Forschungsergebnisse und wissenschaftliche Gesellschaftsberatung sind längst in die Leitmedien und Talkshows vorgedrungen und werden mitunter noch intensiver in den sozialen Medien diskutiert. Das ist richtig so, denn auf diese Weise können ihre Erkenntnisse insbesondere in Krisensituationen in öffentlichen Debatten und bei politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. Die Wissenschaft liefert Erkenntnisse und kann der Politik darauf basierende Handlungsoptionen aufzeigen. Aber sie ist nicht die einzige Stimme, die sich einbringt, sondern eine neben zahlreichen anderen gesellschaftlichen Akteuren.
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler äußern sich immer häufiger in Medien, um dem Bedarf an Beratung nachzukommen. Von ihnen werden dabei fundierte Fakten und Erkenntnisse erwartet, aber auch Ratschläge und Meinungen abgefragt. Ihre Expertise soll dazu beitragen, einen aufgeklärten Diskurs über wichtige Themen unserer Gesellschaft zu sichern. Doch äußern sich Fachleute, riskieren sie – ob berechtigt oder unberechtigt –, kritisiert und sogar angefeindet zu werden. Das zeigt, dass Expertise in fachlichen Fragen allein oft nicht reicht, damit Wissenschaftskommunikation gelingt.
Um einen transparenten Beitrag zu öffentlichen Debatten zu leisten, hilft es, sich vorab nicht nur mit den möglichen Fragestellungen und Interpretationen des Gegenübers auseinanderzusetzen, sondern auch mit den verschiedenen Rollen, die Forscherinnen und Forscher im Dialog einnehmen können.
Genuine Aufgabe von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist es, Forschungswissen im eigenen Fachgebiet zu generieren und zu veröffentlichen (Stufe 1). Diese Fakten und Erkenntnisse lassen sich im nächsten Schritt interpretieren (Stufe 2). Dies erfolgt im Austausch mit Fachkolleginnen und -kollegen, aber auch über die Vermittlung an die Öffentlichkeit. Engagieren sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern darüber hinaus in der wissenschaftsbasierten Politikberatung, zeigen sie verschiedene Handlungsoptionen auf, die auf Forschungswissen beruhen (Stufe 3). In diesem Fall arbeiten in der Regel Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen gemeinsam daran, ihre Erkenntnisse zur Beantwortung gesellschaftlicher Fragen zusammenzuführen. Wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern überdies Empfehlungen oder Präferenzen für eine der Handlungsoptionen erkennen lassen oder abgeben (Stufe 4), bewegt sich der Diskursbeitrag weg von der Faktenbasis, hin zu einer Meinungsäußerung (Stufe 5). Dies ist erst recht der Fall, wenn sich Äußerungen nicht mehr auf das eigene Fachgebiet beziehen (Stufe 6). Hier unterscheiden sich Aussagen nicht von denen anderer gesellschaftlicher Akteure, die ihre Meinung öffentlich zu einem Thema beitragen.
Der Übergang zwischen den Stufen ist fließend, und je weiter sich Aussagen von fundierten Fakten entfernen und hin zu Meinungen entwickeln, desto angreifbarer werden die Äußerungen im gesellschaftlichen Austausch. Das Rollenmodell zeigt, dass sich einerseits Forscher selbst immer darüber bewusst sein müssen und anderen transparent machen sollten, in welcher Rolle sie sich äußern. Andererseits sollten auch Journalisten oder Moderatoren diese unterschiedlichen Rollen berücksichtigen und sie ihrem Publikum vermitteln. Dies beugt Missverständnissen vor, ermöglicht eine differenziertere Kritik und trägt zu einem transparenteren und nachvollziehbaren gesellschaftlichen Dialog bei.
Von Caroline Wichmann
Caroline Wichmann leitet seit 2009 die Abteilung Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Leopoldina. 2020, 2015 und 2011 wurde sie zur Forschungssprecherin des Jahres gewählt. Der Artikel erschien am 13. Juli 2023 in der Wochenzeitung DIE ZEIT.