Sie haben als besondere Zielsetzung Ihrer Präsidentschaft genannt, die wissenschaftliche Diskussion stärker in die Kommunikation mit der Gesellschaft einfließen zu lassen. An welche neuen, zusätzlichen Wege zu diesem Ziel denken Sie?
Bettina Rockenbach: Diese grundsätzliche Aufgabe der wissenschaftsfundierten Beratung von Politik und Gesellschaft hat die Leopoldina in zahlreichen Stellungnahmen schon in der Vergangenheit hervorragend erfüllt. Vor dem Hintergrund der multiplen Krisen und der starken Veränderungen der politischen Landschaft in Deutschland und in anderen Ländern sollten wir aber ergänzend an neue, adressatengerechte Kurzformate denken, etwa an Podcasts oder an Factsheets, die Gesellschaft und Politik kompakt informieren und auch im Schulunterricht eingesetzt werden könnten. Wer nach einer unabhängigen und wissenschaftlich fundierten Informationsquelle zu einem relevanten Thema sucht, sollte auf der Website der Leopoldina fündig werden.
Welche Rolle spielen die erwähnten Krisen und Veränderungen in der Kooperation der Leopoldina mit internationalen Partnern?
Rockenbach: Die internationalen Kontakte sind wichtiger denn je. Gerade angesichts der aktuellen politischen Situation hat es große Bedeutung, dass die Leopoldina gemeinsam mit ihren Partnerakademien abseits der politischen Ebene über Themen wie den Klimawandel oder Global Health spricht und sich gemeinsam mit ihnen als Wissenschaftsinstitutionen äußert.
Ein aktuelles Beispiel aus dieser „Science Diplomacy“ ist die Berlin Declaration zur Carbon Neutrality, die die Leopoldina gemeinsam mit der Chinesischen Akademie der Wissenschaften im Oktober 2024 veröffentlicht hat.
Mit Ihrer Wahl steht nun erstmals ein Mitglied der Klasse IV Geistes-,Sozial- und Verhaltenswissenschaften an der Spitze der Leopoldina, die ja im 17. Jahrhundert von Naturwissen-schaftlern und Medizinern gegründet wurde.
Rockenbach: Die Klasse IV ist für die Leopoldina von großer Bedeutung, denn die gesellschaftlich drängenden Fragen können nur interdisziplinär und auch mit dem Input aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften adressiert werden. Das hat man nicht zuletzt in den Corona-Stellungnahmen gesehen, in denen es auch um die sozialen und psychologischen Auswirkungen ging, etwa beim Thema Schulschließungen.
An der Leopoldina hat mich von jeher fasziniert, dass sie exzellente Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus so vielen unterschiedlichen Disziplinen vereint und diese miteinander interagieren. Die Interdisziplinarität hat auch schon früh meinen persönlichen wissenschaftlichen Werdegang geprägt, der mich von der Mathematik zur Volkswirtschaftslehre und da speziell in die Verhaltensökonomie geführt hat, die stark interdisziplinär aufgestellt ist.
Als Verhaltensökonomin haben Sie zum sozialen Dilemma und zur Förderung der Kooperation geforscht. Fällt es Ihnen nicht schwer, das hintenanzustellen?
Rockenbach: Als die Findungskommission mich ansprach, war mir klar, dass ich damit eine für mich richtungsweisende Entscheidung treffen würde, die beinhaltet, dass ich mich der neuen Aufgabe in der Leopoldina mit voller Arbeitskraft widmen werde. Wenn man wie ich Vollblutwissenschaftlerin ist, ist das eine schwere Entscheidung. Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben stellt man sich – vielleicht besonders als ökonomisch geprägter Mensch – die Frage: Wo kann ich den größten Mehrwert für die Gesellschaft schaffen? Nun freut es mich, dass ich meine Erfahrungen und Ideen in eine herausragende Organisation wie die Leopoldina einbringen darf.
Stichwort „Zeitpunkt im Leben“. Welche Rolle können jüngere und ganz junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der „altehrwürdigen“ Akademie spielen?
Rockenbach: Dass die Leopoldina in einem qualitätsgesicherten Zuwahlprozess die besten Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen gewinnt, ist eine ihrer großen Stärken. Die Auswahlkriterien bringen es mit sich, dass die Mitglieder meist in etwas höherem Lebensalter sind.
Es ist aber auch wichtig, die Impulse der Jüngeren aufzunehmen. Das möchte ich gern ausweiten, zum Beispiel, indem junge Forschende eine Konferenz zu einem wichtigen Zukunftsthema vorschlagen und dazu die international führenden Köpfe nach Halle bringen können.
Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner