Warum planen Sie eine Konferenz zum Thema Kohlenstoffneutralität mit China, sind die Herausforderungen der beiden Länder nicht zu unterschiedlich?
Katharina Kohse-Höinghaus: Es ist einfach klar: Es geht nicht ohne China. China ist einer der größten Verursacher von Klimagas-Emissionen. Wenn wir aber auf die Emission pro Kopf und Jahr schauen, liegen wir etwa gleichauf bei acht Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. China hat natürlich eine viel größere Bevölkerung, dort muss mehr passieren als bei uns, aber das geschieht auch bereits mit schnellen Genehmigungsverfahren und staatlicher Unterstützung.
Harald Fuchs: Vergleichbar ist auch: Beide Länder haben wenig Öl- und Gasvorkommen und bisher auf Kohle und Kernkraft gesetzt. Und für die Zusammenarbeit spricht, dass man komplementär vorgehen kann. Jedes Land hat andere Mechanismen, in China ist vor allem die Translation aus der Forschung in die Anwendung anders strukturiert. Und da haben wir, glaube ich, eine gute Mischung unterschiedlicher Vorgehensweisen im Technologietransfer, über die wir uns austauschen können.
Wie kann man sich denn in der CO2-Neutralität gegenseitig voranbringen?
Kohse-Höinghaus: Wir haben ja verschiedene Sektoren, nicht nur den Stromsektor, sondern zum Beispiel auch die Bauwirtschaft. Beton ist sehr CO2-intensiv. Wir haben eine hohe Bautätigkeit in China, und bei uns ist in Sachen Dämmung auch noch nicht alles umgesetzt. Dann Stahlerzeugung und chemische Industrie, bei der sich beide Seiten um grüne Verfahren bemühen. Das sind wichtige Bereiche auf dem Weg zur Kohlenstoffneutralität.
Fuchs: In beiden Ländern gibt es Batterieproduktion. Hier ist China um mehr als eine Größenordnung stärker als wir. Es gibt natürlich auch Sekundäreffekte durch die Anwesenheit von CO2, zum Beispiel die Freisetzung von Methan aus Permafrostböden und Gestein und von gebundenem CO2 in Seegras. Das sind Prozesse, die lange nachlaufen. Daher ist die breite Anwendung neuer Technologien und die Zusammenarbeit sehr wichtig, damit man effizienter in verschiedenen kritischen Bereichen in mehreren Richtungen parallel arbeiten kann.
Kohse-Höinghaus: Wir haben bei der CO2-Neutralität so viele Baustellen, für die interdisziplinärer Austausch sehr wichtig ist. Gerade wegen der Sektorkopplung und der Feedback-Effekte muss die Wissenschaft zusammenarbeiten.
China will bis 2060 kohlenstoffneutral werden, baut aber weiter Kohlekraftwerke. Wie soll das klappen?
Kohse-Höinghaus: Wir müssen akzeptieren, dass Kohle in China zurzeit ein wichtiger Energieträger ist. Es werden aber auch große Photovoltaik- und Windenergieanlagen gebaut. 2022 standen in China grob 35 Prozent der kumulierten weltweit installierten Photovoltaikleistung. Für die Kohle ist der Peak vor 2030 angekündigt – ob das klappt, werden wir sehen.
Fuchs: Kohle ist auch in China eine Brückentechnologie. China hat den Vorteil, dass das Land sehr groß ist. Riesige ausgedehnte Solaranlagen stehen im Wesentlichen im Westen und Norden Chinas. Man könnte mit Anlagen dieser Größe weite Teile Europas mit Strom versorgen.
Was soll die Konferenz im Oktober für beide Länder leisten?
Kohse-Höinghaus: Wissenschaftliche Interaktion ermöglichen, Gesprächsfäden aufrechterhalten, gerade auch für junge Forschende. Es geht nicht um einen Durchbruch auf Gebiet XY, sondern es geht um das gemeinsame Vorangehen beim Weltthema CO2-Neutralität. Fuchs: Wir arbeiten zusammen in der Hoffnung, dass wir gemeinsam schneller vorankommen, eben auch bei der Dekarbonisierung.
Das Gespräch führte Christine Werner