Interview „Die Einsicht ist: Krebs ist auch eine mechanische Krankheit“

Seite teilen

  • Krebsforschung
  • Medizinforschung
  • Biomedizin
Die Leopoldina verleiht am 6. Dezember zum zweiten Mal den Greve-Preis. Ausgezeichnet werden die Medizinerin Bahriye Aktas sowie die Biophysiker Jochen Guck und Josef Käs. Gemeinsam erforschen sie, wie sich Krebszellen durch den Körper bewegen und Metastasen bilden. Dafür stehen die Labore von Bahriye Aktas und Josef Käs an der Universität Leipzig und das von Jochen Guck am Max-Planck-Institut für die Physik des Lichts in Erlangen.

Sie erforschen, wie Krebs Metastasen bildet. Warum mit Physik?   
Jochen Guck: Ganz grundlegend: Wenn ein Objekt von A nach B will und eine Reibung herrscht, dann müssen da Kräfte auftreten. Das gilt auch für eine Krebszelle. Und damit ist man schon tief in der Physik.
Josef Käs: Es geht eben nicht nur um den molekularen Zustand, es kommt auch auf Wechselwirkungen an und die physikalischen Eigenschaften der Krebszelle. Denn um sich durch den Körper bewegen zu können, muss sie sich durch Gewebe quetschen. Dafür kommuniziert sie mit der Umgebung und wird weicher.   
Bahriye Aktas: Mich als Klinikerin treibt vor allem die Frage um: Wie kommt es zu einer Metastasierung und wie können wir diese aufhalten? Die physikalischen Eigenschaften von Krebszellen wurden bislang nicht berücksichtigt. Diese Erkenntnisse könnten helfen, eine Metastasierung vorherzusagen.

Sie arbeiten nicht direkt zusammen?
Käs: Nein, es gibt eine Verbindung über mich. Während meiner Zeit in den USA war Jochen mein erster Doktorand. Wir haben Laserphysik gemacht und zusammen ein Gerät gebaut, mit dem man eine Zelle mit zwei Lasern auseinanderziehen und ihren mechanischen Zustand messen kann, den Optical Stretcher. Wir erkannten: Eine weichere Zelle sollte sich leichter durch Gewebe quetschen und ausbreiten können.
Guck: Man wusste schon, Krebszellen haben ein lockereres Zytoskelett als gesunde. Mit dem Gerät konnten wir nachweisen, dass Krebszellen sich wirklich mehr verformen lassen. Und je stärker die einzelnen Zellen verformt werden können, desto einfacher können sie sich fortbewegen, desto wahrscheinlicher bilden sie Metastasen. Und dann kam die Idee, dass man das für Diagnostik und Prognose nutzen kann.
Käs: Wir haben dann unabhängig voneinander danach gesucht, die Verformbarkeit als Tumormarker zu verwenden. Mein Labor konnte zeigen, dass man bewegliche Krebszellen in histologischen Schnitten an der länglichen Form erkennt, da sie sich ja durch das Gewebe quetschen. Das Risiko für Metastasen steigt mit der Zahl der länglichen Zellen. In einer Studie mit über tausend Brustkrebspatientinnen zusammen mit Axel Niendorf, der an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf eine Professur für Pathologie hat, konnten wir mit diesem zusätzlichen diagnostischen Kriterium das Metastasen-Risiko um 25 Prozent besser vorhersagen.

Wie kamen Sie als Gynäkologin dazu, Frau Aktas?
Aktas: Als ich vom Universitätsklinikum Essen als Leiterin der Klinik für Frauenheilkunde ans UK Leipzig kam, gab es schon eine Zusammenarbeit zwischen der Gynäkologie und der Physik. So habe ich Josef kennengelernt, der hier an der Universität seine Professur am Peter-­Debye-Institut hat. Seither arbeiten wir sehr eng zusammen: Frische Tumorproben aus meinem OP werden in der Physik untersucht, klinische Fragestellungen auf der physikalischen Ebene gemeinsam auf den Prüfstand gestellt.
Beim Gebärmutterhalskrebs haben wir aufbauend auf den Arbeiten meines Vorgängers Michael Höckel erkannt, dass es natürliche Grenzen gibt, über die ein Tumor nicht hinausgeht. Wir operieren dadurch anders, entfernen den kompletten Bereich in diesen Grenzen und senken so das Rückfallrisiko um 58 Prozent. Aber durch bestimmte Prozesse verändern sich Krebszellen physikalisch, durchbrechen diese Grenzen und metastasieren.
Käs: Wenn diese Faktoren eine starke prognostische Aussagekraft haben, dann sind sie auch wichtig genug für neue Therapieansätze. Anstatt die Zellen mit Chemotherapien umzubringen, was immer giftig ist, kann man davon träumen, ihre Bewegung zu blockieren und damit das Metastasieren zu verhindern.

Herr Guck, Sie sind am Max-Planck-Institut in Erlangen, wo liegt Ihr Fokus? 
Guck: Ich schaue weiter auf die Deformierbarkeit. Wir machen Einzelzellenmessung und können inzwischen 1.000 Zellen pro Sekunde vermessen. Und das große Potenzial liegt darin, dass man schnell verschiedene Medikamente durchtesten und schauen kann, welche davon Zellen versteifen oder weicher machen. Und vielleicht stößt man auf ein zugelassenes Medikament, mit dem man dann relativ schnell prüfen kann, ob diese Idee tatsächlich funktioniert, Krebszellen zu versteifen und so ihre Ausbreitung zu verhindern. In Erlangen bauen wir unter anderem auch dafür gerade ein neues Max-Planck-Zentrum für Physik und Medizin auf.  

In Bezug auf Ihre Forschung ist von einem Paradigmenwechsel die Rede … 
Guck: Die Einsicht ist, Krebs ist nicht nur eine genetische Krankheit, Krebs ist auch eine mechanische Krankheit. Und unsere Aufgabe ist es vielleicht auch, dafür den Blick zu weiten. Die Ideen waren schon Ende der 1990er Jahre angelegt, aber damals hat es keinen interessiert.
Käs: Hier öffnet sich jetzt ein neues Feld in der Onkologie und das mit einem Schwerpunkt in Deutschland. Wir haben wirklich etwas angeschoben – und mal ganz klein angefangen in Austin, in Texas.
Aktas: Unsere Sichtweise muss sich öffnen und es erfordert Mut, Paradigmen zu hinterfragen. Ich hätte auch nicht
gedacht, dass ich als gynäkologische Onkologin mal mit Physikern zusammenarbeite.

Welchen Traum haben Sie für Ihre Forschung?
Käs: Ich glaube, ich spreche mal für uns als Trio, da müssen wir nicht träumen, sondern wir haben eine moralische Verpflichtung, das jetzt auch in Therapien zu übertragen. Wenn die Physics of Cancer wirklich wichtig sein soll, dann dürfen wir nicht bei der Diagnose stehen bleiben. Wenn es Patientinnen und Patienten therapeutisch hilft, dann haben wir unser Ziel erreicht.

 

Das gespräch führte Christine Werner

Die Leopoldina verwendet Cookies

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig (funktionale Cookies), während andere nicht notwendig sind, uns aber helfen unser Onlineangebot zu verbessern und wirtschaftlich zu betreiben. 

Sie können in den Einsatz der nicht notwendigen Cookies mit dem Klick auf die Schaltfläche "Alle Akzeptieren" einwilligen oder per Klick individuelle Einstellungen vornehmen und diesen per “Auswahl übernehmen” zustimmen. 

Sie können diese Einstellungen jederzeit aufrufen und Cookies auch nachträglich abwählen.

Funktional

Diese Cookies sind technisch erforderlich, um folgende Kernfunktionalitäten der Website bereitstellen zu können:

  • Darstellung der Website
  • Anonymisierung von IP-Adressen innerhalb von Logfiles
  • Status-Cookie-Zustimmung
Komfort

Neben notwendigen Cookies setzen wir zudem Cookies ein, um Ihnen die Nutzung der Website angenehmer zu gestalten. Akzeptieren Sie diese Cookies, werden externe Medien ohne weitere Zustimmung von Ihnen geladen.

Tracking

Mithilfe von Statistik-Cookies können wir die Inhalte und Services unserer Website besser an Ihre Interessen und Bedürfnisse anpassen. Für Statistiken und Auswertungen setzen wir das Produkt etracker ein.

Warnung vor externen Links

Die Nutzung dieses Teildienstes erfordert ihre Einwilligung in die Verarbeitung zusätzlicher personenbezogener Daten durch einen selbständigen Verantwortlichen: Matterport Inc., 352 E. Java Drive, Sunnyvale, CA 94089, USA. Es gelten folgende Datenschutzhinweise: https://matterport.com/de/node/44. Mit der Einwilligung durch Klick auf „Ok“ kann auch eine Übermittlung von personenbezogenen Daten in ein Land außerhalb der Europäischen Union erfolgen. Die Einwilligung ist freiwillig. Eine Ablehnung führt zu keinen Nachteilen. Eine erteilte Einwilligung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen werden.

Ich bin damit einverstanden, dass bei Nutzung dieses Teildienstes zusätzliche personenbezogene Daten verarbeitet werden. Dabei verarbeitete Datenkategorien: technische Verbindungsdaten des Serverzugriffs (IP-Adresse, Datum, Uhrzeit, abgefragte Seite, Browser-Informationen), Daten zur Erstellung von Nutzungsstatistiken und Daten über die Nutzung der Website sowie die Protokollierung von Klicks auf einzelne Elemente. Zweck der Verarbeitung: Auslieferung von Inhalten, die von Dritten bereitgestellt werden. Rechtsgrundlage für die Verarbeitung: Ihre Einwilligung nach Art. 6 (1) a DSGVO, Art. 49 DSGVO. Verantwortlicher für die Datenverarbeitung Matterport Inc., 352 E. Java Drive, Sunnyvale, CA 94089, USA. Es gilt die Datenschutzerklärung von Matterport Inc.: https://matterport.com/de/node/44.

Seite besuchen ▸