Prof. Dr. Karl Bonhoeffer (✝︎)
- Election year 1936
Research
Person
Karl Bonhoeffer kam am 31. März 1868 im württembergischen Neresheim als Sohn des späteren Landgerichtspräsidenten, Friedrich von Bonhoeffer, und seiner Frau Julie, geborene Tafel, in Ulm zur Welt. Sein vier Jahre älterer Bruder Gustav-Otto Bonhoeffer wurde später Chemiker bei Bayer Leverkusen. Karl besuchte zwischen 1874 und 1878 die Elementarschule in Heilbronn und Ravensburg. Ab 1878 ging er auf das Gymnasium in Tübingen, wo er 1886 sein Abitur ablegte. Im Anschluss leistete er bis 1887 in Stuttgart seinen Militärdienst.
1898 heiratete Bonhoeffer seine Frau Paula, geborene von Hase. Das Paar bekam acht Kinder: Karl Friedrich (1899), Walter (1899), Klaus (1901), Ursula (1902), Christine (1903), die Zwillinge Dietrich und Sabine (1906) sowie Susanne (1909). Im Hause Bonhoeffer herrschte eine weltoffene Atmosphäre. In ihrer Berliner Zeit lebte die Familie in enger Nachbarschaft zu den Familien der Wissenschaftler Max Planck und Hans Delbrück. Zu den Kindern von Delbrück bestanden enge Freundschaften, außerdem heiratete Bonhoeffers Sohn Klaus später die Delbrück-Tochter Emmi (Emilie).
Den aufkommenden Nationalsozialismus lehnte die Familie Bonhoeffer kategorisch ab. Karl Bonhoeffer selbst beteiligte sich zwar nicht aktiv am Widerstandskampf gegen Adolf Hitler und den Nationalsozialismus, bestärkte und unterstützte aber seine Kinder. In seinen Erinnerungen schrieb er: „Wenn wir Eltern auch in die Einzelheiten der Komplotte nicht eingeweiht wurden, so waren wir uns doch durch die zahlreichen Besprechungen, die in unserem Hause stattfanden, über vieles unterrichtet und über die Gefährlichkeit der Situation für unsere Kinder, wie über die Notwendigkeit ihres Tuns im Interesse der deutschen Zukunft durchaus im Klaren.“ Bonhoeffers Söhne, der Jurist Klaus Bonhoeffer und der Theologe Dietrich Bonhoeffer, sowie seine Schwiegersöhne Rüdiger Schleicher und Hans von Dohnanyi wurden wegen ihrer Beziehungen zur Widerstandsbewegung gegen Hitler von den Nationalsozialisten zum Tode verurteilt und hingerichtet.
In Bonhoeffers Geburtsort Neresheim ist eine Straße nach ihm benannt.
Von 1956 bis 2006 trug zudem die Psychiatrische Klinik (ehemals Heilstätten Wittenau) in Berlin den Namen Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik.
Career
Karl Bonhoeffer studierte von 1887 bis 1892 Medizin an den Universitäten in Tübingen und Berlin. 1892 legte er sein Staatsexamen ab und promovierte in Tübingen. Danach arbeitete er zunächst als Arzt im schwäbischen Heidenheim. Im Anschluss wurde er Assistent von Carl Wernicke an der Universität Breslau. 1897 folgte dort die Habilitation mit einer Arbeit zum Alkoholdelirium. Zudem leitete Bonhoeffer die seinerzeit neu eingerichtete psychiatrische Abteilung des Gefängnisses in Breslau („Abteilung für geisteskranke Verbrecher“). In Breslau entstanden Bonhoeffers wissenschaftliche Arbeiten über die Folgen der Alkoholkrankheit.
1902 erhielt er eine Professur. Ein Jahr später folgte er einem Ruf nach Königsberg als persönlicher Ordinarius und Leiter der Psychiatrischen Abteilung des Städtischen Krankenhauses. Ein weiteres halbes Jahr später wechselte er an die Universität Heidelberg. 1904 ging er zurück nach Breslau, wo er die Nachfolge seines früheren Chefs Carl Wernicke antrat. Unter Bonhoeffers Leitung wurde 1906 in Breslau die neu erbaute Psychiatrische- und Nervenklinik eröffnet. 1908 erhielt er den Titel Geheimer Medizinalrat. Im April 1912 wechselte Bonhoeffer als Nachfolger des Neurologen und Psychiaters Theodor Ziehen an die Friedrich-Wilhelms-Universität nach Berlin. Außerdem wurde er zum Direktor der Psychiatrischen und Nervenklinik an der Charité ernannt, die über 240 Betten verfügte. Außerdem hatte er einen Sitz im Medizinalkollegium und in der Psychiatrischen Sektion der Gesundheitsabteilung inne. Rufe an andere Universitäten lehnte Bonhoeffer ab, so 1917 nach Tübingen und 1924 nach München.
Bereits 1923 brachte er seine grundsätzliche Haltung zu Sterilisation und Euthanasie zum Ausdruck, nachdem in der Weimarer Zeit bei bestimmten psychiatrischen Diagnosen verstärkt Forderungen nach Zwangssterilisationen aufgetreten waren. Bonhoeffer verwies zu jener Zeit darauf, dass Zwangssterilisationen nur im Einzelfall denkbar seien, und zwar nur, wenn ein dringender Schutz der Allgemeinheit diesen Schritt erforderlich machen würde. Die Rassengesetze der Nazis brachten Bonhoeffer nach 1933 zunehmend in eine schwierige Lage. Erfolglos hatte er sich gegen die von der Verwaltung der Charité angeordnete Entlassung von vier jüdischen Ärzten aus seinem Bereich eingesetzt. Außerdem wurde er 1934 de facto vom langjährigen Vorsitz des Deutschen Vereins für Psychiatrie entbunden. An Bonhoeffers Stelle rückte der Psychiater Ernst Rüdin, der sich unter anderem mit der Erarbeitung verbindlicher Auslegungen zum“ Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ (1933) hervorgetan hatte.
In seiner Funktion als Gutachter zu Fragen der Erbgesundheit plädierte Karl Bonhoeffer zwar für einen vorsichtigen Umgang mit der Indikation zur Zwangssterilisation, empfahl jedoch in einigen Gutachten dennoch diese Maßnahme. Es existieren Belege dafür, dass Patienten unter seiner Begutachtung die Sterilisation häufiger als sonst erspart geblieben ist. Nach Angaben von Bonhoeffers Biografen sind aus seiner Sprechstunde heraus keine Meldungen zur Zwangssterilisation erfolgt – und das, obwohl es aufgrund der Gesetzeslage eine Meldepflicht gegeben hatte.
1938 wurde Bonhoffer emeritiert. Als seinen Nachfolger hatte er den Mediziner Hans Gerhard Creutzfeld, den Entdecker der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit, vorgeschlagen. Doch statt seiner wurde der Österreicher Maximilian de Crinis, NSDAP-Mitglied und Verfechter von Zwangssterilisationen, zum neuen Ordinarius ernannt. Bonhoeffer war im Ruhestand weiter medizinisch und wissenschaftlich tätig. Er fungierte 27 Jahre als Schriftleiter der „Monatsschrift für Psychiatrie und Neurologie“. 1939 trat er von dieser Stellung zurück.
Honours and Memberships
Für seine wissenschaftlichen Arbeiten wurde Bonhoeffer zahlreich geehrt, darunter mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft (1943).
1936 wurde er Mitglied in der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina. Darüber hinaus war er Ehrenmitglied der Gesellschaft der Ärzte in Wien, des Wiener Vereins für Psychiatrie und Neurologie, der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie, der Rumänischen Gesellschaft für Psychiatrie, der Royal Society of Medicine London, der Interstate Postgraduate Medical Association of North America, der Gesellschaft deutscher Neurologen und Psychiater, der Berliner Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie sowie der American Psychiatric Association. Zwischen 1920 und 1934 leitete er die Berliner Gesellschaft für Psychiatrie und Neurologie, deren Ehrenmitglied er 1948 wurde.