Interview „Alle Arbeiten in den Blick nehmen“

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„Zukunft der Arbeit“ heißt die interakademische Stellungnahme, die Anfang 2024 veröffentlicht wurde. Anliegen ist es, den Begriff der Arbeit weit zu fassen und unterschiedlichste Formen menschlicher Tätigkeit und deren Zusammenspiel in den Blick zu nehmen. Dazu ein Gespräch mit Jutta Allmendinger ML, Sprecherin der gleichnamigen Arbeitsgruppe.

In der Stellungnahme heißt es: Wir müssen weg von einer Arbeitsgesellschaft hin zu einer Tätigkeitsgesellschaft, die auch Sorgearbeit, politische und gesellschaftliche Arbeit umfasst. Ist das Leben dann nur noch Arbeit?  
Jutta Allmendinger: Wir empfehlen, alle für die Gesellschaft notwendigen Arbeiten in den Blick zu nehmen – und sich nicht ausschließlich auf Erwerbsarbeit zu fixieren. Unsere Herangehensweise ist nicht neu: Wir zeigen, dass sich der Arbeitsbegriff über die Jahrzehnte hinweg verengt hat und sich auf bezahlte Erwerbstätigkeit und damit meist auf Männer als Ernährer konzentriert. Damit werden viele Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen geleistet werden, wie Kindererziehung, Pflege von Eltern, zivilgesellschaftliches Engagement, verdeckt oder gar ignoriert. Dabei ist die bezahlte Erwerbstätigkeit ohne die vielen anderen Tätigkeiten nicht denkbar.
Gleiches gilt umgekehrt: Die unbezahlten Tätigkeiten bedürfen der bezahlten Erwerbstätigkeit. Dahinter steht auch ein verteilungspolitisches Argument: Mit der zunehmenden Erwerbstätigkeit der Frau muss umgekehrt auch die unbezahlte Arbeit von Männern zunehmen.

„Ungleichheit verhindern und Wohlstand sichern“, das Ziel zieht sich durch die   Stellungnahme. Im Kapitel „Digitaler Wandel“ geht es auch um Homeoffice als Möglichkeit für flexibles, selbstbestimmtes Arbeiten. Jetzt können ja nicht alle Berufe ins Homeoffice … 
Allmendinger: In der Tat hat sich durch das Homeoffice eine neue Achse sozialer Ungleichheit aufgetan. Diese gilt es zu beachten und den Unmut jener zu verstehen, die diese Freiheitsgrade nicht haben. Beispielsweise die Stadtreinigung. Mülltonnen können nicht im Homeoffice geleert werden. Zugleich dürfen wir die Frage nicht in schwarz-weiße Farben tauchen. Nicht alle haben einen ruhigen Arbeitsort zu Hause. Und gerade Mütter müssen ihre Erwerbsarbeit oft unterbrechen, wenn die Kinder nach Hause kommen.
Aus diesen und vielen anderen Gründen gehen wir daher auch zentral auf die gebaute Umwelt ein und auf „dritte Orte“. Menschen brauchen das Miteinander, die Erwerbsarbeit als Ort der Begegnung.

Nochmal zu den Müllwerkern. Was haben die von Ihrer Zukunftsvision?   
Allmendinger: Viel. Ihre Arbeiten sind körperlich extrem belastend. Das sehen wir im Übrigen auch in sehr vielen anderen Berufen, denken Sie an die Pflege. Arbeitsbedingungen, Schichtarbeit, psychischer Stress belasten viele Menschen und ermöglichen es ihnen nicht, die Tätigkeiten bis zur Altersgrenze auszuüben. Wir schlagen hier ein präventives Vorgehen vor, mehr Gesundheitsschutz, mehr Wechsel in den Tätigkeiten in der Mitte des Erwerbslebens, unterstützt von Zeiten der Umschulung oder Weiterbildung.  

Im Kapitel „Demografie“ schlagen Sie vor, dass Arbeit im Lebenslauf flexibler verteilt wird. Warum?
Allmendinger: Wir leben heute viel länger als früher. Die Arbeitsbelastungen unterscheiden sich nach Tätigkeitsprofilen, die Gesundheit der Menschen unterscheidet sich auch. Ein einheitliches Rentenzugangsalter von 67 erscheint uns daher als unangemessen und behindert zudem Zeiten für Weiterbildung in der Mitte des Lebens, Zeiten für die Pflege von Eltern, Zeiten zum Schutz der eigenen Gesundheit, ehrenamtliches Engagement. Ein Beispiel: Ich habe keine Studierenden, die 40 oder älter sind, was in anderen Ländern gang und gäbe ist. Bei uns sagt man: Die Bildung amortisiert sich ja nicht mehr, weil man mit 67 aufhört.
Wir sehen auch, dass die junge Generation genau solche „atmenden“ Lebensverläufe wünscht. Man will nicht 45 Jahre auf Erwerbsarbeit fixiert werden und dann 20 Jahre im Ruhestand erleben müssen, dass man Freunde verloren hat und die Kinder unbemerkt erwachsen wurden. Dieses Bewusstsein der Jungen für ein „ganzes Leben“ bringt uns gesellschaftlich weiter, hat aber nichts mit einer Null-Bock-Generation zu tun. Im Gegenteil: Diese Menschen sind wahrscheinlich über den Lebensverlauf gesehen viel produktiver.

Voraussetzung für diesen Wandel ist Bildung, so die Stellungnahme, und dass Bildung nicht die notwendige Aufmerksamkeit der Politik erfährt. Wie realistisch ist es, dass Bildung so gestaltet wird, dass die Transformation der Arbeit klappt? 
Allmendinger: Wir brauchen für den Innovationsstandort Deutschland gut gebildete Menschen. Wir müssen daher alles daransetzen, die Bildungsarmut zu beseitigen, die Bildung von Migrantinnen und Migranten nutzen, schnell in deren Spracherwerb investieren und insgesamt viel mehr für die Weiterbildung tun. Menschen in Deutschland sind ja nicht dümmer als anderswo. Sie werden nur zu oft alleine gelassen.

In der Wirtschaft zählen Umsatz, Gewinn. Macht der Wandel zu einer Tätigkeitsgesellschaft denn auch die Wirtschaft zukunftsfähig?
Allmendinger: Natürlich. Wir legen ja kein Wohlfühlprogramm vor. Unser Modell zielt auf Nachhaltigkeit in den Erwerbsarbeits- und Lebensverläufen und reduziert damit auf mittlere und längere Sicht den Fachkräftemangel. Es reduziert die Frühverrentung, erhöht die Produktivität von Frauen und von Menschen aus anderen Ländern, bereitet auf neue Anforderungen in den Tätigkeitsstrukturen vor und unterstützt damit auch den zwingend erforderlichen sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft. 
 

 

Das Gespräch führte Christine Werner

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