Professor Dr Cornelius Borck

  • Section History of Science and Medicine
  • Location Lübeck, Germany
  • Election year 2023

Research

Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftsgeschichte und Historische Epistemologie, Geschichte der Humanwissenschaften, Medizingeschichte und Medizinphilosophie, Geschichte der Psychiatrie und Hirnforschung, Visualisierungen in den Lebenswissenschaften
Cornelius Borck ist ein deutscher Wissenschaftshistoriker und Medizinphilosoph. Was ihn interessiert, sind die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen Forschung, Medizin und Gesellschaft: Wie haben sich Vorstellungen von körperlichen Funktionen und geistigen Fähigkeiten im Laufe der Geschichte entwickelt? Welche Rolle haben Techniken und Instrumente dabei gespielt? Und wie wirken Forschungsergebnisse zurück auf die Gesellschaft und das menschliche Selbstverständnis? Die Antworten auf solche Fragen sind aus seiner Sicht auch für die medizinischen und wissenschaftlichen Fortschritte der Zukunft relevant.
Als Historiker hat sich Cornelius Borck unter anderem mit der Geschichte der Psychiatrie beschäftigt. Wie in keinem anderen Bereich der Medizin sieht er dort enge Wechselwirkungen zu gesellschaftlichen Vorstellungen von Normalität. Menschen, die psychisch krank oder „anders“ waren, wurden lange stigmatisiert. Ein Team unter seiner Leitung hat Gewalt und Unrecht in psychiatrischen Einrichtungen in Schleswig-Holstein von der Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung aufgearbeitet.
Ein weiteres Forschungsgebiet von Cornelius Borck ist die Hirnforschung. Hier interessiert ihn besonders, welche Rolle visuelle Darstellungen spielen. Diese helfen nicht nur, die komplexen Vorgänge im menschlichen Gehirn zu erfassen und zu veranschaulichen, sondern sie beeinflussen deren Deutung. So war es in den 1930er Jahren erstmals möglich, mit Hilfe der sogenannten Elektroenzephalographie (EEG) die elektrischen Aktivitäten des Gehirns aufzuzeichnen. Damit wurde das Denken zu einem sichtbaren Prozess, der sich auf Papier abbilden ließ. Die aufgezeichneten Kurven ließen das Gehirn als eine Art intelligente Codiermaschine erscheinen und ebneten den Weg für Kybernetik und Computer.
Entgegengesetzte Erwartungen beobachtet Cornelius Borck heute. Mit modernen Bildgebungsverfahren lässt sich inzwischen mit ungeahnter Genauigkeit feststellen, welche Zonen im Gehirn in welchen Situationen aktiv sind. Daraus wird heute jedoch allzu leicht der Schluss gezogen, dass Gedanken, Gefühle und Handlungen allein von den dort aufscheinenden körperlichen Prozessen ausgelöst würden. Wenn heute behauptet wird, die Freiheit des menschlichen Denkens und Handelns sei daher eine Illusion, spiegeln sich darin eher die Grenzen der Visualisierungsmethode als bahnbrechende neue Einsichten.
Um dieses Wechselspiel von gesellschaftlichen Fragen, wissenschaftlichen Vorstellungen und technischen Voraussetzungen besser zu beschreiben, setzt Cornelius Borck auf die Historische Epistemologie: Wie konnte unsere Gesellschaft dazu kommen, eine neurophysiologische Theorie des Denkens als mögliches Forschungsprogramm anzuerkennen, obwohl jede neue naturwissenschaftliche Erkenntnis über Vorgänge im Gehirn vor allem die Fragen immer komplexer werden lässt? Hier sieht Borck eine wichtige Rolle von Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsforschung in der Gesellschaft: Kurzfristige Anpassungen der Grundwerte und Leitvorstellungen an einen Stand der Forschung sind angesichts der dynamischen Entwicklung von Wissenschaft und Technik kritisch zu sehen.
Als Philosoph befasst sich Cornelius Borck zudem mit den Fortschritten der Biomedizin. Hier haben die zahlreichen neuen Erkenntnisse zu besonders strengen Prüfverfahren und neuen Leitlinien für Behandlungsregimes geführt. Das betrifft nicht nur das Verhältnis zwischen medizinischer Wissenschaft und Gesellschaft insgesamt, sondern wirkt sich unmittelbar auch auf den individuellen Umgang mit Krankheit aus. Die moderne Medizin ist unvergleichlich wirksamer als ihre Vorläufer, aber gerade dadurch wirft sie neue ethische, theoretische und existenzielle Fragen auf. Mit Medizinphilosophie und Wissenschaftsgeschichte möchte Cornelius Borck die Verständigung der Gesellschaft über Potenziale und Grenzen des Fortschritts befördern.

  • seit 2007 Professor für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und Naturwissenschaften und Direktor, Institut für Medizingeschichte und Wissenschaftsforschung, Universität zu Lübeck
  • 2004-2007 Professor, Department of Social Studies of Medicine und Department of Art History and Communication Studies, McGill University, Montreal, Kanada
  • 2003 Habilitation für das Fach Medizin- und Wissenschaftsgeschichte, Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • 2002-2004 Leiter, Forschungsgruppe „Das Leben schreiben”, Fakultät Medien, Bauhaus-Universität Weimar
  • 2001-2002 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Geschichte der Medizin, Charité – Universitätsmedizin Berlin
  • 1998-2001 Karl Schädler Fellow, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
  • 1996-1998 Postdoc, Institut für Wissenschafts- und Technikforschung, Universität Bielefeld
  • 1996 PhD in Neuroscience, Imperial College London, London, UK
  • 1995 Promotion, Freie Universität (FU) Berlin
  • 1994-1996 Forschungsstudium für Neurowissenschaften, St Mary's Hospital Medical School, Imperial College London, London, UK
  • 1994 Magister Artium in Philosophie, FU Berlin
  • 1993 Staatsexamen in Medizin, Berlin
  • 1985-1994 Studium der Medizin, Studium der Philosophie, Medizingeschichte und Religionswissenschaften, Universität Hamburg, Universität Heidelberg sowie FU Berlin

  • 2016-2019 Mitglied, Fachkollegium „Geschichtswissenschaften“, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
  • 2008-2018 Herausgeber, Berichte zur Wissenschaftsgeschichte

  • seit 2022 Mitglied, Netzwerk „Diagnostizieren (in) der Moderne“, DFG
  • seit 2021 Beteiligter Wissenschaftler, Forschungsgruppe (FOR) 3031 „normal#verrückt“, DFG
  • seit 2019 Leiter, Teilprojekt „RTF IX Ethik, Epistemologie und Ökonomie“, Exzellenzcluster (EXC) 2167, DFG
  • 2012-2015 Mitglied, FOR 1120 „Kulturen des Wahnsinns“, DFG

  • seit 2023 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
  • seit 2016 Mitglied, Akademie der Wissenschaften in Hamburg
  • 2004-2007 Canada Research Chair in Philosophy and Language of Medicine, McGill University, Montreal, Kanada

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