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Fortpflanzungsmedizin: Regelungs- und Diskussionsbedarf

Fortpflanzungsmedizin: Regelungs- und Diskussionsbedarf

Bild: Fotolia

Eizellspende, Embryonenspende, Leihmutterschaft – in der Fortpflanzungsmedizin ist heute vieles möglich. In Deutschland jedoch sind viele der neuen Verfahren durch das Embryonenschutzgesetz verboten, andere wiederum rechtlich nicht geregelt. Das aus dem Jahr 1990 stammende Gesetz werde als reines Strafgesetz den medizinischen und gesellschaftlichen Entwicklungen nicht mehr gerecht, sagen Experten. Eine Debatte über juristische, medizinische, ethische und psychosoziale Aspekte sei überfällig.

1978 kam in England Louise Brown zur Welt. Das erste Baby, das mit künstlicher Befruchtung gezeugt wurde. Eine Sensation: Einen menschlichen Embryo außerhalb des Mutterleibs, das hatte es bis dahin nicht gegeben. Heutzutage werden in Deutschland mehr als 100.000 künstliche Befruchtungen im Jahr durchgeführt – immer häufiger auch bei homosexuellen oder alleinstehenden Frauen.

Die Fortpflanzungsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Das Verbot bestimmter Fortpflanzungsmethoden muss der Staat demnach gut begründen. Hierzulande untersagte Verfahren wie Eizellspende oder Leihmutterschaft nehmen allerdings manche deutsche Paare im Ausland in Anspruch. Andere, wie die Embryonenspende, sind weitgehend ungeregelt.

Medizinrechtler Jochen Taupitz über Fortpflanzungsfreiheit und neue Methoden: „Wenn befürchtete Risiken ausbleiben, muss der Gesetzgeber das in seine Überlegungen einbeziehen.“

Kritikwürdig: Information und Aufklärung

Über eine rechtliche Neuregelung hinaus geht es aber auch darum, eine breite gesellschaftliche Debatte zum Thema Fortpflanzungsmedizin anzustoßen.

Paar- und Familientherapeutin Petra Thorn zum gesellschaftlichen Umgang: „Bevölkerung aufklären, damit dieses Tabu und Stigma abgebaut wird.

Damit Frauen, Männer oder Paare eine gute Entscheidung treffen können („informed consent“), braucht es umfangreiche, unabhängige Informationen. Daran jedoch mangele es, kritisieren Experten. Kliniken und Zentren gingen nicht ehrlich genug mit Erfolg und Misserfolg der Behandlungen um, es gebe kein staatliches Register, keine Forschung und keine belastbaren Zahlen über die Methoden in Deutschland.

Medizinethiker Urban Wiesing kritisiert Intransparenz und mangelnde Aufklärung: „Da muss man leider bei uns in Deutschland erhebliche Zweifel haben.“

Petra Thorn über Forschungslücken: „Wir können uns im Moment nur auf Forschung aus dem Ausland beziehen.“

Was müsste ein Fortpflanzungsmedizingesetz leisten?

Die medizinischen Möglichkeiten und die Formen des Zusammenlebens in der Gesellschaft haben sich verändert. Eine interdisziplinär besetzte Arbeitsgruppe der Leopoldina fordert in einem Diskussionspapier ein Fortpflanzungsmedizingesetz, das das Embryonenschutzgesetz ersetzen soll.

Die Gruppe empfiehlt, das geltende Verbot der Eizellspende zu überdenken und klare Bedingungen für die Embryonenspende zur formulieren. Außerdem müsse über den „elective Single Embryo Transfer“ (eSET) diskutiert werden. Dringend regelungsbedürftig sei zudem die rechtliche Elternschaft von in Deutschland aufwachsenden Kindern ausländischer Leihmütter. Bei allen Regelungen sollte das Wohl der Kinder im Mittelpunkt stehen, die ein Recht auf Kenntnis ihrer Abstammung haben.

Jochen Taupitz über Konsequenzen anderer Regelungen im Ausland: „Wir nehmen in Kauf, dass Kindern Rechte vorenthalten werden, die sie nach deutschem Recht haben.“

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