Anfang letzten Jahres setzten wir uns in einer gemeinsamen Runde mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) zusammen und sprachen darüber, wie man noch direkter mit Menschen ins Gespräch darüber kommen könne, dass Wissenschaft Vertrauen verdient, aber auch Sorgen und Ängste der Bevölkerung und die immer weiter verbreitete Wissenschaftsskepsis ernst nimmt. Bald hatten wir uns verständigt, mit Kolleginnen und Kollegen einfach auf Marktplätze zu gehen und zum Gespräch auf Augenhöhe einzuladen.
Was geschieht, wenn es regnet?
Selbstverständlich gab es Herausforderungen: Was passiert, wenn wir auf Unverständnis, Ablehnung oder gar auf Protest stoßen? Und was geschieht eigentlich, wenn es regnet? Vieles haben wir erst vor Ort gelernt, beispielsweise, dass man sehr viele Menschen in Gespräche über Wissenschaft verwickeln kann, wenn man ihnen gratis Kaffee und Kuchen anbietet. Von Anfang an war klar, dass man Gespräche mit Menschen, die Sorgen oder Angst vor der Zukunft haben, oder die der Wissenschaft aufgrund von Fake News und Propaganda misstrauen, nur auf Augenhöhe führen kann. Belehrung von oben herab hilft nicht. Deswegen haben wir die Gespräche sorgfältig mit den Geschäftsstellen vorbereitet und vor dem Samstagvormittag auf den Marktplätzen noch einen gemeinsamen Freitagabend verbracht.
Im Laufe des Samstags wurden auch die eher Vorsichtigen unter uns nach den ersten erfolgreichen Gesprächen immer munterer und eiferten denen nach, die einfach Passantinnen und Passanten zu Gesprächen über Wissenschaft bei Kaffee und Kuchen einluden. Viele hatten aussagekräftige Objekte aus ihrer wissenschaftlichen Praxis dabei, aber auch ein Krankenhausmodell diente als Einstieg für viele Gespräche über neuere Entwicklungen in Medizin und Gesundheitsvorsorge.
Auf neugierige Menschen treffen
Obwohl Sicherheitspersonal im Hintergrund war und es Verabredungen zum Abbruch schwieriger Unterhaltungen gab, fanden auch Gespräche mit Klimaleugnern und Impfskeptikern, die es in Ost wie West gab, in ruhiger Atmosphäre statt. Die Sorge, wir könnten auf den Marktplätzen in harte Auseinandersetzungen geraten oder sogar bedroht werden, hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet.
Der Normalfall waren neugierige Menschen, die Fragen zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zu den Folgen der Migration, zur Energiewende, zur Entstehung und Bekämpfung bestimmter Krankheiten stellten, zum Umgang mit den Folgen von 40 Jahren DDR oder Firmenzusammenbrüchen im Westen und vielem anderen mehr.
Uns beschäftigt aber weiter, dass viele Menschen in den Gesprächen auf den Marktplätzen sich nicht nur Sorgen um ihre eigene Zukunft machen, sondern regelrecht durch Angst vor weiteren Krisen geprägt sind und der Politik eine Lösung dieser multiplen Krisen nicht mehr zutrauen. Wissenschaft kann solche Zukunftssorgen und Ängste ein Stück weit lindern und beruhigen, allerdings nur in längeren, geduldigen Gesprächen auf besagter Augenhöhe.
Den Blick und den Horizont weiten
Insofern ist der Einsatz gegen Wissenschaftsskepsis und mangelndes Vertrauen personal- und kostenintensiv und verlangt Geduld. Wir werden deswegen dieses Format fortführen. Außerdem lernen alle, die von Seiten der Wissenschaft teilnehmen, sehr viel – sie gehen aus gewohnten Strukturen und etablierten Kommunikationsformen in das Experiment eines Gesprächs, das in vielfacher Hinsicht offen ist. Aber so weitet man den eigenen Blick und letztlich eben auch den (wissenschaftlichen) Horizont.
Von Lea Rosa Holtmann und Christoph Markschies
Christoph Markschies ist Präsident der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften und Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), evangelischer Theologe und Professor für Antikes Christentum an der Humboldt-Universität zu Berlin. Lea Rosa Holtmann arbeitet als Referentin für Gesellschafts- und Politikberatung für die Akademienunion. „Wissenschaft – und ich?! Bürgerinnen und Bürger im Austausch über Wissenschaft“ ist eine Veranstaltungsreihe, die von der DFG, der BBAW, der HRK und der Akademienunion ins Leben gerufen wurde und die nun mit der Inititative „Wissenschaft im Dialog“ verstetigt wird.