Lange galt es als unmöglich, das Erbgut einer seit zehntausenden Jahren ausgestorbenen Spezies zu analysieren. Sie haben sich nicht abschrecken lassen. Was hat Sie motiviert?
Svante Pääbo: In den 1990er Jahren gelang es, einige DNA-Sequenzen von Höhlenbären und anderen Tieren, die zeitgleich mit den Neandertalern gelebt haben, zu bestimmen. Das machte es plausibel, dass auch DNA-Sequenzen von Neandertalern entschlüsselt werden könnten, obwohl DNA im Laufe der Zeit zerfällt.
Sie haben sich zunächst auf die mitochondriale DNA konzentriert, die leichter zu gewinnen ist.
Pääbo: Ja, nur das war in den 1990er Jahren möglich, weil sie in mehreren Kopien pro Zelle vorkommt.
2010 entschlüsselte Ihr Team das Neandertaler-Genom fast vollständig. Was hat schließlich zum Erfolg geführt?
Pääbo: Mitochondriale DNA repräsentiert ja nur die mütterliche Abstammungslinie und nur einen kleinen Teil des Genoms. Technologische Fortschritte wie die Hochdurchsatz-Sequenzierung und eine innovative Bioinformatik waren entscheidend. Außerdem haben wir Methoden entwickelt, um mit einer geringen DNA-Menge zu arbeiten bzw. die DNA anzureichern. Eine Herausforderung bestand auch darin, Verunreinigungen mit menschlicher DNA zu erkennen und gezielt zu entfernen.
Offenbar haben sich der frühe moderne Mensch und der Neandertaler gekreuzt, nachdem unsere Vorfahren aus Afrika ausgewandert sind. Hat Sie dieses Ergebnis selbst überrascht?
Pääbo: Ja, nach der Analyse der mitochondrialen DNA waren wir geneigt zu denken, dass wir keine Neandertaler-Gene im menschlichen Genom finden würden. Aber unsere Ergebnisse haben uns gezeigt, dass wir falsch lagen. Rund zwei Prozent unseres Genoms stammen vom Neandertaler, bei Asiaten sind es sogar noch deutlich mehr.
Sie haben an Ehrungen und Erfolg alles erreicht. Was treibt Sie weiter an? Was möchten Sie herausfinden?
Pääbo: Unser Team untersucht jetzt die funktionellen Auswirkungen der Hominiden-DNA auf den modernen Menschen, um zu verstehen, welche Vorteile oder Nachteile sie bietet. Spannend ist dabei zum Beispiel das Immunsystem.
Wir untersuchen auch die DNA der Denisovaner, einer mit den Neandertalern verwandten Menschengruppe. Bewohner von Ozeanien tragen etwa vier Prozent dieser DNA in ihrem Erbgut. Wir wollen herausfinden, welche evolutionären Vorteile oder Nachteile die so lange konservierte DNA möglicherweise mit sich bringt. Archaische Genvarianten können uns im Kampf gegen Krankheitserreger helfen, aber auch Nachteile mit sich bringen.
Zudem interessieren uns besonders solche Genvarianten, die an der kognitiven Entwicklung beteiligt sind. Wir interessieren uns dafür, wann und wie es zu den Variationen kam, durch die wir uns vom Neandertaler unterscheiden. Ich werde über unsere Bemühungen, solche Varianten zu studieren, in der Weihnachtsvorlesung an der Leopoldina erzählen.
Ihre Forschung hat das Bild von unserer Entstehungsgeschichte verändert. Was hat sich für Sie nach dem Nobelpreis verändert?
Pääbo: Ich habe gelernt, besser „Nein“ zu sagen. Einladungen, bei denen es nicht primär um das Interesse an unserer Forschung geht, lehne ich so höflich ich kann ab.
Sie sind seit 2001 Mitglied der Leopoldina? Was bedeutet Ihnen das?
Pääbo: Ich schätze die Beratung der Politik durch die Leopoldina, auch wenn ich mich persönlich nie aktiv eingebracht habe.
Das Gespräch führte Hannelore Gießen