In der Datenbank finden sich auch Opfer der Hirnforschung von zwei Kaiser-Wilhelm-Instituten (KWI), heute die Max-Planck-Institute für Hirnforschung und für Psychiatrie. Welche Rolle hatte die Hirnforschung in der Zwangsforschung?
Paul Weindling: Die Hirnforschung war fester Bestandteil der Zwangsforschung im Nationalsozialismus, viele Opfer wurden bisher aber übersehen. Man hat die Opfer der Euthanasie gesehen, aber nicht die Militäropfer oder die der deutschen Besatzung, denn diese wurden erst nach ihrem Tod zu Forschungsopfern.
Sie haben Opfer dieser Gruppen identifiziert. Von wem stammten die Hirngewebeproben?
Weindling: Es waren Kriegsgefangene, vor allem aus Frankreich, Belgien, Großbritannien, Polen und der Sowjetunion. Und es wurden Gehirne unter deutscher Besatzung entnommen. Es gab zum Beispiel 1940/1941 eine Intensivierung der Fleckfieberforschung in den besetzten polnischen Gebieten. Und Julius Hallervorden am KWI für Hirnforschung in Berlin hatte großes Interesse an den Effekten von Fleckfieber auf das Gehirn und dafür Gehirne gebraucht. Die Opfer waren überwiegend polnische Juden.
Wie war der Zugang zu den Gehirnen im Nationalsozialismus möglich?
Weindling: Es gab ein Netzwerk williger Unterstützer. Militärpathologen, die nach der Autopsie eines Körpers Gehirne ausgewählt und an die medizinische Militärakademie in Berlin geschickt haben. Diese hat die Gehirne weitergeleitet an das KWI für Hirnforschung. Auch das KWI für Psychiatrie in München entwickelte Kontakte zu Neuropathologen, zum Beispiel nach Hildburghausen in Thüringen. Für beide Institute war das sehr gut organisiert.
Bis 2017 ging man davon aus, dass die Opfer der Hirnforschung Opfer der NS-„Euthanasie“ waren. Jetzt haben wir einen differenzierteren, erweiterten Blick. In meinem Bereich des Projekts zur Hirnprovenienz verknüpften wir Todesdaten von Opfern mit etwa 50.000 Autopsieberichten im Bundesmilitärarchiv, wir konnten Personen identifizieren und Todesumstände klären.
Menschen wurden also zum Teil mehrfach Opfer?
Weindling: Ja, es gab zum Beispiel in Kaufbeuren Tbc-Impfstoffforschung. Die Gruppe an der Technischen Universität München hat Gehirnpräparate von drei Forschungsopfern entdeckt. Es waren Kinder aus Südtirol, die für die Impfstoffforschung missbraucht wurden; und nach ihrem Tod gingen ihre Gehirne in die Prosektur in Eglfing-Haar. Auch diese Verbindung zwischen einem Ort der Experimente und einem, an dem Leichenteile für die weitere Forschung bearbeitet wurden, wird in der Datenbank ersichtlich.
Es ergibt sich ein umfassendes Bild der NS-Zwangsforschung?
Weindling: Bisher war die Zahl der Forschungsopfer häufig spekulativ und ihre Identität nicht geklärt. Wir haben versucht, alle Opfer zu erfassen, ihre Biografien zu rekonstruieren – und jetzt sind mehrere zehntausend Personen verschiedener Opfergruppen in der Datenbank zu finden. Aber auch Daten von Verantwortlichen und Institutionen der Zwangsforschung sind erfasst. Es gibt damit zum ersten Mal eine empirische Grundlage und eine systematische Darstellung der NS-Zwangsforschung und des verursachten Leids.
Für dieses Projekt haben Sie über Jahre mit der Leopoldina zusammengearbeitet ...
Weindling: Ich bin der Leopoldina sehr dankbar. Hier wurde die Notwendigkeit meiner Forschung erkannt, es war eine wunderbare Zusammenarbeit und die Datenbank wurde hervorragend und benutzerfreundlich umgesetzt. Ich bin froh, dass die Daten langfristig erhalten werden und den Familien von Opfern als auch der weiteren Forschung zur Verfügung stehen.
Das Gespräch führte Christine Werner.