Interview „Dieses Ökosystem ist wie ein Netz“

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Dirk Haller forscht an der Technischen Universität München zu den Wechselwirkungen zwischen Darmmikrobiom, Ernährung und Immunsystem sowie deren Einfluss auf Erkrankungen. Zum Abendvortrag der Klasse III – Medizin am 9. Juli an der Leopoldina in Halle (Saale) spricht der Professor für Ernährung und Immunologie über seine Studien.

„Mikrobiom als Organ – Fakt oder Science Fiction?“ heißt Ihr Vortrag …
Dirk Haller: … das ist natürlich eine kleine Provokation. Es ist ja kein Organ, mit dem ich zur Welt komme.

Es ist ein öffentlicher Vortrag. Ist das ein besonderer Reiz?
Ich mache das sehr gern, weil es mich schult, meine Forschung verständlich zu erklären. Und man kriegt oft überraschende Fragen gestellt, auf die man nicht immer eine Antwort hat. Ich freue mich darauf!

Ein Organ ist das Mikrobiom also nicht. Aber aus was besteht diese Biomasse im Darm genau?
Das sind Mikroben, Bakterien, Pilze, Viren, Archäen, das komplette mikrobiologische Spektrum. Und das Spannende ist, dass das bei jedem Menschen individuell ist. Wir kommen steril zur Welt und nach der Geburt baut sich quasi ein freier Marktplatz auf, der besiedelt wird, abhängig von dem, was wir zuführen. Mikroben sind genetisch individuelle Organismen, die kämpfen um Substrat, es entstehen Allianzen, Interaktionen und so entsteht über zwei, drei Jahre ein relativ stabiles, individuelles Ökosystem.

Welchen Zusammenhang gibt es zwischen Mikrobiom und Erkrankungen?
Dieses Ökosystem ist wie ein Netz, wenn ich eine Schweinshaxe esse, dehnt es sich aus und schwingt wieder zurück. Verschiedene Faktoren können diese Stabilität aber stören. Die häufige Einnahme von Antibiotika und fast jede Erkrankung verändern das Mikrobiom.
Die Frage ist jetzt, ist der Zusammenhang kausal oder nicht? Das lässt sich abschließend nicht beantworten. Bei der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn geht man davon aus, dass die Veränderung des Mikrobioms die Erkrankung kausal treibt. Aber woher kommt der initiale Trigger, dass sich das Mikrobiom verändert? Oder verändert die Erkrankung das Ökosystem und das treibt die Erkrankung weiter?

Wie ist das bei anderen Erkrankungen? 
Bei Darmkrebs gibt es eine gute Evidenz für eine kausale Interaktion. Es gibt außerdem Verbindungen zum Stoffwechsel, zum Hirn, bei degenerativen Erkrankungen wie Demenz besteht ein Anfangsverdacht. Nicht jeder wird erhärtet werden, aber dieses mikrobielle Ökosystem ist in seiner metabolischen Power wahnsinnig potent. 70 bis 80 Prozent unserer Immunität sitzt im Darm.

Apropos Schweinshaxe – kann ich mich so ernähren, dass mein Mikrobiom gesund bleibt?
Die Ernährung hat einen wesentlichen Einfluss auf das Mikrobiom, das ist klar. Den können wir inzwischen auch sehr differenziert erkennen. Wenn wir einen einzigen Nährstoff zuführen, können wir das in den Daten sehen. Allerdings kann ich noch sehr schwer sagen,  welche Ernährung Sie für Ihr Mikrobiom nutzen müssten, um es in eine möglichst gesunde Kategorie zu schieben. Das ist eben sehr individuell.

Bei Morbus Crohn kann eine spezielle Nahrung aber helfen …?
Ja, es gibt eine Ernährungstherapie für Kinder mit einer speziellen flüssigen Nahrung. Die Kinder kommen damit faszinierend schnell in einen entzündungsfreien Zustand. Und unsere aktuelle Studie zeigt relativ plausibel, dass diese Nahrung nicht direkt auf die Entzündung wirkt, sondern die Mikrobiota verändert.

Sie kommen aus der Lebensmittelmikrobiologie. Was treibt Sie in Ihrer Forschung an?
2000 habe ich am Nestlé Forschungszentrum in Lausanne geforscht. Damals gab es diese Art Forschung noch nicht, die Firmen haben da erstmals über Probiotika nachgedacht. Ich wollte aber an den Erkrankungsendpunkt heran, wo man relativ sicher weiß, dass kommensale Bakterien, die eigentlich harmlos sind, einen fundamentalen Einfluss haben und eine Erkrankung auslösen können.

Das Gespräch führte Christine Werner.

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