Leopoldina-Lecture „Das Schweigen der Wölfe oder: Warum brauchte die Inquisition 73 Jahre, um den Kopernikanismus zu verdammen?“

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Vortrag im Rahmen des Symposiums der Klasse IV „Geistes-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften” von Prof. Dr. Gereon Wolters ML, Universität Konstanz
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Noch heute schlägt die Kirche schnell zu, wenn es gilt, Abweichler zu bestrafen. Warum aber brauchte es exakt 73 Jahre, den Kopernikanismus als eine Irrlehre (Häresie) zu verdammen? Kopernikus hatte in seinem Sterbejahr 1543 sein revolutionäres Werk "De revolutionibus orbium caelestium" („Über die Umschwünge der himmlischen Sphären“) publizieren lassen. Seine Freunde befürchteten von Anfang an, dass die Römische Inquisition mit der Hauptthese des Werks, die Sonne sei der Mittelpunkt des Planetensystems und nicht die Erde – dem Heliozentrismus – nicht einverstanden sein würde. Doch nichts passierte. Erst im Jahre 1616 erfolgte die öffentliche Verurteilung, übrigens in Verbindung mit einer privaten Verwarnung Galileis durch Kardinal Robert Bellarmin, dem überaus einflussreichen Berater des Papstes.

Im Vortrag wird die schrittweise doktrinäre Verhärtung der kirchlichen Position im Kontext des gegenrefomatorischen Abwehrkampfs der Römischen Kirche dargestellt. 1616 schien dann – speziell für Bellarmin – eine Verurteilung des Kopernikanismus als unausweichlich.

Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos und steht allen Interessierten offen. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

ML: Mitglied der Leopoldina

Gereon Wolters

Gereon Wolters studierte zunächst katholische Theologie in Innsbruck und nahm dann in Tübingen das Studium der Philosophie und Mathematik auf, das er mit dem Staatsexamen abschloss. Er wurde 1977 an der Universität Konstanz promoviert und habilitierte sich 1985 dort in den Fächern Philosophie und Wissenschaftsgeschichte. 1988 wurde er dort auch Professor für Philosophie. Im Jahr 2009 wurde er emeritiert. Er ist seit 2004 Leopoldina-Mitglied in der Sektion Wissenschaftstheorie.

Schwerpunkte seiner Forschungstätigkeiten sind unter anderem Ernst Machs Wissenschaftstheorie. Hier wies er nach, dass die Texte, in denen Ernst Mach scheinbar die Relativitätstheorie ablehnt, gefälscht sind. Weiterhin beschäftigte er sich mit Fragen der Philosophie der Biologie, insbesondere mit den Konsequenzen der Evolutionstheorie im Bereich von Erkenntnis, Ethik und Religion. Hier geht es ihm besonders um die Berechtigung eigenständiger philosophischer Gesichtspunkte, die prinzipiell nicht durch eine evolutionäre Betrachtung substituierbar sind. Im Bereich allgemeine Wissenschaftstheorie und ihre Geschichte liegt der Schwerpunkt auf der Untersuchung der Konzeptionen des logischen Empirismus und auf Argumenten dafür, dass solche Konzeptionen durch neuere, zum Teil sich postmodern nennende Entwicklungen nicht erledigt sind.

Kontakt

Barbara Döhla
Assistentin der Abteilung Wissenschaft - Politik - Gesellschaft
Tel. 0345 - 47 239 - 870
barbara.doehla(at)leopoldina.org

PD Dr. Stefan Artmann
Wissenschaftlicher Referent des Präsidenten
Tel. 0345 - 47 239 - 863
stefan.artmann(at)leopoldina.org

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