Prof. Dr. Markus Reichstein
Zweitmitgliedschaft in der Sektion Geowissenschaften
- Fachbereich Organismische und Evolutionäre Biologie
- Ort Jena, Deutschland
- Wahljahr 2025
Forschung
Forschungsschwerpunkte: Erdsystemwissenschaft, Globale Biogeochemische Kreisläufe, Ökosysteme, Klimaextreme, Maschinelles Lernen
Markus Reichstein ist ein deutscher Geoökologe. Er erforscht, wie Klima, Pflanzen und Böden im Erdsystem miteinander verknüpft sind und sich gegenseitig beeinflussen. Dabei nutzt er Methoden der Künstlichen Intelligenz, um komplexe Umweltprozesse zu verstehen und Vorhersagen über die Folgen des Klimawandels und extremer Wetterereignisse zu verbessern. Seine Forschung trägt dazu bei, Klimarisiken frühzeitig zu erkennen und wissenschaftliche Grundlagen für eine nachhaltige Entwicklung zu schaffen.
Im Mittelpunkt von Markus Reichsteins Arbeit steht die Frage, wie die Kohlenstoff-, Wasser- und Nährstoffkreisläufe der Erde untereinander und mit dem Klima zusammenhängen. Sein Ziel ist es, die Prozesse und Rückkopplungen zwischen diesen Teilen des Erdsystems genauer zu verstehen sowie in Computermodellen abzubilden. Dazu nutzt er Methoden des Maschinellen Lernens, die er mit physikalisch basierten Modellen der Atmosphäre und der Landökosysteme kombiniert. Auf diese Weise lassen sich komplexe Datensätze aus Experimenten, von Messstationen oder aus der satellitengestützten Erdbeobachtung besser analysieren, interpretieren und modellieren als bisher.
Mit diesem Ansatz haben der Geoökologe und sein Team zum Beispiel mehr über die herausragende Rolle der globalen Wasserkreisläufe herausgefunden. Bisher konzentriert sich die Diskussion über die Folgen des Klimawandels vor allem auf die steigenden Temperaturen. Viel entscheidender für die Ökosysteme aber ist Markus Reichsteins Analysen zufolge, wie viel Niederschlag künftig fallen wird. So können die häufiger zu erwartenden Dürren zum Beispiel die Vegetation schädigen und dadurch den Klimawandel weiter antreiben.
Eine Studie, an der Markus Reichstein mitgearbeitet hat, zeigt solche Zusammenhänge beispielsweise für die Wälder in der Europäischen Union (EU). Diese bedecken etwa 40 Prozent der Landoberfläche und haben zwischen 1990 und 2022 etwa zehn Prozent der von Menschen verursachten Kohlenstoff-Emissionen des Kontinents aufgenommen. Der Klimawandel macht diesen Ökosystemen zunehmend zu schaffen: Er bringt häufigere Hitzewellen und Dürren, Stürme und Waldbrände mit sich und fördert den Befall der Bäume mit Insekten. Zusammen mit einer intensiveren Holzernte führt dies dazu, dass Wälder weniger Kohlendioxid aufnehmen als früher. Die Klimaziele der EU könnten dadurch in Gefahr geraten, warnen die Forscherinnen und Forscher. Um das Potential der lebenden CO2-Speicher wieder zu erhöhen, empfehlen sie unter anderem eine Veränderung der Waldbewirtschaftung und der Holzernte-Praxis.
Extreme Klima- und Wetterereignisse bergen neben den Risiken für die Ökosysteme der Erde auch Risiken für den Menschen. Für solche Situationen entwickelt Markus Reichstein neuartige, durch Künstliche Intelligenz gestützte Frühwarnsysteme. Mit herkömmlichen Klimamodellen lässt sich bisher nicht genau berechnen, wo sich zum Beispiel eine Dürre wie auswirken wird. Dabei spielen sehr kleinräumige Unterschiede in den Bodenbedingungen, der Vegetation und der Geländeform eine Rolle. Die Künstliche Intelligenz kann eine große Zahl von Satellitendaten analysieren und daraus lernen, welche Folgen eine Trockenperiode in einem geologisch und ökologisch vergleichbaren Gebiet hatte. Auf diese Weise können Markus Reichstein und sein Team mit einer Auflösung von 20 Metern vorhersagen, welche Schäden einem bestimmten Acker oder Garten drohen. Daraus lassen sich Empfehlungen ableiten, welche Maßnahmen zur Entschärfung der Situation sinnvoll sind.
Werdegang
- seit 2022 Amazon Scholar, Amazon Web Services (AWS)
- seit 2022 Gründungsdirektor, ELLIS Unit Jena, European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS)
- 2021 Gastprofessor, Universität Innsbruck, Innsbruck, Österreich
- seit 2014 Gründungsdirektor, Michael Stifel Center Jena for Data-Driven and Simulation Science, Friedrich-Schiller-Universität Jena
- seit 2014 Professor für Globale Geoökologie, Friedrich-Schiller-Universität Jena
- seit 2012 Direktor, Abteilung „Biogeochemische Integration“, Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena
- 2006-2012 Leiter, Forschungsgruppe „Biogeochemische Modell-Daten-Integration“, Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena
- 2004-2006 Forschungsstipendiat am Forest Ecology Lab, Department of Forest Science and Environment, University of Tuscia, Viterbo, Italien, Marie Skłodowska-Curie Actions, Europäische Kommission (EC)
- 1998-2003 Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Abteilung „Pflanzenökologie“, Universität Bayreuth
- 2001 Promotion, Universität Bayreuth
- 1998-2001 Doktorand, Universität Bayreuth
- 1998 Diplom in Landschaftsökologie, Universität Münster
Funktionen
- seit 2024 Mitglied, Vorstand, Deutsches Klima-Konsortium (DKK)
- seit 2020 Mitglied, Wissenschaftliches Beratergremium „Helmholtz Artificial Intelligence Cooperation Unit (HAICU)“, Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren
- seit 2019 Co-Sprecher, NFDI4Earth – Konsortium für Erdsystemforschung, Nationale Forschungsdateninfrastruktur (NFDI), Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- seit 2019 Mitglied, Landeswissenschaftskonferenz, Land Thüringen
- seit 2019 Mitglied, Deutsches Komitee für Nachhaltigkeitsforschung in Future Earth (DKN), DFG
- 2018-2024 Leiter, Lenkungsausschuss „Knowledge Action Network on Emergent Risks and Extreme Events“ (Risk KAN), International Science Council (ISC) sowie World Meteorological Organization (WMO)
- 2016-2020 Sprecher für die Institute der Max-Planck-Gesellschaft, Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) Halle-Jena-Leipzig
- seit 2014 Mitglied, Klimarat, Land Thüringen
- 2012 Hauptautor, Special Report on Managing Risks of Extreme Events and Disasters to Advance Climate Change Adaptation (SREX), Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC)
Projekte
- 2023-2027 Koordinator, Max-Planck Caltech Carnegie Columbia (MC³) Center 4 Earth, Max-Planck-Institut für Biogeochemie, Jena, Max-Planck-Institut für Chemie, Mainz, California Institute of Technology (Caltech), Pasadena, USA, Carnegie Institution for Science, Washington, D.C., USA, sowie Columbia University, New York City, USA
- 2022-2026 Principal Investigator, Projekt „Open-Earth-Monitor“, Horizon Europe, Europäische Kommission (EC)
- 2022-2025 Koordinator, Herrenhäuser Konferenz „Climate Related Systemic Risks: Lessons Learned from Covid-19“, VolkswagenStiftung, Hannover
- 2021-2026 Programmdirektor, Programm „Machine Learning for Earth and Climate Sciences“, ELLIS Unit Jena, European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS)
- 2020-2026 Principal Investigator, Synergy Grant „Understanding and Modelling the Earth System with Machine Learning (USMILE)“, European Research Council (ERC)
- 2020-2025 Beteiligter Wissenschaftler, Project Office BIOMASS, Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR)
- 2017-2021 Leiter, Teilprojekt „Project coordination: Field site management, data synthesis and modeling of subsoil C-turnover“, Forschungsgruppe (FOR) 1806, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- 2015-2019 Koordinator, Projekt „Detecting changes in essential ecosystem and biodiversity properties – towards a Biosphere Atmosphere Change Index: BACI“, Horizon 2020, Europäische Kommission (EC)
- 2009-2013 Koordinator, Projekt „CARBO-Extreme“, 7. Forschungsrahmenprogramm, Europäische Union (EU)
- 2008-2014 Principal Investigator, Starting Grant „Quantifying and modelling pathways of soil organic matter as affected by abiotic factors, microbial dynamics, and transport processes (QUASOM)“, European Research Council (ERC)
Auszeichungen und Mitgliedschaften
- 2025, Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- 2024 Union Fellow, American Geophysical Union (AGU), USA
- 2020 Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- 2019 Fellow, European Laboratory for Learning and Intelligent Systems (ELLIS)
- 2018 Piers J. Sellers Global Environmental Change Mid-Career Award, AGU, USA
- 2014-2023 Highly Cited Researcher, Thomson Reuters, New York City, USA und Toronto, Kanada (seit 2016: Clarivate Analytics, Philadelphia, USA, und London, UK)
- 2013 Max-Planck-Forschungspreis (seit 2017: Max-Planck-Humboldt-Forschungspreis), Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften, München sowie Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- 2010 Jim Gray eScience Award, Microsoft Research, Redmond, USA
- 2005 Marie-Curie Intra-European Fellowship, Europäische Union (EU)