Robert Kochs Cholera-Publikationen von 1884: Die Geburt der Wissenschaftserzählung aus dem Geist der Abenteuerliteratur

  • Seminars on the history of science
  • Halle (Saale)
Vortrag im Wissenschaftshistorischen Seminar von PD Dr. Martina King
  • Date
  • Location Halle (Saale)

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Als der Bakteriologe Robert Koch 1884 mit einer Forschungskommission nach Ägypten und Indien reist, macht er nicht nur eine Jahrhundertentdeckung: er findet Vibrio Cholerae, den Erreger jener gefürchteten Seuche, die im 19. Jahrhundert in immer neuen pandemischen Wellen Europa heimsucht. Er generiert auch eine Jahrhunderterzählung, die in Konkurrenz zur Evolutionserzählung von Charles Darwin tritt. So wie die Evolutionserzählung das christliche Weltbild neu ordnet, dient Kochs Erzählung von der Jagd auf böse Mikroben in kolonialen Ländern der gesellschaftlichpolitischen Orientierung und Identitätsstiftung. Diese Ordnungsfunktion gründet nicht zuletzt in der Literaturnähe von Kochs Berichten, die zwar als wissenschaftliche Publikation konzipiert und distribuiert werden, die aber doch mit Versatzstücken literarischer Traditionen beladen sind. Koch bedient sich der Bildervorräte, Stereotype und Handlungsmodelle populärer Abenteuerromane, die in der zweiten Jahrhunderthälfte in der illustrierten Unterhaltungspresse zirkulieren. Diese Romane entwerfen den kolonialen Raum als exotisches, gefahrvolles Gegenbild zur deutschnationalen Kultur, wo tapfere Helden siegreich auf bösartige Gegner treffen.

Auf diesen literarischen Spuren bewegt sich auch Koch, wenn er die gefahrvolle Mikrobenforschung als Kampf zwischen Jäger und Bestie inszeniert. Im Zentrum steht dabei der Bazillus, der nach dem Modell der kolonialen Jagderzählung als Bösewicht und Eindringling erscheint. Willenlose einzellige Wesen als absichtsvolle Akteure zu konzipieren birgt allerdings das Risiko epistemologischer Fehlschlüsse, das zeigen Kochs Cholerapublikationen: Hier zerstören Bakterien die Darmwände ihrer Opfer wie Raubtiere und erzeugen für Kochs literarisch imprägnierten Blick das Bild der totalen Destruktion. Gleichwohl wirken Cholerabakterien auf ganz andere Weise, und Kochs wissenschaftlichem „Tunnelblick” wird bereits von zeitgenössischen Medizinern widersprochen. Solche Ungereimtheiten ändern freilich nichts daran, dass Kochs „Erzählung” in den Zeitschriften der Zeit hundertfach nacherzählt wird und zum großen Wissenschaftsmythos der Epoche avanciert. Spuren davon halten sich bis heute in dem mitunter reißerischen Medieninteresse an den neuen viralen Seuchen des 21. Jahrhunderts.

Prof. Dr. Rainer Godel, Leopoldina-Mitglied Prof. Dr. Dieter Hoffmann und Prof. Dr. Florian Steger laden Sie herzlich ein.

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Tel.: 0345 / 47 239 -115

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