Prof. Dr. Peter H. Seeberger
- Fachbereich Chemie
- Ort Potsdam, Deutschland
- Wahljahr 2026
Forschung
Forschungsschwerpunkte: Kohlenhydratchemie, Glykobiologie, Impfstoffentwicklung, Nachhaltige Chemie, Kreislaufwirtschaft
Peter H. Seeberger ist ein deutscher Chemiker, der an der Schnittstelle von organischer Chemie, Glykobiologie und chemischer Biotechnologie forscht. Er untersucht Struktur und Funktion komplexer Kohlenhydrate und entwickelt Methoden, um diese Moleküle für medizinische und biotechnologische Anwendungen auch in größerem Maßstab einsetzen zu können. Seine vielfältigen Arbeiten haben beispielsweise neue Ansätze für Impfstoffe gegen Infektionskrankheiten sowie für Antikörper-basierte Tumortherapien eröffnet.
Kohlenhydrate gehören zu den häufigsten Biopolymeren der Erde: Sie verleihen Pflanzen und Algen Struktur und bedecken die Oberfläche nahezu aller Zellen. Dort fungieren sie als molekulare „Signaturen“, die Zellkommunikation und Immunerkennung steuern. Die Erforschung dieser Prozesse war lange dadurch limitiert, dass definierte Kohlenhydratstrukturen nur mit großem Aufwand zugänglich waren.
Peter H. Seeberger gelang eine automatisierte Darstellung von Oligosacchariden, basierend auf dem Konzept der Festphasensynthese. Dabei wird ein Molekül schrittweise an einem festen Träger aufgebaut, so dass überschüssige Reagenzien einfach entfernt werden können. Der Chemiker entwickelte neue Glykosylierungsreaktionen und revolutionierte alle Aspekte der komplexen Kohlenhydratchemie, um das ursprünglich für Peptide entwickelte Prinzip auf die automatisierte Herstellung definierter Zuckerketten anwenden zu können. Die daraus hervorgegangenen Syntheseautomaten werden heute weltweit eingesetzt und ermöglichen die schnelle Produktion komplexer Oligosaccharide. Damit wurden systematische Studien von Struktur-Funktions-Beziehungen wesentlich erleichtert.
Auf dieser Grundlage entwickelte Peter H. Seeberger mit seinem Team neuartige Impfstoffansätze. Viele Pathogene tragen charakteristische Zuckerstrukturen auf ihrer Oberfläche, die vom Immunsystem erkannt werden. Ein Nachbau dieser Oligosaccharide im Labor ermöglicht ein rationales Design von Impfstoffen. Ein Kandidat gegen das Bakterium Clostridioides difficile hat bereits erfolgreich eine klinische Phase-I-Studie durchlaufen.
Auch in der Onkologie und Infektiologie nutzt der Synthesechemiker diese Strategie: Tumorzellen und Pathogene tragen spezifische Zuckerantigene, die als Angriffspunkte dienen können. Durch synthetische Nachbildung dieser Strukturen lassen sich Antikörper erzeugen, die solche Signaturen gezielt erkennen. Daraus ergeben sich neue therapeutische Ansätze gegen Infektionen und Krebs.
Der Wissenschaftler forscht zudem zur Analyse von Kohlenhydrat-Protein-Wechselwirkungen. Peter Seebergers Arbeitsgruppe entwickelte 2003 die ersten Glycan-Mikroarrays, bei denen zahlreiche definierte Zuckerstrukturen parallel auf einer Oberfläche präsentiert werden. Diese Technologie erlaubt es, Bindungspartner systematisch zu identifizieren, und hat sich zu einer Standardmethode der Glykobiologie entwickelt.
Neben diesen Beiträgen treibt Peter Seeberger die Entwicklung nachhaltiger chemischer Synthesen voran. So nutzt er kontinuierliche Verfahren der Durchflusschemie, bei denen Reaktionen in geschlossenen Systemen präzise gesteuert werden. Dies reduziert den Verbrauch von Lösungsmitteln und Energie, erhöht die Ausbeute und minimiert Abfallströme. Gleichzeitig ermöglichen solche Prozesse eine effiziente Herstellung komplexer Wirkstoffe, was nicht nur ökonomische Vorteile bietet, sondern auch die Umweltbelastung chemischer Produktion deutlich senkt.
Darüber hinaus engagiert sich Peter H. Seeberger in vielfältiger Weise für die wissenschaftliche Gemeinschaft. Als Chefredakteur des Beilstein Journal of Organic Chemistry fördert er Open-Access-Publikationen und wirkt in zahlreichen Fachgremien mit. Seine Arbeiten zu vernachlässigten Krankheiten münden zudem in gemeinnützige Initiativen. So ist er Mitbegründer der Tesfa-Ilg-Stiftung „Hope for Africa“ in Äthiopien, die die Gesundheitsversorgung vor Ort verbessert.
Werdegang
- seit 2026 Gründungsdirektor, Center for the Transformation of Chemistry (CTC), Delitzsch
- seit 2025 Geschäftsführender Direktor, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam
- seit 2023 Wissenschaftlicher Geschäftsführer, CTC
- 2019-2020 Geschäftsführender Direktor, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam
- 2011-2012 Geschäftsführender Direktor, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam
- seit 2011 Honorarprofessor für Chemie, Universität Potsdam
- seit 2009 Direktor, Abteilung Biomolekulare Systeme, Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung, Potsdam
- seit 2009 Professor für Chemie, Freie Universität Berlin
- 2003-2009 Professor für Organische Chemie, Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich, Zürich, Schweiz
- 2003-2014 Affiliate Professor, The Burnham Institute, La Jolla, USA
- 2002-2003 Firmenich Associate Professor of Chemistry, Massachusetts Institute of Technology (MIT), Cambridge, USA
- 1998-2002 Assistant Professor of Chemistry, MIT, Cambridge, USA
- 1995-1997 Research Fellow, Sloan-Kettering Institute for Cancer Research, New York City, USA
- 1995 Ph.D. in Chemie, University of Colorado Boulder, USA
Funktionen
- seit 2022 Mitglied, Stiftungsrat, Tierärztliche Hochschule Hannover
- seit 2021 Vizepräsident, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- seit 2017 Wissenschaftliches Mitglied, Senat, Max-Planck-Gesellschaft (MPG), München
- seit 2011 Chefredakteur, Beilstein Journal of Organic Chemistry
Projekte
- seit 2025 Leiter, Teilprojekt „SYNTH - Synthetische Glykanvielfalt kann bakterielle Innovation übertreffen“, Transregio (TRR) 420, DFG
- 2023-2025 Leiter, Projekt „Center for the Transformation of Chemistry“, Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) (bis 2025 Bundesministerium für Bildung und Forschung BMBF)
- 2017-2025 Leiter, Teilprojekt „Automatische Synthese von Glykosaminoglykanen“, TRR 67, DFG
- 2009-2014 Principal Investigator, Advanced Grant „AUTOHEPARIN - Automated Synthesis of Heparin and Chondroitin Libraries for the Preparation of Diverse Carbohydrate Arrays“, European Research Council (ERC)
Auszeichungen und Mitgliedschaften
- seit 2026 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- seit 2026 Mitglied, Sächsische Akademie der Wissenschaften
- 2026 Liebig-Denkmünze, Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh)
- 2022 Ehrendoktorwürde, University of Chemistry and Technology, Prague (UCT Prague), Tschechien
- seit 2013 Mitglied, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW)
- 2009 Claude S. Hudson Award in Carbohydrate Chemistry, American Chemical Society, USA
- 2007 Körber-Preis für die Europäische Wissenschaft, Körber-Stiftung, Hamburg