Nachricht Leopoldina-Gespräch: „Angst vor dem Superkeim“

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Wie sind Krankenhausinfektionen beherrschbar? Diese Frage lockte am Freitag, den 1. Juli 2011, zahlreiche Besucher in den Vortragssaal der Leopoldina in Halle. Im Rahmen der 10. Langen Nacht der Wissenschaften diskutierten hier Experten auf dem Podium und mit dem Publikum das kontroverse Thema Krankenhausinfektionen.


Das Gespräch zwischen Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut, Leopoldina-Präsident Jörg Hacker und Dieter Worlitzsch vom Institut für Hygiene des Uniklinikums Halle wurde moderiert von Sibylle Quenett, der stellvertretenden Chefredakteurin der Mitteldeutschen Zeitung. Auch das Publikum diskutierte rege mit.

Krankenhausinfektionen haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Immer mehr Patienten stecken sich im Krankenhaus nicht nur an, sondern sterben auch an diesen Infektionen. Immerhin 15.000 Todesfälle pro Jahr allein in Deutschland lassen sich direkt mit Krankenhausinfektionen in Zusammenhang bringen. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen gibt es zunehmend Erreger, die resistent gegen Antibiotika sind. Besonders verbreitet ist MRSA, eine multi-resistente Erregerform, die Blutvergiftungen und Lungenentzündung hervorrufen kann. Zum anderen werden Hygiene-Vorschriften in Krankenhäusern offenbar oftmals nicht strikt genug eingehalten oder sind wegen mangelhafter Strukturen nicht wirksam umzusetzen.

Neben Mutationen rühren laut dem Mikrobiologen Wolfgang Witte vom Robert-Koch-Institut die Resistenzen daher, dass Bakterien neue genetische Informationen aufnehmen, die die Wirkung von Antibiotika außer Kraft setzen. Dass Antibiotika zu oft und auch falsch verschrieben werden, verschärfe, wie Dieter Worlitzsch vom Uniklinikum Halle ausführte, das Problem. „Je mehr verschiedene Antibiotika das Bakterium kennenlernt, desto größer ist seine Möglichkeit, Resistenzen zu entwickeln“, ergänzte Witte.

Doch wie kann man die Bakterien fernhalten? „Der Mensch ist nicht steril“, erklärte Worlitzsch. „Im Darm haben wir Millionen von möglicherweise infektionsauslösenden Keimen. Im Wasser, im Staub, überall sind Bakterien. Wir müssen den Patienten vor den anderen Patienten und auch vor dem Pflegepersonal und den Ärzten schützen. Eine Möglichkeit besteht darin, die Exposition so gering wie möglich zu halten.“ So erhalte in seiner Klinik ein Patient mit MRSA sofort ein Einzelzimmer.

Aber wie lassen sich solche Patienten frühzeitig erkennen? Leopoldina-Präsident Jörg Hacker sieht grundlegend verbesserte Überwachungsmethoden als ein vordringliches Ziel: „Es ist wichtig, dass die Krankenhäuser eine Surveillance durchführen, um eine Diagnostik zu entwickeln.“ Beim dafür erforderlichen Screening handelt es sich um die frühzeitige labordiagnostische Identifizierung von Trägern beispielsweise des MRSA-Erregers.Im Hygiene-Musterland Niederlande hat man in den Krankenhäusern vor vielen Jahren mit dem intensiven Screening begonnen. Die umfassenden Hygienevorschriften werden strikt umgesetzt, zudem gibt es auf Intensivstationen fast eine Eins-zu-eins-Betreuung. Folge: Die Krankenhausinfektionen im Nachbarland sind im Vergleich deutlich geringer. „Wenn wir als Deutsche in Holland ins Krankenhaus kommen, gehören wir zu einer Risikogruppe und werden isoliert“, sagte Worlitzsch.

Wolfgang Witte verwies in diesem Zusammenhang auf das im Juni dieses Jahres vom Bundestag beschlossene neue Krankenhaushygienegesetz. Es nehme die Erfahrungen aus den Niederlanden auf. Das neue Hygienegesetz beinhaltet, dass Klinikleiter sich verpflichten, die aktuellen Hygiene-Regeln, die das Robert-Koch-Institut aufstellt, zu kennen und an ihre Mitarbeiter weiterzugeben. Gründliche Prophylaxe wie in den Niederlanden, angefangen beim schlichten Händewaschen mit Desinfektionsmitteln beim Betreten des Krankenzimmers, soll in Zukunft selbstverständlich sein. „Unter anderem fordert das neue Hygienegesetz Hygienebeauftragte in jedem Krankenhaus“, sagte Witte. Eine sinnvolle Maßnahme, die allerdings nur Erfolg bringen werde, wenn diese Position auch ernst genommen werde.

Aber reichen Hygienemaßnahmen und Surveillance in deutschen Krankenhäusern aus, den Wettlauf gegen die zunehmende Antibiotika-Resistenz der Bakterien erfolgreich zu bestreiten? Jörg Hacker wies darauf hin, dass die Grundlagenforschung in Deutschland im internationalen Vergleich gut aufgestellt sei. Allerdings dauere es in der Regel bis zu zehn Jahren, bis ein Medikament in die Anwendung komme und erfordere beträchtliche Investitionen der Industrie. Verbesserungswürdig sei der Datenaustausch zwischen den beteiligten Akteuren. Dies setze verbesserte Strukturen auch auf internationaler Ebene voraus. „Wir müssen international Einheitlichkeit der Verfahren schaffen, damit wir Daten vergleichen können. Entwicklung und Markteinführung müssen von der Wirtschaft kommen.“

Hoffnung auf Alternativen zur Therapie mit Antibiotika machte Hacker am Ende auch: „Wir haben keine aktiven Impfstoffe gegen Krankenhauserreger. Auch nicht für passive Impfungen in absehbarer Zeit. Mittel- bis langfristig wird das aber kommen.“

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