Prof. Dr. Lorraine J. Daston
- Fachbereich Wissenschafts- und Medizingeschichte
- Ort Berlin, Deutschland
- Wahljahr 2002
Forschung
Forschungsschwerpunkte: Wissenschaftsgeschichte, Rationalität, moralische Autorität, Objektivität
Lorraine J. Daston ist eine US-amerikanische Wissenschaftshistorikerin, die sich vor allem mit der europäischen Geistes- und Wissenschaftsgeschichte seit der frühen Neuzeit beschäftigt. Dabei interessiert sie sich für ein breites Spektrum von Themen von der Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung und der Statistik über sprachliche Gemeinsamkeiten von Wissenschaft und Kunst bis hin zum einst populären Studium von Wundern und Monstern. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf verschiedenen Facetten der Rationalität. Sie analysiert, wie sich dieser zentrale wissenschaftliche Begriff im Laufe der Geschichte entwickelt und verändert hat und was das für die heutige Forschung und Gesellschaft bedeutet.
Lorraine Daston und ihre Arbeitsgruppe haben sich viele Jahre mit der beschäftigt, was Rationalität eigentlich ist. Wenn ein Navigator einst den Kurs eines Schiffes anhand der Sterne bestimmte, ein Höfling aus einem Blickkontakt auf eine Intrige schloss oder ein Beamter das Steuersystem eines Reiches organisierte, dann erforderte das zweifellos ein umfassendes Wissen. Dieses beruhte auf sorgfältigen Beobachtungen, Abwägungen und Schlussfolgerungen. Aber war das dieselbe Art von Rationalität, wie sie etwa bei einem mathematischen Beweis oder einer präzisen Messung im Labor nötig ist? Haben die verschiedenen Formen von Rationalität also Gemeinsamkeiten, die über die Grenzen zwischen praktischem Wissen und Forschung, zwischen Geistes- und Naturwissenschaften hinweg reichen? Um das herauszufinden, vergleicht Lorraine Daston die rationalen Vorstellungen von historischen Epochen, aber auch von verschiedenen Kulturen und wissenschaftlichen Disziplinen.
Ein bis heute weit verbreitetes Konzept besagt, dass sich Menschen dann rational verhalten, wenn sie ihre eigenen Interessen verfolgen. Im 2014 erschienenen Buch „How reason almost lost its mind” zeichnet die Forscherin zusammen mit Mitgliedern ihrer Arbeitsgruppe nach, welche Konsequenzen diese Vorstellung im Kalten Krieg hatte. Etliche Geisteswissenschaftler, aber auch Militärs und Politiker hofften damals, die aus der Ökonomie stammende Idee der Rationalität des Eigeninteresses auf andere Bereiche ausdehnen zu können. Mithilfe der Spieltheorie sollte beispielsweise abgeschätzt werden, wie sich die USA und die UdSSR in verschiedenen Situationen verhalten würden, um ihre Interessen zu wahren. Das sollte helfen, eine funktionierende Strategie der nuklearen Abschreckung zu entwickeln.
Auch in anderen Fällen hat die Forscherin dokumentiert, wie sich wissenschaftliche Konzepte und Herangehensweisen im Laufe der Jahrhunderte verändert haben. Das zeigt sich zum Beispiel in der Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung. Mit uralten Verfahren wie der astronomischen Beobachtung von Sternen oder der medizinischen Untersuchung hat sich Lorraine Daston ebenso beschäftigt wie mit neueren Erfindungen von chemischen Analysen über soziologische Umfragen bis hin zu klinischen Studien. Dafür nutzt sie auch Methoden wie Computersimulationen oder Big Data Mining.
Aus ihrer historischen Arbeit zieht Lorraine Daston dabei Schlüsse, die für heutige wissenschaftliche und gesellschaftliche Probleme relevant sind. Die vor allem seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gewachsene scharfe Trennung zwischen Geistes- und Naturwissenschaften hält sie zum Beispiel für nicht mehr zeitgemäß. Und die Frage, ob sich aus Naturphänomenen moralische Werturteile ableiten lassen, hat aus ihrer Sicht im Laufe der Jahrhunderte nichts von ihrer Aktualität verloren: Die „unnatürliche Mutter“ wurde schon in der Antike thematisiert, die „natürlichen“ Menschenrechte sind eine Erfindung der Aufklärung und das „unnatürliche“ Klonen von Menschen könnte für die Schlagzeilen der Zukunft sorgen.
Werdegang
- seit 2019 Emeritierte Direktorin, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
- 2005-2008 Gastprofessorin, Committee on Social Thought, University of Chicago, Chicago, USA
- 2002-2003 Gastprofessorin, Harvard University, Cambridge, USA
- seit 1997 Research Associate, Department of History, University of Chicago, Chicago, USA
- seit 1997 Honorarprofessorin, Seminar für Kulturwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
- 1995-2019 Direktorin, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Berlin
- 1992-1997 Professorin für Geschichte/Wissenschaftsgeschichte, University of Chicago, Chicago, USA
- 1990-1992 Professorin und Direktorin, Institut für Wissenschaftsgeschichte, Georg-August-Universität Göttingen
- 1986-1990 Aossziierte Professur für Geschichte/Wissenschaftsgeschichte, Brandeis University, Dibner Chair for the History of Science, Waltham/Boston, USA
- 1983-1986 Assistenzprofessur für Geschichte/Wissenschaftsgeschichte, Princeton University, Princeton, USA
- 1980-1983 Assistenzprofessur für Wissenschaftsgeschichte, Harvard University, Cambridge, USA
- 1979 Ph.D., Harvard University, Cambridge, USA
- 1974 Diplom in History and Philosophy of Science, University of Cambridge, Cambridge, UK
- 1973 B.A. in History and Science, Harvard University, Cambridge, USA
Funktionen
- seit 2013 Mitglied, Conseil Scientifique, Collège de France, Paris, Frankreich
- seit 2012 Mitglied, Auswahlkomitee für den Anneliese Maier-Preis, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- seit 2012 Vorsitzende, Harnack-Ausschuss, Max-Planck-Gesellschaft (MPG), München
- seit 2010 Mitglied, Kommission „Empirische Ästhetik“, MPG, München
- 2011-2012 Mitglied, Kommission „Wirtschaftswissenschaft“, MPG, München
- 2011 Vorsitzende, Visiting Committee, Department of the History of Science, Harvard University, Cambridge, USA
- 2009-2011 Mitglied, Auswahlkomitee für die Alexander von Humboldt-Professur, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- seit 2009 Mitglied, Beirat, Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Bielefeld
- seit 2008 Permanent Fellow, Wissenschaftskolleg zu Berlin
- 2008-2010 Mitglied, Stiftungsrat, Georg-August-Universität Göttingen
- 2005-2010 Mitglied, Strategie-Kommission, Wissenschaftsrat (WR)
- 2004-2008 Mitglied, Beirat, Junge Akademie, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften sowie Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- 2002-2007 Mitglied, Auswahlkomitee für das Bundeskanzler-Stipendium, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- seit 2001 Mitglied, Kuratorium, Einstein Forum, Potsdam
- 2001-2008 Mitglied, Beirat, Wissenschaftskolleg zu Berlin
- 2000-2004 Mitglied, Beirat, Projekt „Digitalisierung Wissenschaftsgeschichte des 18./19. Jahrhunderts“, Georg-August-Universität Göttingen
- 1999-2002 Mitglied, Kommission „Evolutionäre Anthropologie“, MPG, München
- 1999-2000 Mitglied, German-American Academic Council, Bonn
- 1999-2000 Mitglied, Zentrenkomitee, Minerva Stiftung, München
- 1999-2000 Mitglied, Experten-Kommission, Bundesministerium für Bildung und Forschung
- 1998-2000 Vorsitzende, Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien, Österreich
- 1998-2001 Mitglied, Beirat, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel
- 1996-2000 Mitglied, Beirat, Forschungszentrum für Europäische Aufklärung, Potsdam
- 1993-2000 Mitglied, Beirat Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften, Wien, Österreich
- 1992-2000 Mitglied, International Advisory Board, Einstein Forum, Potsdam
Projekte
- 2003-2006 Leiterin, Teilprojekt „Protomodernes Sehen zwischen ästhetischer Weltwahrnehmung und wissenschaftlichem Objektivitätsanspruch“, Sonderforschungsbereich (SFB) 626, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
Auszeichungen und Mitgliedschaften
- 2024 Balzan Preis für Wissenschaftsgeschichte (Neuzeit und Gegenwart), Internationale Stiftung „Preis“, Mailand, Italien
- 2020 Gerda Henkel Preis 2020, Gerda Henkel Stiftung, Düsseldorf
- 2020 Heineken Prize, Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences, Niederlande
- seit 2019 Vollmitglied (Effective Member), International Academy of the History of Science
- seit 2018 Korrespondierendes Mitglied, Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich
- 2018 Dan David Preis, Dan David Stiftung, Vaduz, Liechtenstein
- 2014 Bielefelder Wissenschaftspreis, Stiftung der Sparkasse Bielefeld
- 2014 Lichtenberg-Medaille, Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
- 2013 Honorary doctorate of humane letters, Princeton University, Princeton, USA
- 2012 Schelling-Preis, Bayerische Akademie der Wissenschaften, München
- 2012 Sarton Medal, History of Science Society, Philadelphia, USA
- seit 2010 Korrespondierendes Mitglied, British Academy, UK
- 2010 Fellow, Institut des études avancées, Paris, Frankreich
- 2010 Großes Bundesverdienstkreuz mit Stern, Bundesrepublik Deutschland
- 2010 Orden pour le Mérite für Wissenschaften und Künste, Bundesrepublik Deutschland
- 2010 Fellow, Siemens-Stiftung, München
- 2010 Pfizer Award, History of Science Society, Philadelphia, USA
- seit 2006 Mitglied, Académie Internationale d’Histoire des Sciences, Paris, Frankreich
- seit 2002 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- seit 1998 Mitglied, Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
- 1994-1995 Guggenheim Fellowship, John Simon Guggenheim Memorial Foundation, New York, USA
- seit 1993 Mitglied, American Academy of Arts and Sciences, USA
- 1991-1992 Research Fellow, Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Universität Bielefeld
- 1990 Scholar's Grant, National Science Foundation, USA
- 1989-1990 Fellow, Center for Advanced Study in the Behavioral Sciences, Stanford University, Stanford, USA
- 1989-1988 Fellow, Wissenschaftskolleg zu Berlin
- 1986-1987 Stipendium, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- 1985-1986 Fellowship, Howard Foundation, Cambridge, UK
- 1984 Stipendium, Deutscher Akademischer Austauschdienst (DAAD)
- 1984 Travel to Collections Grant, National Endowment for the Humanities, Washington D.C., USA
- 1982-1983 Research Fellow, Zentrum für interdisziplinäre Forschung, Universität Bielefeld
- 1981 Clark Fund Research Grant, Harvard University, Cambridge, USA
- 1979-1980 Fellow, Society of Fellows in the Humanities, Columbia University, New York City, USA
- 1977- 1978 Arthur Lehman Graduate Fellowship, Harvard University, Cambridge, USA
- 1973-1976 Graduate Fellowship, National Science Foundation, Alexandria, US