Mein Ratschlag in dieser Situation lautet: Besinnen wir uns darauf, was uns unsere wissenschaftliche Bildung und Praxis darüber lehrt, wie wir mit Komplexität und Unsicherheit rational umgehen sollten. Lassen wir dieses Wissen und diesen Erfahrungsschatz in unsere wissenschaftsbasierte Gesellschaftsberatung einfließen. Denn sie soll Erkenntnisse, Kriterien und Empfehlungen für vernünftiges Handeln angesichts von drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen verständlich, differenziert und rechtzeitig in die öffentliche Diskussion einbringen. Damit fördert sie langfristig auch das Verständnis von Wissenschaft als Einübung einer vernünftigen Haltung in einer Welt krisenhafter Zielkonflikte. Die wissenschaftsbasierte Gesell- schaftsberatung sollte den Bürgerinnen und Bürgern drei Angebote unterbreiten:
- Erstens sollte sie die Einsicht nahebringen, dass ein Ignorieren oder Leugnen einer Tatsache oder der Notwendigkeit, eine Entscheidung zu treffen, nicht zu deren Verschwinden führen wird, sondern eher zu deren Verschärfung.
- Zweitens sollte die wissenschaftsbasierte Gesellschaftsberatung die für die jeweilige Entscheidung besonders relevanten Tatsachen und Entscheidungskriterien verständlich kommunizieren. Prognosen über zukünftige Entwicklungen basieren auf Annahmen. Die Aufgabe der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ist es, diese Annahmen gemäß hohen wissenschaftlichen Qualitätsstandards zu treffen und sie in einem kritischen Diskurs ständig zu prüfen und zu verbessern. Ist dies gewährleistet, bedeutet es kein Versagen der Wissenschaft, falls eine Annahme sich nachträglich als falsch herausstellt.
- Drittens sollte die Wissenschaft nachvollziehbar begründen, dass es für eine Entscheidung in der Regel nicht die eine absolut richtige Handlungsoption gibt, sondern dass es Unsicherheiten und Zielkonflikte gibt, die sie nicht selbst auflösen kann. Daher können auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler konträre Ansichten über die Art und Weise haben, für welche Handlungsoptionen sich Gesellschaft und Politik entscheiden sollten, ohne dass solche Meinungsverschiedenheiten die Verlässlichkeit der zugrunde liegenden Forschungsergebnisse in Frage stellen würden
Bei allen drei Angeboten spielt unsere Wissenschaftskommunikation eine zentrale Rolle. Wir sollten sie daher verstärkt als Medium unserer Gesellschaftsberatung verstehen. Unser ambitioniertes Ziel sollte es sein, dass wissenschaftsinteressierte Bürgerinnen und Bürger, Politikerinnen und Politiker, Journalistinnen und Journalisten als Erstes an die Leopoldina denken, sobald sie eine verlässliche Quelle wissenschaftlicher Informationen und wissenschaftsbasierter Entscheidungshilfen für die Erörterung und Bewältigung zentraler gesellschaftlicher Zukunftsfragen suchen.
Von Bettina Rockenbach
Bettina Rockenbach ist Wirtschaftswissenschaftlerin und seit März 2025 Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina