Die Jury ehrt Lorraine Daston für die Originalität und Vielfalt ihres Werkes. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit liegen auf der europäischen Geistes‐ und Wissenschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Sie widmet sich der Geschichte der Beweisführung, der moralischen Autorität der Natur, der Gemeinsamkeiten der Sprachen von Kunst und Wissenschaft sowie der Geschichte der wissenschaftlichen Beobachtung. Im Detail beschäftigt sich Daston mit der Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung, „Wundern“ in der frühmodernen Wissenschaft sowie der Entstehung von wissenschaftlichen Tatsachen. Sie schuf mit ihren Forschungen die Grundlage, um zentrale wissenschaftliche Konzepte wie Objektivität, Vernunft und Rationalität in ihrer historischen Entwicklung von der Frühen Neuzeit bis zur Ära des Kalten Krieges sichtbar und nachvollziehbar zu machen. Ihre Forschung hat gezeigt, dass sich die Art und Weise, wie die Welt verstanden und wissenschaftlich untersucht wird, immer wieder verändert hat. Darüber hinaus hebt die Jury ihren Beitrag zur Ausbildung von Generationen von Forscherinnen und Forschern hervor sowie die Unterstützung, die sie im Rahmen ihrer Funktion als Leiterin angesehener Institutionen innovativen Forschungsprojekten zukommen ließ.
Lorraine J. Daston absolvierte ihr Studium an der Harvard University/USA und promovierte dort im Fach Wissenschaftsgeschichte, nachdem sie zuvor an der University of Cambridge/UK studiert hatte. Nach Lehrtätigkeiten an den Universitäten Harvard/USA, Princeton/USA, Brandeis/USA, Göttingen und Chicago/USA wirkte sie von 1995 bis 2019 als Direktorin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. Seit 2005 gehört sie dem Committee on Social Thought der University of Chicago als Mitglied an. Lorraine Daston ist zudem Permanent Fellow des Wissenschaftskollegs zu Berlin. Für ihre Forschungsleistungen wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2020 mit dem Heineken Prize der Royal Netherlands Academy of Arts and Sciences und 2019 mit dem Dan-David-Preis. 2010 wurde ihr das Bundesverdienstkreuz mit Großem Stern der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Neben der Leopoldina, die sie 2002 in der Sektion Wissenschafts- und Medizingeschichte aufnahm, gehört sie seit 2010 dem Orden pour le Mérite für Wissenschaften und Künste an und ist unter anderem auch Fellow der American Academy of Arts and Sciences sowie Corresponding Fellow der British Academy.
Die Balzan Preise werden jährlich von der Internationalen Balzan Stiftung vergeben. Sie würdigen besonders innovative Forschung auf den Gebieten der Geistes- und Sozialwissenschaften, der Kunst, der Naturwissenschaften sowie Mathematik und Medizin. Der Balzan Preis wird in vier Kategorien verliehen. Unter den diesjährigen Preistragenden befindet sich auch Leopoldina-Mitglied Omar M. Yaghi, der für seine Forschung an nanoporösen Materialien für Umweltanwendungen ausgezeichnet wird. Der Preis ist pro Kategorie mit 750.000 Schweizer Franken dotiert. Die Hälfte des Preisgeldes soll in Forschungsprojekte fließen, an denen vorzugsweise junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beteiligt sind.