Prof. Dr. Bernd Herrmann

  • Section Anatomy and Anthropology
  • Location Göttingen, Germany
  • Election year 1998

Research

Forschungsschwerpunkte: Humanökologie, Umweltgeschichte, Paläopathologie, aDNA, Methoden zur Untersuchung menschlicher Überreste

Bernd Herrmann ist ein physischer Anthropologe und Humanökologe, der sich vor allem mit der Biologie historischer und prähistorischer Bevölkerungen beschäftigt. Aus alten Knochen und anderen menschlichen Überresten leitet er ab, wie Menschen in früheren Epochen gelebt haben. Dabei interessieren ihn die verschiedensten Facetten des Daseins – von der Ernährung über Krankheiten bis hin zu den Wechselwirkungen mit der Umwelt. Neue Erkenntnisse hat er dabei auch durch die Entwicklung und den Einsatz moderner Untersuchungsmethoden gewonnen. So hat er sich ausführlich damit beschäftigt, welche neuen Möglichkeiten die Analyse von aDNA (ancient DNA) bietet.

Skelette und andere menschliche Überreste gehören zu den wichtigsten Quellen, aus denen die Anthropologie Schlüsse auf das Leben in der Vergangenheit ziehen kann. Bernd Herrmann und sein Team haben untersucht, welchen Beitrag Methoden wie Röntgentechnik, Licht- und Elektronenmikroskopie oder Computertomografie dazu leisten können. Auch praktische Experimente haben zu neuen Erkenntnissen geführt. So haben die Forscherinnen und Forscher Knochen mit verschiedenen Feuerstein-Werkzeugen bearbeitet und sie von Tieren anknabbern lassen. Die so entstandenen Spuren haben sie mit denen auf jungsteinzeitlichen Knochen aus einem Gemeinschaftsgrab in Niedersachsen verglichen. Demnach gehen diese alten Spuren wahrscheinlich auf Tierfraß zurück und nicht auf die Messer von Menschen. In anderen Fällen lassen sich an Skeletten Spuren von Gewalt nachweisen.

Schwierig wird es für Anthropologinnen und Anthropologen, wenn der Körper verbrannt wurde. Das war in Mittel- und Nordeuropa etwa von der Bronzezeit bis zur Völkerwanderung üblich. Oft sind die nach der Verbrennung übrig gebliebenen Reste die einzigen Quellen, die über die Biologie damaliger Menschen Aufschluss geben können. Auch für die Bergung und Analyse solcher stark fragmentierten und durch das Feuer veränderten Funde hat Bernd Herrmann Methoden und Empfehlungen entwickelt. Aus feinen Details in Größe, Proportionen und Relief bestimmter Knochenreste lassen sich zum Beispiel Rückschlüsse auf Alter und Geschlecht der Verstorbenen ziehen. Auch die Symptome von Zahnabszessen oder krankhaften Veränderungen der Knochen hat das Team auf diese Weise aufgespürt.

Bis in die 1990er Jahre konnte man über die Krankheiten vor- und frühgeschichtlicher Menschen allerdings nur dann etwas aussagen, wenn diese Spuren im Skelett hinterließen. Das ist zum Beispiel in den Endstadien von Syphilis, Tuberkulose und Lepra der Fall. Die Möglichkeit, alte DNA zu analysieren, hat die Forschung in dieser Hinsicht entscheidend vorangebracht. So ist es Bernd Herrmann und seinem Team zum Beispiel gelungen, in alten und äußerlich gesund wirkenden Knochen das Erbmaterial von Pest- und Tuberkulose-Erregern nachzuweisen.

Auch für viele andere Fragestellungen haben sie solche genetischen Untersuchungen eingesetzt. So lassen sich anhand der DNA-Sequenzen zum Beispiel die Verwandtschaftsverhältnisse zwischen verschiedenen Menschen und Gruppen klären. Oder anhand des nur bei männlichen Personen vorhandenen Y-Chromosoms kann das Geschlecht der Bestatteten bestimmt werden. Gerade bei Kindern ist diese Methode deutlich zuverlässiger als die Analyse von äußeren Knochenmerkmalen.

Die Ergebnisse solcher Studien erlauben zahlreiche Rückschlüsse auf den Alltag und die Lebensverhältnisse der jeweiligen Epoche. Die Verbreitung von Krankheitserregern ist zum Beispiel mit der Bevölkerungsdichte, den hygienischen Zuständen und der Ernährungssituation verknüpft. Bestimmte Formen der Ernährung wiederum erfordern spezielle Kenntnisse und Techniken, etwa in der Tier- und Pflanzenzucht, der Herstellung von Keramik, dem Bau von Fallen oder der Nutzung des Feuers. Bernd Herrmann hat bei seiner Arbeit zur Ökologie des Menschen daher natur- und kulturwissenschaftliche Erkenntnisse kombiniert und so zur Begründung der Umweltgeschichte in Deutschland beigetragen. Dabei hat er sich auch mit Phänomenen wie dem Artensterben und der Umgestaltung von Landschaften beschäftigt. Seine Forschung und deren Ergebnisse hat er als Autor und Co-Autor unter anderem in den Publikationen „Humanökologie“ (2021), „Thanatologie“ (2021), „Das menschliche Ökosystem: Ein humanökologisch-erkenntnistheoretischer Essay“ (2019) und „Umweltgeschichte und Kausalität: Entwurf einer Methodenlehre“ (2018) dargelegt.

  • 2011 Emeritierung
  • 1978-2011 Professor für Anthropologie, Georg-August-Universität Göttingen
  • 1975 Habilitation für Anthropologie, Freie Universität Berlin
  • 1973 Promotion, Freie Universität (FU) Berlin
  • 1970 Diplom in Biologie, FU Berlin
  • 1965 -1970 Studium der Anthropologie, FU Berlin

  • 2020-2021 Stellvertretender Senator, Sektion 11 Anatomie und Anthropologie, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
  • 2015-2019 Senator und Obperson, Sektion 11 Anatomie und Anthropologie, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
  • 2000 Kooptiertes Mitglied, Philosophische Fakultät, Georg-August-Universität Göttingen
  • 2011-2015 Stellvertretender Senator, Sektion 11 Anatomie und Anthropologie, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina

  • 2004-2010 Sprecher, Graduiertenkolleg GRK 1024 „Interdisziplinäre Umweltgeschichte - Naturale Umwelt und gesellschaftliches Handeln in Mitteleuropa“, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • 2000-2003 Beteiligter Wissenschaftler, GRK 642 „Wertschätzung und Erhaltung von Biodiversität: Umsetzung von Naturschutzstrategien im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt“, DFG
  • 1999-2002 Antragsteller, Projekt „Biokulturelle Variabilität der Ressourcennutzung und Nahrungsnetzanalyse in historischen Bevölkerungen“, DFG

  • 1998 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
  • 1995-1996 Fellow, Wissenschaftskolleg zu Berlin

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