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Zentrum für Wissenschaftsforschung

Das Experiment zwischen Naturwissenschaft und Literatur(wissenschaft) (1850-1950)

Welche Schlagworte bestimmen die Wissenschaften? Das Projekt untersucht das „Experiment“ als Schlagwort und ‚Kampfruf‘ in der Geschichte des Wissens des 19. und 20. Jahrhunderts. Dazu wird analysiert, wie sich naturwissenschaftliche Disziplinen, ästhetische und literarische Diskussionen um das „Experiment“ formierten, es für sich zu vereinnahmen suchten oder es rundheraus ablehnten und auf diese Weise ihr verschiedenen Selbstverständnisse aus dem Dissens zwischen den ‚Wissenskulturen‘ gewannen.

Dass „Schlagwörter […] mit ihrer prächtigen Kürze gleichsam die Stenographie der Culturgeschichte“ seien, pointierte Wilhelm Bölsche (1887). Das Projekt schreibt die Geschichte eines solchen Schlagworts, das die „Culturgeschichte“ des Wissens in der Moderne maßgeblich mitgeprägt hat: die Geschichte des Begriffs „Experiment“.

Untersucht wird, wie das Wort „Experiment“ zu einem ‚Kampfruf‘ im Sinne Ludwik Flecks wurde und zwischen Naturwissenschaften, Literatur und Geisteswissenschaften flottierte (1850-1950). Die Basisarbeit, die das Projekt dafür leistet, ist eine Verwendungsgeschichte von „Experiment“, die über die Fächer- und europäischen Sprachgrenzen hinweg den historischen Wissenswandel der jeweilig mitgemeinten Definitionen, Praktiken, Normen, Wertungen und Erwartungen sowohl an das ‚Experimentieren‘ als auch an den naturforschenden wie den künstlerischen ‚Experimentator‘ aufzeigt.

Die Untersuchung setzt um 1850 und damit zum Zeitpunkt der Definitionshoheit der Naturwissenschaften über den Begriff „Experiment“ ein. Mehr und mehr naturwissenschaftliche Disziplinen wurden ostentativ als „Experimental“-Disziplinen gegründet. Darunter ist aus der Sicht des Projekts die „Experimentale Aesthetik“ (1871) von Gustav Theodor Fechner von besonderem Interesse, weil sie einerseits die experimentalwissenschaftliche Psychologie (Wilhelm Wundt) begründete, welche andererseits etwa Émile Zola und Wilhelm Bölsche auf die experimentalliterarische Ästhetik der Romanschriftstellerei programmatisch übertrugen.

Neben diesen naturwissenschaftlichen Entwicklungen untersucht das Projekt, wie das „Experiment“ in Kunst, Literatur, Philologie und anderen Geisteswissenschaften diskutiert wurde. Seit dem späten 19. Jahrhundert mühten sich Dichter und Literaten wie Bertolt Brecht entweder gezielt um die Experimentalisierung ihres Schaffens oder wenigstens um die Adaption des Begriffs „Experiment“ für ihr Tun (z. B. „Experimentalroman“, „Experimentelles Theater“) oder sie wiesen beide Ambitionen strikt von sich.

Das Projekt verfolgt somit das „Experiment“ im Transfer zwischen den Wissensbereichen, die Überschneidungen und Abgrenzungsbemühungen von literarischen, ästhetischen, geistes- und naturwissenschaftlichen Diskursen mithilfe der Prägung, Teilhabe, Umdeutung und Zurückweisung des „Experiments“. Die Kontroversen über den Begriff des „Experiments“ in Wissenschaften und Kunst zeigen dabei die soziokulturellen, wissenschaftspolitischen Ansprüche, Selbstpositionierungen und Auseinandersetzungen um diese terminologische ‚Flagge‘, unter der sich Anhänger wie Gegner einer Experimentalisierung der Moderne, von Gesellschaft, Kunst und Literatur gruppierten. Das Projekt profiliert somit das „Experiment“ als Definiens im Ausdifferenzierungsprozess der Moderne.

Weitere Informationen

Projektleiterin:
Dr. Gunhild Berg
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Germanistisches Institut
Luisenstraße 2
06099 Halle (Saale)
E-Mail: gunhild.berg@germanistik.uni-halle.de

Wissenschaftliche Veranstaltungen aus dem Projekt:
Interdisziplinärer Workshop Metaphorologien der Exploration und Dynamik 1800 / 1900. Historische Wissenschaftsmetaphern und die Möglichkeiten ihrer Historiographie (zusammen mit Martina King und Reto Rössler) im Rahmen des DFG-Projekts „‘Versuch‘ und ‚Experiment‘“, Universität Innsbruck, 7.-8. April 2016

Arbeitstagung Das Schloss als Hörsaal. Ludwig Christian Lichtenbergs ‚Vorlesung über die Naturlehre‘ und die höfische Wissensproduktion um 1800 (zus. mit Martin Mulsow und Julia Schmidt-Funke), Forschungszentrum Gotha, 23.-24. Oktober 2017
Flyer zum Download

 

KONTAKT

Leopoldina

Ronja Steffensky

Assistentin des Zentrums für Wissenschaftsforschung, stellv. Gleichstellungsbeauftragte

Tel. 0345 - 47 239 - 118
Fax 0345 - 47 239 - 139
E-Mail ronja.steffensky @leopoldina.org