Ursachen und Folgen des Artenrückgangs

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Schmetterlinge, Vögel, Bienen, Fische, Orchideen – die Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten hat in den letzten Jahren stark abgenommen. In den nächsten Jahrzehnten droht der weitere Verlust von bis zu einer Million Arten weltweit, warnt der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) in seinem „Globalen Zustandsbericht zur Biodiversität“ vom Mai 2019. Der Rückgang führt nicht nur zum Verlust von Gütern für den Menschen – er bedroht unser globales Ökosystem. Der Faktencheck Artenvielfalt von 2024 zeigt die auch in Deutschland dramatische Lage der Biodiversität.

Was ist Biodiversität?

Biodiversität hat drei Dimensionen: die Vielfalt der Arten, also aller Tier-, Pflanzen-, Pilz- und Mikroorganismenarten, die genetische Vielfalt innerhalb dieser Arten und die Vielfalt der ökologischen Lebensgemeinschaften wie Wälder, Moore, Meere, Seen oder Wiesen. Damit ist sie die Grundlage für funktionierende Ökosysteme und menschliches Leben.

Biodiversität ist global sehr ungleich verteilt. Die artenreichsten Gegenden der Welt sind in den Tropen zu finden. Vom Äquator zu den Polen nimmt der Artenreichtum ab. Die letzten intakten Wildnisgebiete, zum Beispiel die Kernzonen der großen tropischen oder borealen Waldregionen (auch als Taiga bekannt), tragen oft maßgeblich zu Ökosystemleistungen bei und speichern ein Drittel des an Land existierenden Kohlenstoffs.

Frage und Antwort

Nachgefragt

Was sind Ökosystemleistungen?

Antwort

Ökosystemleistungen (auch Ökosystemdienstleistungen) bezeichnen den Nutzen, den Menschen aus natürlichen Ökosystemen ziehen. Damit sind all jene Leistungen gemeint, die Natur und Biodiversität für das menschliche Wohlergehen erbringen: Unterstützende Dienstleistungen, also grundlegende natürliche Prozesse wie Nährstoffkreisläufe oder das Wachstum von Pflanzen, bereitstellende Dienstleistungen, also die Bereitstellung materieller Güter wie Nahrungsmittel, Trinkwasser oder Holz, regulierende Dienstleistungen, also natürliche Funktionen wie Klimaregulation, Bestäubung von Pfanzen oder Hochwasserschutz und kulturelle Dienstleistungen, also nicht-materielle Beiträge der Natur wie Erholung oder Ästhetik. 

Der Begriff der Ökosystemleistungen stammt aus der  Umweltökonomie und Ökologie und ist heute ein Schlüsselkonzept an der Schnittstelle von natur- und sozialwissenschaftlicher Umweltforschung. In neueren internationalen Bewertungsrahmen, insbesondere im Kontext des Weltbiodiversitätsrates (IPBES), wird der Ansatz weiterentwickelt und unter dem Begriff „Nature’s Contributions to People“ gefasst. 

Wofür brauchen wir Biodiversität?

Tiere, Pflanzen, Pilze und Mikroorganismen haben wichtige Funktionen im Ökosystem Erde. Die Vielfalt der Arten liefert Nahrung, stellt Wirkstoffe für Arzneien bereit, dient der Erholung und spielt eine wichtige Rolle in der Klimaregulation. Ohne Biodiversität könnten wir auf unserem Planeten nicht existieren.  

Biodiversität in Ökosystemen

Im Ökosystem besetzen viele verschiedene Pflanzen unterschiedliche Aufgaben. Während einige Pflanzenarten vor allem Biomasse- und Humusaufbau fördern, tragen andere besonders zur Stabilität von Ökosystemen bei. Stabile, artenreiche Ökosysteme nehmen Kohlendioxid auf, indem sie kontinuierlich Biomasse bilden. Ein Teil dieses Kohlenstoffs wird über abgestorbene Pflanzen und Wurzeln als Humus oder Torf im Boden gespeichert, wo er langfristig gebunden bleibt. Ökosysteme mit großer Biodiversität sind widerstandsfähiger bei Veränderungen. Fehlen hingegen Arten, werden die Kreisläufe gestört. Wenn zum Beispiel Insektenarten aussterben, wirkt sich das unter anderem auf Vögel aus, die sich von diesen Insekten ernähren.  

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Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese über die Biodiversität in Ökosystemen

Biologin

Copyright: Peter Kiefer

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Biodiversität und Ernährung

Insekten leisten essenzielle Arbeit bei der Bestäubung von Pflanzen und damit für die Ernte. Der Rückgang der Biodiversität ist also auch eine Bedrohung für die Ernährungssicherheit des Menschen. Der wirtschaftliche Wert dieser „Dienstleistungen“ der Insekten, die weltweit drei Viertel aller Nutzpflanzen bestäuben, beziffert sich auf ca. 500 Milliarden Dollar im Jahr.  

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Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein über Artenvielfalt und Bestäubung

Landschaftökologin

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Biodiversität und Gesundheit

Die Natur dient uns Menschen auch zur Erholung. Der Weltbiodiversitätsrat hebt in seinem Zustandsbericht vom Mai 2019 auch die Leistung der Natur für das menschliche Wohlbefinden heraus. Eine vielfältige Natur verbessert die psychische und physische Gesundheit, auch durch die Bereitstellung von vielfältigen, abwechslungsreichen Nahrungsmitteln. 

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Prof. Dr. Josef Settele über Biodiversität und Gesundheit

Agrarbiologe

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Der Weltbiodiversitätsrat (IPBES) schreibt der Biodiversität aber auch einen ethischen und moralischen Wert zu, der über die menschlichen Interessen hinausgeht. Natur und lebende Organismen hätten demnach einen Wert an sich und damit ein Existenzrecht, auch wenn sie keinen direkten ökonomischen oder funktionalen Nutzen haben. 

Video Christian Wirth über Biologische Vielfalt

Welche Verluste gibt es bei der Biodiversität? 

Global nimmt die Biodiversität in dramatischem Maße ab. Nur etwa 20 bis 34 Prozent der terrestrischen Ökosysteme sind wenig bis sehr wenig durch den Menschen verändert. Nur etwa 3 Prozent haben eine vom Menschen unveränderte, intakte Fauna. Heute geht man davon aus, dass etwa 1 Million der geschätzten 8,7 Millionen Pflanzen- und Tierarten weltweit vom Aussterben bedroht sind, viele davon in den nächsten Jahrzehnten. Der Rückgang der Biodiversität ist global unterschiedlich stark ausgeprägt, wobei die tropischen Regionen – inklusive der Savannen – insbesondere in Südamerika besonders stark betroffen sind.  

In Deutschland gelten knapp ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten als gefährdet. Die Menge an Fluginsekten ist in den letzten dreißig Jahren um mindestens 75 Prozent zurückgegangen und gut zweihundert Blütenpflanzenarten stehen in Deutschland auf der „Roten Liste“ für gefährdete Pflanzen.

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Prof. Dr. Thomas Borsch über gefährdete Pflanzenarten

Botaniker

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Besonders in den Agrarlandschaften ist in Deutschland der Biodiversitätsverlust besorgniserregend, aber selbst in Naturschutzgebieten lässt sich ein starker Rückgang der Artenvielfalt feststellen. Die Ursachen liegen in einem Zusammenspiel vieler Faktoren: Artenarme Ackerbaukulturen bieten nur wenige Lebensräume und Nahrungsquellen für Pflanzen und Tiere; Pflanzenschutzmittel töten neben Schädlingen auch viele nützliche Insekten und andere Organismen; Monokulturen verdrängen andere Pflanzenarten und verringern so die ökologische Vielfalt. Das Hauptproblem ist insgesamt eine geänderte Landnutzung, die Lebensräume von Tieren und Pflanzen zerstört. Und damit auch unsere Lebensgrundlage. 

Biodiversitätsforscherin Katrin Böhning-Gaese über den Artenverlust in der Agrarlandschaft

Im Video-Format „3 Minuten Zukunft“, das in Zusammenarbeit von Leopoldina und Mitteldeutschem Rundfunk (MDR) entstanden ist, spricht Biodiversitätsforscherin Katrin Böhning-Gaese über den Artenverlust in der Agrarlandschaft und erklärt, wann der Frühling stumm wird.

Zum Video ▸

Der Weltbiodiversitätsrat warnt vor unkalkulierbaren Folgen des Artenverlustes. Denn in Ökosystemen gibt es sogenannte Kipppunkte, an denen plötzliche und unumkehrbare Prozesse eintreten können. Die Prozesse und Folgen unterscheiden sich je nach Ökosystem, Zeithorizont und Bewertungsmethode. Angesichts der Komplexität der Ökosysteme und der Wechselwirkung zwischen Arten und der Umwelt sind diese Kipppunkte schwer vorhersagbar.

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Prof. Dr. Alexandra-Maria Klein über Kipp-Punkte in Ökosystemen

Landschaftsökologin

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Was sind die Ursachen für den Rückgang der Artenvielfalt?

Die fünf Haupttreiber des Artenverlusts sind der Landnutzungswandel (z. B. Ausweitung und Intensivierung der Landwirtschaft), die direkte Ausbeutung von Arten (z. B. Jagd, Fischerei), der Klimawandel, die Umweltverschmutzung und die Verbreitung von invasiven Arten.

Landnutzungswandel

Laut des Berichts des Weltbiodiversitätsrats IPBES ist die Hauptursache des Artenrückgangs die veränderte Nutzung von Flächen. Dazu zählen die zunehmende Versiegelung durch großflächige Bebauung, der Verlust der Strukturvielfalt der Landschaft und vor allem immer größere landwirtschaftliche Nutzflächen, die mit der Trockenlegung von Mooren, der Abholzung von Wäldern oder Umwandlung von Grasländern und Savannen einhergehen. Dazu kommt, dass sich die Landwirtschaft industrialisiert hat. Während früher kleine, abwechslungsreiche Felder bewirtschaftet wurden, gibt es heute überwiegend Monokulturen mit ertragreichen, aber artenarmen Ackerbauflächen. 

Ausbeutung von Arten

In den Meeren sorgen Fischerei und Jagdaktivitäten für einen starken Verlust der Artenvielfalt. Industrielle Fischerei hat viele Bestände stark reduziert. Millionen Tiere sterben jährlich durch Beifang, also unerwünschte Mitfänge in Netzen. Grundschleppnetze zerstören zudem empfindliche Meeresböden. Jagd und Wilderei haben auch an Land zahlreiche Bestände minimiert, manche Arten wie Fischotter und Feldhasen sogar nahezu ausgerottet. Auch viele Wildpflanzenarten wurden massiv aus den Ökosystemen entnommen: für die medizinische Nutzung, als Zierpflanzen oder Bauholz. 

Klimawandel

Der Klimawandel führt dazu, dass Lebensräume für ursprünglich heimische Arten unbewohnbar werden, Arten lokal oder regional aussterben oder sich in kühlere Gegenden ausbreiten müssen. Manche Arten können sich nicht schnell genug anpassen oder geeignete neue Lebensräume finden, was ihr Überleben gefährdet. Dramatische Auswirkungen hat beispielsweise der Anstieg der Meerestemperaturen auf Korallenriffe. Zu warme Temperaturen verursachen Korallenbleiche und damit das Absterben ganzer Meeresökosysteme. Durch den Klimawandel verändern sich auch die Lebenszyklen, was sich auf Nahrungsketten auswirkt, beispielsweise wenn Pflanzen zu früh für die bestäubenden Insekten blühen oder Insekten zu früh für Jungvögel schlüpfen.  

Umweltverschmutzung

Chemische Verschmutzung wie Pestizide, Luftverschmutzung, Müll und Mikroplastik wirken gravierend auf die Biodiversität ein. Überdüngung führt beispielsweise dazu, dass sich schnell wachsende Gräser rasch ausbreiten und andere Arten verdrängen. In den Meeren kommt es zu massivem Algenwachstum und in der Folge zu sauerstoffarmen Zonen, in denen nur wenige Arten überleben können. Müll und Mikroplastik schädigen zudem Tiere, stören Nährstoffkreisläufe und verändern Lebensräume. Besonders Mikroplastik ist problematisch, weil es überall messbar ist – in Böden, Flüssen, Meeren – und kaum wieder abgebaut wird. 

Verbreitung von invasiven Arten

Invasive Arten, also gebietsfremde Tier-, Pflanzen-, Pilz- oder Mikroorganismenarten, werden meist vom Menschen in neue Lebensräume eingebracht – absichtlich oder unabsichtlich. Dort breiten sie sich stark aus, verdrängen einheimische Arten und verändern Ökosysteme. So wurde beispielsweise das Kaninchen von Europäern nach Australien gebracht. Dort vermehrte es sich ungebremst und zerstörte die heimische Vegetation. In Deutschland verdrängt beispielsweise der Amerikanische Signalkrebs die heimischen Krebsarten. Auch Pflanzen können invasiv sein, wie der Japanische Staudenknöterich, der sich schnell ausbreitet und durch unkontrolliertes Wachstum Ufer und Infrastrukturen zerstört.

Leopoldina-Mitglieder über ihre Forschung

Viele Leopoldina-Mitglieder beschäftigen sich in ihrer Forschung mit den Themen der Biodiversität und des Biodiversitätsverlusts. Für die Leopoldina engagieren sie sich in der wissenschaftsbasierten Politikberatung, innerhalb von Arbeitsgruppen, bei der Erstellung von Stellungnahmen und Diskussionspapieren oder bei Veranstaltungen.

Veröffentlicht: Oktober 2020, Aktualisiert: April 2026

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