Geheime Wissenschaft: Giftgasforschung und Menschenversuche im 20. Jahrhundert am Beispiel von Großbritannien
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- Wissenschaftsgeschichte
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- Ort Lesesaal der Leopoldina Emil-Abderhalden-Str. 36 06108 Halle (Saale)
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Seit Anfang der 1990er Jahre mehrten sich in den Medien Berichte und Vorwürfe, wonach Soldaten im Laufe des 20. Jahrhunderts unter Angabe falscher Tatsachen zur Teilnahme an Experimenten mit giftigen Substanzen in streng geheimen Forschungslabors der Alliierten bewegt worden seien. In Großbritannien nahmen zwischen 1939 und 1989 mehr als 21.000 Soldaten an solchen geheimen Versuchsreihen teil. Während einige ihren Aufenthalt rückblickend als harmlos beschrieben, war die Erfahrung für viele alles andere als unproblematisch – mitunter gesundheitsschädlich und in einzelnen Fällen sogar tödlich.
Ausgehend von der anhaltenden öffentlichen Relevanz des Themas beleuchtet der Vortrag die Geschichte der Forschung an chemischen und biologischen Waffen durch die ehemaligen alliierten Mächte, insbesondere Großbritannien, die Vereinigten Staaten und Kanada. Er zeichnet die ethische Entwicklung und die Wissenschaftskultur im militärischen Kontext nach – von den Anfängen als Reaktion auf den ersten großflächigen Einsatz chemischer Waffen durch Deutschland im Ersten Weltkrieg bis zu den fortdauernden Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, diese Waffen dauerhaft zu ächten.
Der Vortrag geht der Frage nach, ob die Versuche der Alliierten – insbesondere der Briten – unter den damaligen Bedingungen und Wertvorstellungen als ethisch vertretbar, sicher und gerechtfertigt gelten konnten. Zugleich trägt er dazu bei, die komplexen Dynamiken innerhalb der streng geheimen Forschungseinrichtungen der Alliierten zu beleuchten: den Willen und die Fähigkeit chemischer und biologischer Experten – überwiegend Militärangehörige, Wissenschaftler und erfahrene Beamte – fortwährend neue Bedrohungsszenarien für die nationale Sicherheit zu entwerfen und zu identifizieren. Diese fungierten als flexible Rechtfertigungsstrategien für die Bereitstellung enormer Ressourcen zur Durchführung experimenteller Forschung mit einigen der tödlichsten Wirkstoffe, die der Menschheit bekannt sind.
Ulf Schmidt ist Nucleus Professor für Neuere und Neuste Geschichte an der Universität Hamburg, Direktor des Centre for the Study of Health, Ethics, and Society und Fellow der Royal Historical Society in Großbritannien. Seine Forschungsinteressen liegen in der Geschichte der modernen medizinischen Ethik, Kriegsführung und Politik in Europa und den Vereinigten Staaten des 20. Jahrhunderts. Sein besonderes Interesse gilt der Geschichte autoritärer Regime und moderner Diktaturen, einschließlich der Geschichte des Nationalsozialismus und der ehemaligen Deutschen Republik. Er ist unter anderem der Autor von Justice at Nuremberg: Leo Alexander and the Nazi Doctors' Trial (Palgrave Macmillan, 2004); Karl Brandt: The Nazi Doctor. Medicine and Power in the Third Reich (Continuum, 2007); Secret Science. A Century of Poison Warfare and Human Experiments (OUP, 2015); Mitherausgeber von Propaganda and Conflict: War, Media and the Shaping of the Twentieth Century (Bloomsbury, 2019) und Ethical Research: The Declaration of Helsinki, and the Past, Present, and Future of Human Experimentation (OUP, 2020). Er ist Principal Investigator eines sechsjährigen ERC Synergy Grant zum Thema „Taming the European Leviathan: The Legacy of Post-War Medicine and the Common Good”. Zusammen mit Bretislav Friedrich (Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft) und Paul Walker (Green Cross International) hat er soeben den Open-Access Band Thirty Years of the Chemical Weapons Convention (CWC). Histories, Achievements, Challenges herausgegeben.
Es laden Sie herzlich ein:
Christina Brandt ML*, Bettina Hitzer und Friedrich Steinle ML*
Bitte beachten Sie, dass das Seminar außerplanmäßig an einem Donnerstagabend stattfinden wird.
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