China ist heute ein wichtiger Akteur in der internationalen Forschungs- und Innovationslandschaft. In Schlüsselbereichen wie künstliche Intelligenz oder Biotechnologie und auch bei Großforschungsinfrastrukturen gehört China mittlerweile zur Weltspitze. Damit ist China ein relevanter Partner auch für deutsche Forschende, allerdings wird die Zusammenarbeit derzeit in Wissenschaft, Politik und Medien kontrovers diskutiert. Dabei gibt es gute Gründe für eine Zusammenarbeit mit China.
Die Bewältigung globaler Herausforderungen wie Klimawandel oder Pandemien erfordert internationale Ansätze und Strategien. Auch für den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Innovations- und Forschungsstandorts Deutschland ist die Zusammenarbeit mit China wichtig: Hier geht es um Zugang zu Wissen und Infrastruktur. Zudem spielen chinesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aktuell eine wichtige Rolle im deutschen Wissenschaftssystem. Darüber hinaus schaffen Forschungskooperationen nicht nur Wissen, sie wirken im Sinne der „Science Diplomacy“ auch gesellschaftspolitisch: Durch Dialog und Begegnung vermitteln sie Kenntnisse über Menschen, Gesellschaft und Lebensbedingungen in China und Deutschland.
Eine Zusammenarbeit mit China ist und bleibt daher sinnvoll, sollte aber nicht blind erfolgen. Welchen Mehrwert bringt eine Kooperation, welche Ziele werden damit verfolgt und welche grundlegenden Rahmenbedingungen sind dafür notwendig? – Diese Fragen sollten im Vorfeld geklärt werden. Strategische, interessengeleitete Kooperation bedeutet, diese Aspekte regelmäßig zu überprüfen, Probleme anzusprechen und gegebenenfalls die Zusammenarbeit zu beenden.
Ein verantwortungsvoller Umgang mit Risiken ist wichtig, wird aber nicht durch immer weitere Gesetze und Vorschriften erreicht. Diese führen lediglich zu mehr Bürokratie, die die wissenschaftliche Arbeit zunehmend lähmt und damit der Innovationskraft des Landes entgegensteht. Voraussetzung für ein informiertes Handeln ist dagegen die immer wieder beschworene Chinakompetenz – und zwar nicht nur an Hochschulen, sondern auch in Behörden, Verwaltung und Politik. Dabei geht es nicht nur um interkulturelle Schulung, sondern zum Beispiel um konkrete Informationen zur chinesischen Forschungslandschaft und deren zentralen Akteuren.
Schließlich gilt es, nicht nur über, sondern mit China zu sprechen, denn die Gestaltung von Zusammenarbeit erfordert ein proaktives Herangehen angesichts unterschiedlicher Rahmenbedingungen und Wertvorstellungen. Das bedeutet, immer wieder aufs Neue einen tragfähigen Konsens dazu zu erarbeiten, auch wenn es mühsam ist. Die Leopoldina unterstützt dies maßgeblich durch ihr Engagement im nationalen Diskurs zu China sowie in der direkten Zusammenarbeit mit ihren chinesischen Partnern.
Von Ruth Narmann und Saskia Steiger
Ruth Narmann leitet die Abteilung Internationale Beziehungen (IB) der Leopoldina seit Juni 2023. Zuvor war die Sinologin, die seit 2011 an der Leopoldina tätig ist, ab 2013 stellvertretende Leiterin der Abteilung. Saskia Steiger ist Sinologin und Soziologin und seit 2024 als Referentin der Abteilung IB für die Beziehungen zu China und Indien zuständig.