aus Sicht der Wissenschaft brachte die Coronavirus-Pandemie neue Herausforderungen – im Bereich der Forschung ebenso wie bei der Kommunikation und Politikberatung. Drei Faktoren kamen in dieser beispiellosen Situation zusammen: (a) Ein schnelles, hochdynamisches, mit Unsicherheiten behaftetes Geschehen traf (b) vielerorts auf Gesellschaften, die durch veränderte Mediennutzung anfällig für Falschinformationen sind und in denen (c) bereits vor der Pandemie ein Wiedererstarken populistischer, nationalistischer Bewegungen zu beobachten war, deren Prinzip es ist, mit Desinformation gezielt Ängste zu verstärken oder auszulösen.
In einer derart komplexen Situation wird die Bewältigung nationaler bzw. internationaler Krisen zur Herausforderung. Es ist eine relevante Aufgabe der Wissenschaft, dann die richtige Art der Kommunikation und Beratung zu finden.
Mein verstärktes persönliches Engagement setzte im Winter 2020/21 ein, als ich auf der Intensivstation der von mir geleiteten Klinik realisierte, dass immer mehr Schwerstkranke an Beatmungsmaschinen um ihr Leben rangen und die Situation außer Kontrolle zu geraten drohte. Zu der Zeit starben in Deutschland binnen eines halben Jahres etwa 90.000 Menschen an COVID-19. Im wissenschaftlich-medizinischen Freundes- und Bekanntenkreis tauschten wir uns darüber aus und beschlossen, konstruktive Vorschläge zu unterbreiten. Unsere No-COVID-Initiative erarbeitete praktische Handlungsoptionen im Sinne einer nachhaltigen Öffnungsstrategie unter Einsatz aller Mittel einer demokratischen Zivilgesellschaft.
Gegenwind erhielten unsere Vorschläge durch ein bewusst falsches Framing in einem Teil der Medien als freiheitsfeindliche Maßnahmen. In Talkshows wurden Gäste mit (semi-)wissenschaftlichem Background eingeladen, deren Behauptungen über No-COVID ein Faktencheck leicht hätte widerlegen können. Es entstand eine False Balance, eine unausgewogene Darstellung. Das ließ die Politik zögern, den einfachen, klaren, wissensbasierten Ansatz konsequent umzusetzen.
Dennoch hatte unser Engagement positive Wirkung. So wurden die von uns Anfang 2021 entwickelten inzidenzbasierten Stufenpläne für das Pandemiemanagement von vielen Parteien oder Landesregierungen in abgewandelter Form übernommen und ersetzten weitgehend das Prinzip des „Fahrens auf Sicht“. Zu Erfolgen führte im November 2021 auch ein Aufruf aus der Wissenschaft und Medizin an die Politik, nach der Bundestagswahl den Wahlkampf hinter sich zu lassen und sich verstärkt um die Pandemie zu kümmern. Einige der Forderungen, etwa die Einrichtung eines legitimierten Expertenrats der Bundesregierung, wurden in der Folge umgesetzt.
Was können wir für die Zukunft lernen? Ich bin überzeugt: Wissenschaft muss sich mehr einbringen in die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Rückzug ist keine Option. Sie muss lernen zu kommunizieren – klar und in allgemeinverständlicher Sprache. Sie sollte die Prinzipien ihres hypothesengeleiteten Vorgehens aufzeigen, verteidigen und dabei deutlich machen, dass das Eingestehen eines wissenschaftlichen Irrtums ein Zeichen von Qualität und Ehrlichkeit ist, nicht von Schwäche.
In dieser Kommunikationsarbeit ist es zudem wichtig, die Prinzipien der säkularen, aufgeklärten Gesellschaft herauszustellen und damit Eigenschaften und Werte wie Demut, Wahrheit, Mitgefühl mit anderen Menschen und Lebewesen und Freiheit (aber nicht nur die eigene). Nur so können wir dazu beitragen, die demokratische, pluralistische Gesellschaftsidee des Europas der Gegenwart zu sichern.
Von Michael Hallek
Michael Hallek ist Direktor der Klinik I für Innere Medizin am Universitätsklinikum Köln und Direktor des Centrums für Integrierte Onkologie CIO Köln. Im Jahr 2011 wurde er Mitglied der Leopoldina.