von Aussehen und Funktion gelingt, zeigte Prof. Dr. Hans Kärcher (Universitätsklinik Graz, Abteilung für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie).

"Es ist ein unbeschreibbares Gefühl, plötzlich wieder hören zu können", sagt ein Patient, der kürzlich in der Hals-Nasen-Ohrenklinik der Universität Würzburg von Oberarzt Privatdozent Dr. med. Joachim Müller operiert wurde. Der Patient, seit Geburt blind, verlor als Erwachsener sein Hörvermögen und konnte seine Umwelt nicht mehr wahr nehmen, berichtete Müller beim Leopoldina-Meeting "Implantate-Transplantate" am 13. & 14. Oktober in Halle (Saale). Dem Patienten wurde beidseitig in die Gehörschnecke des Ohres eine Stimulationselektrode eingepflanzt, mit deren Hilfe Schallwellen in bioelektrische Impulse umgewandelt und damit für den Patienten wahrnehmbar werden. "Selbst nach längerer Taubheit können Patienten noch lernen, Geräusche und Sprache zu verstehen, allerdings ist die Behandlung um so erfolgreicher, je kürzer der Zeitraum seit dem Hörverlust ist", sagt Müller. Eine besondere Chance erwächst so für taub geborene Kinder, die damit Hören und dann später Sprechen lernen können. Dank entsprechender diagnostischer Möglichkeiten und chirurgischer Kompetenz ist das Team von Prof. Dr. Jan Helms (Direktor der Hals-Nasen-Ohren-Klinik der Universität Würzburg) in der Lage, auch sehr kleinen Kindern diese Chance zu eröffnen.

Die grundlegende physikalische Entwicklungsarbeit von Hörimplantaten geht auf Prof. Dr. Erwin Hochmair vom Institut für angewandte Physik der Universität Innsbruck zurück. Er stellte bei dem Leopoldina-Meeting ein Implantat vor, das nach weiteren Entwicklungsschritten ganz ohne externe Teile auskommen wird und dann mit Fug und Recht als "künstliches Ohr" bezeichnet werden kann.

Für blinde Patienten sind die Aussichten, bald wieder sehen zu können, je nach Erkrankung unterschiedlich, so das Resümee des Meetings. "Viele Patienten missinterpretieren Medienberichte, in denen ins Auge eingepflanzte Sehprothesen (Mikrochips) schon in naher Zukunft zur Wiederherstellung des Sehvermögens führen", erläutert Prof. Dr. Veit-Peter Gabel von der Klinik für Augenheilkunde der Universität Regensburg. Deutsche Forscher arbeiten seit einigen Jahren intensiv in einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstützten Verbund "Retina-Implantate". Trotzdem ist, anders als bei Hörimplantaten, kein wirklicher Durchbruch in Sicht. "Versuche mit implantierten Sehprothesen sind nach wie vor auf Tiermodelle beschränkt" berichtet Gabel.

Dr. Alfred Stett (NMI Naturwissenschaftliches und Medizinisches Institut an der Universität Tübingen) und Dr. Hartmut N. Schwahn (Universitäts-Augenklinik Tübingen) zeigten beim Meeting, dass diese Sehprothesen zu einer Stimulation innerhalb der Netzhaut führen, die vom Gehirn anschließend erkannt wird. Allerdings erweise sich, so Stett, – ähnlich wie beim Hörverlust – dass die Chancen, durch Sehprothesen das Sehvermögen wieder her zu stellen, möglicherweise geringer sind, je länger der Verlust des Sehvermögens zurück liegt. Der Vortrag von Prof. Dr. Gernot I.W. Duncker (Klinik für Augenheilkunde der Universität Halle/Saale) und die Moderationsbeiträge von Prof. Dr. Manfred Tost (Halle/Saale) zeigten dagegen, dass die Fortschritte auf dem Gebiet der Hornhautransplantation durch neue methodische Entwicklungen und durch deutlich verbesserte Gewebeverträglichkeit hervorragend sind.

In welchem Maße heute bei Patienten, die tumor- oder verletzungsbedingt im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich große Teile des Kieferknochens oder andere Gewebe verloren haben, die Wiederherstellung von Aussehen und Funktion gelingt, zeigte Prof. Dr. Hans Kärcher (Universitätsklinikum Graz). Prof. Dr. Dr. h.c. (mult.) Hermann F. Sailer (Klinik für Kiefer- und Gesichtschirurgie, Universitätsspitals Zürich) stellte neue Befunde zur Knochenneubildung der Schädelregion durch den Einsatz von bovinen rekombinanten menschlichen Bone morphogenic proteins (BMP) an bisher 2000 Patienten vor. Sailer hob hervor, dass BMPs am aussichtsreichsten für zukünftiges Tissue engineering in der wiederherstellenden Knochenchirurgie des Gesamtorganismus eingesetzt werden können. Entscheidend für den Erfolg werden die Trägersubstanzen für BMP sein.

Ziel des interdisziplinären Leopoldina-Meetings, an dem Mediziner und Grundlagenforscher aus den Bereichen der Augen-, der Hals-Nasen-Ohren- und der Zahn- Mund-Kiefer-Heilkunde sowie der Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie teilnahmen, war es, die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse der einzelnen Disziplinen zu diskutieren, die von 18 Referenten aus dem In- und dem europäischen Ausland vorgetragen wurden. "In etwa drei Jahren werden wir erneut eine Bestandsaufnahme vornehmen", meinte Prof. Dr. Johannes Klammt aus Schwerin, Senator der Akademie und einer der Initiatoren des Meetings zum Ende der Veranstaltung. Sailer unterstützt den Anstoß von Klammt, in einigen Jahren ein weiteres Leopoldina-Meeting zu diesem Thema durchzuführen, nachdrücklich mit dem Hinweis, dass beim nächsten Meeting auch neurochirugische Kollegen einbezogen werden sollten, mit denen es vielfältige Berührungspunkte gäbe.

"Disziplinen-übergreifende Veranstaltungen sind Aufgabe und Stärke der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina", betont Prof. Dr. Benno Parthier, Präsident der Akademie, zum Sinn und Zweck derartiger Veranstaltungen der ältesten und größten Gelehrtengesellschaft im deutschsprachigen Raum. "Allerdings müssen die Erkenntnisse der Wissenschaft verstärkt der Bevölkerung vermittelt werden, damit diese objektiv über mögliche Heilungschancen informiert werden", sagte er unter dem Hinweis, dass alle Veranstaltungen der Leopoldina öffentlich zugänglich sind.

Publikation der Inhalte:

Die Beiträge dieses Meetings werden in der Buchreihe "Nova Acta Leopoldina" publiziert. Zur Information über die derzeit erhältlichen Bände über frühere Meetings und Symposien wird auf die Homepage (http://www.leopoldina.uni-halle.de) verwiesen.

Zur Akademie Leopoldina:

Die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina (gegründet 1652 in Schweinfurt) mit Sitz in Halle (seit 1878) ist eine überregionale Gelehrtengesellschaft mit gemeinnützigen Aufgaben und Zielen. Sie ist die älteste naturwissenschaftliche Akademie in Deutschland. Sie trägt durch die Jahresversammlungen, fachspezifische Meetings und Symposien, monatliche Vortragssitzungen und die vielfältigen persönlichen Kontakte der Mitglieder "zum Wohle des Menschen und der Natur" bei. Ihr gehören derzeit 988 Mitglieder in aller Welt an. Zwei Drittel der Mitglieder kommen aus den Stammländern Deutschland, Schweiz und Österreich, ein Drittel aus weiteren ca. 30 Ländern. Zu Mitgliedern werden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus naturwissenschaftlichen und medizinischen Disziplinen gewählt, die sich durch bedeutende Leistungen ausgezeichnet haben.

Die Leopoldina wird von einem ehrenamtlichen Präsidium geleitet. Präsident der Leopoldina ist seit 1990 der Biologe Prof. Dr. Benno Parthier (Halle/Saale). Vizepräsidenten sind derzeit der Psychologe Prof. Dr. Paul Baltes (Berlin), der Chemiker Prof. Dr. Gunter Fischer (Halle/Saale), der Virologe Prof. Dr. Volker ter Meulen (Würzburg) und der Chemiker Prof. Dr. Ernst-Ludwig Winnacker (München). Letzterer ist zugleich Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Bonn. Die laufenden Geschäfte der Leopoldina führt eine Generalsekretärin, die Neurobiologin Prof. Dr. Jutta Schnitzer-Ungefug. Die Leopoldina erhält ihre finanziellen Zuwendungen für die satzungsgemäßen Aufgaben zu 80 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und zu 20 Prozent vom Land Sachsen-Anhalt.

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