Nachricht Unethische medizinische Forschung im Nationalsozialismus: Opferdatenbank veröffentlicht

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  • Wissenschaftsgeschichte
In der Zeit des Nationalsozialismus wurden zehntausende Menschen Opfer erzwungener medizinischer Forschung. Ein wichtiger Ansatz zur Aufarbeitung der Verbrechen besteht darin, die individuellen Schicksale der Betroffenen sichtbar zu machen und ihnen damit Namen und Geschichte zurückzugeben. Dies bekräftigten Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, und Bettina Rockenbach, Präsidentin der Leopoldina, heute bei einem Pressegespräch zur Vorstellung einer Online-Datenbank, die erstmals systematischen Zugang zu Namen und Lebensdaten von Opfern unethischer medizinischer Forschung im Nationalsozialismus bietet. Sie dient damit dem Gedenken, der Forschung und der historischen Reflexion. Aufgebaut wurde die Datenbank im Rahmen eines von der Max-Planck-Gesellschaft geförderten Verbundprojekts.

„Die Geschichte zeigt uns, wozu Menschen fähig sein können, wenn ein autokratischer Staat ein geltendes humanitäres Wertesystem zugunsten von Rasseideologie und Fanatismus negiert. Auch die Wissenschaft muss sich daran erinnern und auf die ethischen Leitlinien besinnen; heutige hochspezialisierte Wissenschaft darf den Menschen nicht aus dem Blick verlieren. Das gilt insbesondere für die MPG mit ihrer langen Geschichte in der KWG“, sagt Patrick Cramer, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

 „Wir können mit unserem historischen Erbe nur dann verantwortungsvoll umgehen, wenn es geschichtswissenschaftlich erforscht worden ist und weiter erforscht wird. Das oben genannte Projekt trägt daher zu einer Erinnerungskultur bei, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Dies verdanken wir vor allem den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die die Geschichte der Gewebeproben, ihrer Gewinnung, Konservierung und wissenschaftlichen Nutzung umfassend erforscht haben“, sagt Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.

Die Datenbank umfasst rund 16.000 Profile von Menschen, die im Nationalsozialismus Opfer erzwungener medizinischer Forschung wurden. Sie enthält zudem mehr als 13.000 Profile von Menschen, deren Schicksale noch nicht abschließend beforscht sind. Die Datenbank ordnet den Personen und Ereignissen Primär- und Sekundärquellen zu und bildet somit die Grundlage für weiterführende Studien und Analysen. Privatpersonen können mithilfe der Datenbank gezielt nach Angehörigen suchen. Die Datenbank hat ein mehrstufiges Zugangskonzept: Namen und Lebensdaten der Opfer sind öffentlich einsehbar, womit die Datenbank ihrer wichtigen Funktion als Gedenkplattform nachkommt. Auf dieser Ebene werden auch Informationen zu einzelnen Experimenten und den beteiligten Institutionen bereitgestellt. Um die Daten für die Allgemeinheit greifbarer zu machen, veranschaulichen ausgewählte Biografien das Schicksal einzelner Betroffener. Eine interaktive Karte gibt Aufschluss über das Ausmaß und die geografische Verteilung der Verbrechen. Weitere sensible Daten zur Kranken- und Verfolgungsgeschichte der Opfer sind für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. Wer für Forschungs- oder Recherchezwecke umfassende Einsicht in alle hinterlegten Daten erhalten möchte, kann über ein Kontaktformular auf der Website einen Zugang beantragen. Angehörige können auf Antrag den gesamten Datensatz ihres Familienmitglieds erhalten.

Die Datenbank stützt sich auf die umfangreiche Forschungsleistung von Paul Weindling und seinem Team an der Oxford Brookes University in Oxford/UK. Er forscht zur Wissenschafts- und Medizingeschichte im Nationalsozialismus. Sein besonderes Augenmerk gilt den Opfern biomedizinischer Zwangsforschung. Dazu zählen unter anderem Personen, die Opfer medizinischer Experimente in Konzentrationslagern wurden, sowie Opfer der unter dem Begriff „Euthanasie“ bekannten Krankenmorde. Paul Weindlings Anliegen ist die Rekonstruktion und Sichtbarmachung der individuellen Schicksale der betroffenen Menschen. 

Die Datenbank beruht zudem auf den Ergebnissen des von der Max-Planck-Gesellschaft geförderten Forschungsprojekts „Hirnforschung an Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Kontext nationalsozialistischer Unrechtstaten“. Während der NS-Zeit sammelten Forschende von Instituten der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft – der Vorgängerin der heutigen Max-Planck-Gesellschaft – Hirngewebeproben von Opfern der „Euthanasie“-Morde sowie von anderen verfolgten Personen, darunter Kriegsgefangene, Zivilisten aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten und Opfer der NS-Justiz. Viele dieser Proben wurden noch lange nach 1945 für wissenschaftliche Zwecke verwendet. Das Forschungsprojekt arbeitet die historischen Zusammenhänge der Gewinnung, Konservierung und Erforschung der Hirnschnitte auf. Es wurde von Paul Weindling, Herwig Czech (Medizinische Universität Wien/Österreich) und Philipp Rauh (als Nachfolger des verstorbenen Gerrit Hohendorf, beide Technische Universität München) geleitet und fand in Zusammenarbeit mit Volker Roelcke (Universität Gießen) statt.

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