Maßnahmen zum Schutz der Artenvielfalt: Schutzgebiete
Schutzgebiete spielen für den Erhalt und die Förderung der Biodiversität eine zentrale Rolle. Viele Arten sind auf spezifische Lebensräume angewiesen (z. B. Moore, Korallenriffe, Regenwälder). Schutzgebiete bieten ihnen Rückzugsräume, ohne die diese Habitate stark schrumpfen würden. Ein wichtiger Schritt für den Erhalt der Biodiversität ist deshalb, bestehende Schutzgebiete zu erhalten und neue Schutzgebiete auszuweisen.
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Prof. Dr. Thomas Borsch fordert Taten und Aufklärung
Botaniker
Internationale Vereinbarungen zu Schutzgebieten
Laut dem „Protected Planet Report“ liegen etwa 17,5 Prozent der weltweiten Land- und Binnenwasserflächen in formellen Schutzgebieten oder bewahrten Gebieten. Formelle Schutzgebiete sind rechtlich ausgewiesene Gebiete, die durch staatliche oder supranationale Regelungen geschützt sind, wohingegen bewahrte Gebiete Flächen beschreiben, die effektiv zum Schutz von Biodiversität beitragen, z. B. durch traditionelle Nutzung, private Initiativen oder andere Governance-Formen, ohne zwingend als Schutzgebiet ausgewiesen zu sein. Zudem sind rund 8,4 Prozent der Meeresflächen als Schutzgebiete ausgewiesen. Auf der Weltnaturkonferenz 2022 in Montreal hat die internationale Staatengemeinschaft eine globale Vereinbarung für den Schutz, die nachhaltige Nutzung und Wiederherstellung der Natur beschlossen, das „Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework“ (GBF).
Frage und Antwort
Nachgefragt
Was steht im „Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework“?
Antwort
Im Rahmen des 15. Weltnaturgipfels 2022 in Montreal einigte sich die Weltgemeinschaft, bis zum Jahr 2030 30 Prozent des Landes und 30 Prozent der Meere wirksam zu schützen. Der Rahmenvertrag erkennt außerdem an, dass die verbliebenen intakten Ökosysteme allein nicht ausreichen, um die Biodiversität effektiv zu schützen. Zu viele Ökosysteme sind bereits gestört. Deshalb setzt sich das GBF als weiteres Ziel, bis 2030 mindestens 30 Prozent der gestörten Landes- und Meeresflächen wirksam zu renaturieren. Umweltzerstörende Subventionen sollen abgebaut und der Biodiversitätsschutz in Landwirtschaft, Fischerei und Forstwirtschaft integriert werden. Indigene Völker und lokale Gemeinschaften sollen durch das Abkommen zudem gestärkt und beteiligt werden. Bis 2030 sollen mindestens 200 Mrd. US-Dollar pro Jahr für Biodiversitätsschutz und -Wiederherstellung bereitgestellt werden. Davon sollen 30 Mrd. US-Dollar jährlich an Länder des Globalen Südens gegeben werden. Beim darauffolgenden 16. Weltnaturgipfel wurden weitere Vereinbarungen zur Finanzierung, zum Monitoring und zu Umsetzungsmechanismen getroffen.
Auch die Europäische Union (EU) hat sich im Jahr 2024 mit der „Nature Restoration Regulation“ ambitionierte Ziele für den Biodiversitätsschutz gesetzt. Bis 2030 will die EU einen guten Zustand für mindestens 30 Prozent der betroffenen Lebensraumtypen in schlechtem Zustand erreichen. Wann ein Lebensraum als „gut“ gilt, soll sich laut EU am Zustand des Gebiets vor 70 Jahren orientieren. Dies ist aber nicht verpflichtend. Referenzzeiträume für einen guten Zustand von Lebensräumen können durch die Mitgliedstaaten flexibel anhand der vorhandenen Daten festgelegt werden. Bis 2040 sollen 60 Prozent, bis 2050 90 Prozent dieser Lebensräume in gutem Zustand sein. Gebiete, die einen guten Zustand erreicht haben, sollen nicht wieder erheblich verschlechtert werden.
Herausforderungen bei der Umsetzung in Deutschland
Schutzgebiete stehen oft im Spannungsfeld unterschiedlicher Interessen. Flächen werden bereits land- oder forstwirtschaftlich genutzt oder sind für die Infrastruktur entscheidend, beispielswiese für den Straßen- und Wohnungsbau, den Bau von Stromtrasse oder Windenergieanlagen. Auch Tourismus oder Freizeitaktivitäten wie Skifahren, Wandern oder Wassersport können mit Schutzgebieten kollidieren.
Hinzu kommen administrative und rechtliche Hindernisse bei der Umsetzung von Maßnahmen für mehr Schutzgebiete. Auf einem Leopoldina-Symposium im Herbst 2023 wurden die Herausforderungen und Lösungswege für mehr, größere oder bessere Schutzgebiete in Deutschland diskutiert.
Wiedervernässung von Mooren und Renaturierung von Auen
Besondere Ökosysteme in Deutschland sind Moore und Auen. Nirgendwo in Mitteleuropa ist die Artenvielfalt so hoch wie in diesen Feuchtgebieten. Besonders Moore stellen einzigartige Ökosysteme dar, da sie von Torfmoosen und sauerstoffarmen Gewässern geprägt sind und dadurch Lebensraum für zahlreiche an diese speziellen Bedingungen angepassten Tiere und Pflanzen bieten.
Frage und Antwort
Nachgefragt
Welche Ökosystemleistungen vollbringen Moore?
Antwort
Moore sind wahre Alleskönner. Als Feuchtgebiete halten sie das Wasser in der Landschaft und federn damit Hochwasser- und Trockenperioden ab. Moore speichern weltweit etwa zehn Prozent des globalen Süßwassers. Zudem sind sie durch den Aufbau von Torfmasse (Pflanzenreste, die sich unter sauerstoffarmen und nassen Bedingungen nur unvollständig zersetzen) wichtige Kohlenstoffsenken. Im globalen Vergleich speichern Moore etwa 8-mal mehr Kohlenstoff pro Hektar als Wald. Werden Moore entwässert, kehrt sich dieser Klimaeffekt um. Die organischen Substanzen im Torf werden durch das fehlende Wasser zersetzt und geben so CO2 wieder frei. Als Lebensraum sind Moore wichtige Rückzugsgebiete für zahlreiche spezialisierte Arten, beispielsweise Birkhühner, Moorfrösche, seltene Schmetterlingsarten, aber auch Torfmoose oder seltene fleischfressende Pflanzen wie Sonnentau.
In Deutschland sind rund 94 Prozent der Moore trockengelegt sowie nahezu alle Überflutungsgebiete (Auen) von den Flüssen abgeschnitten. Es ist daher entscheidend, dass die noch intakten Moore und frei fließenden Gewässer in Deutschland bewahrt werden. Das Wiedervernässen trockengelegter Moore und die Renaturierung von Auen könnte die Artenvielfalt in diese Gebiete zurückzuholen. Dies erfordert aber Lösungen für die vor allem landwirtschaftlich genutzten Flächen. Alle Akteure aus Bund, Ländern und Kommunen, aus Verwaltung, Verbänden, die Landeigentümerinnen, -eigentümer sowie Landnutzende müssen für diesen Prozess eingebunden werden.
Vertiefung zum Thema
- Digitales Dossier „Moore und Auen: Vom Wandel nasser Landschaften“
- Stellungnahme „Klima – Wasserhaushalt – Biodiversität: für eine integrierende Nutzung von Mooren und Auen“ (2024)
- Virtuelles Podium „Nasse Moore! Klimaschutz, Naturschutz und Nutzungsperspektiven“
- „Die Leistungen technischer und natürlicher Systeme klug verknüpfen“ – Interview mit Klement Tockner und Franziska Tanneberger
Veröffentlicht: Oktober 2020, Aktualisiert: April 2026