Interview „Die Kontroverse, die uns voranbringt, wird oft nur als Inkompetenz betrachtet“

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Leopoldina-Mitglied Martin Carrier ist Wissenschaftsphilosoph. Als Professor an der Universität Bielefeld forscht er zu Wissenschaftsskepsis und Wissenschaftsleugnung sowie Strategien dagegen. Am 22. November hält er die öffentliche Leopoldina-Vorlesung „Die Wissenschaft unter Beschuss. Zum Umgang mit Fälschung und Leugnung“ im Rahmen des Symposiums der Klasse IV.

Der Wissenschaft wurde lange vertraut. Seit einiger Zeit gibt es in Teilen der Öffentlichkeit jedoch eine Wissenschaftsskepsis. Wann hat diese Entwicklung angefangen?
Martin Carrier: Das ist ein allmählicher Stimmungsumschwung, und wichtig ist: Es ist nicht die Wissenschaft insgesamt betroffen. Zum Beispiel wird das Standardmodell der Teilchenphysik auch von Skeptikerinnen und Skeptikern geglaubt. Aber wenn es um Klimawandel, Pandemie, Gesundheit, Ernährung geht, wenn also die Wissenschaft das Leben der Menschen betrifft, dann wird es für einige schwierig.

Gilt das so auch für Wissenschaftsleugnerinnen und -leugner?   
Carrier: Bei diesen Menschen geht es in vielen Fällen gar nicht so sehr um die Wissenschaft. Sie sind gegen eine bestimmte Politik, es ist politische Opposition unter falscher Flagge. Sie greifen die Wissenschaft an, weil bei ihnen der Eindruck einer Ableitungsbeziehung zwischen Wissenschaft und Politik besteht, dass also aus Erkenntnissen der Wissenschaft eine bestimmte Politik folgt. Und leider hat die Wissenschaft diesen Eindruck auch verstärkt.  

Inwiefern? 
Carrier: Indem sie während der Coronavirus-Pandemie zum Teil konkrete Handlungsempfehlungen gegeben hat. Gerade bei der Bekämpfung der Pandemie ging es auch um gesellschaftliche und politische Werte. Darum, wie man Gesundheit, Wirtschaftskraft und das soziale Miteinander gewichtet. Setze ich ganz stark auf Gesundheitsschutz und nehme dafür in Kauf, dass Menschen vereinsamen? Oder nehme ich Infektionen, letztlich auch Tote in Kauf, um die Wirtschaft am Laufen zu halten? Solche Entscheidungen kann nicht die Wissenschaft treffen. Das ist Sache der Politik oder von uns Bürgerinnen und Bürgern.
Aber die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft leidet auch durch unzuverlässige Studien, statistische Fehler – und weil die Öffentlichkeit zu wenig über wissenschaftliche Methoden weiß.  

Wissenschaftliche Prozesse müssten also stärker kommuniziert werden?
Carrier: Ja, denn viele Menschen haben ein falsches Bild von Wissenschaft. Viele haben zum Beispiel die Vorstellung: Entweder ist etwas bewiesen oder es ist völlig haltlos. Die Kontroverse, das diskursive Austragen von Unsicherheit, das uns ja voranbringt, das wird oft nur als Inkompetenz betrachtet. Auch Meinungsänderungen werden falsch aufgefasst. Diese sind wichtig, denn sie passen die Erkenntnisse an neue Befunde an. Auch solche Revisionen werden in der Öffentlichkeit nicht selten als Versagen gewertet. Es käme darauf an, besser zu vermitteln, dass Wissenschaft durch den Umgang mit Unsicherheit dazulernt.

Hilft das auch in der Diskussion jenen, die  Wissenschaft leugnen?  
Carrier: Da macht es wenig Sinn, Wissenschaft und den aktuellen Forschungsstand erklären zu wollen. Ein Seminar über Virologie wäre zwecklos, denn die, die leugnen, sind ja überzeugt davon, dass sie Bescheid wissen.
Das Einzige, was da hilft, ist eine Art interne Kritik. Dass man sich auf den Standpunkt einlässt und Widersprüche deutlich macht. Damit wird man Schlüsselfiguren zwar nicht erreichen, aber die eigentliche Zielgruppe sind die Umstehenden, gerade in den sozialen Netzwerken. Es geht darum, die Schlüsselfiguren bloßzustellen. Und dafür muss Wissenschaftskommunikation dahin, wo diese Menschen unterwegs sind. Das ist nicht die akademische Vorlesung, das sind soziale Netzwerke.

 

Das Gespräch führte Christine Werner

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