Prof. Dr. Frauke Gräter
- Fachbereich Physik
- Ort Mainz, Deutschland
- Wahljahr 2026
Forschung
Forschungsschwerpunkte: Biomaterial, mechanische Sensoren, rechnergestützte Biochemie and Biophysik, molekulardynamische Simulationen
Frauke Gräter ist eine deutsche Chemikerin, die an der Schnittstelle von Molekularbiologie, Physik und mathematischer Modellierung arbeitet. Sie untersucht, wie biologische Systeme mechanische und chemische Reize erfassen und in funktionale Antworten umsetzen – Fragen, die für Medizin, Materialwissenschaft und Technik gleichermaßen interessant sind. Sie verbindet physikalische Simulationen, Künstliche Intelligenz und experimentelle Ansätze, um nachzuvollziehen, wie Biomoleküle Signale aus ihrem Umfeld aufnehmen, verarbeiten und über komplexe Signalwege weitergeben.
Im Zentrum von Frauke Gräters Arbeiten steht die Rolle von Biomolekülen als Sensoren. Proteine und andere Makromoleküle reagieren auf äußere Einflüsse, indem sie ihre Struktur gezielt verändern. So gewinnen Kollagenfasern unter Zug an Stabilität, während die Blutgerinnung durch das Zusammenspiel von Gerinnungsfaktoren präzise gesteuert abläuft. Frauke Gräter konnte zeigen, dass diesen Anpassungen mechanochemische Kopplungen zugrunde liegen: Physikalische Kräfte lösen direkt chemische Reaktionen aus. Diese Prozesse reichen von einzelnen kovalenten Bindungen bis zu komplexen Geweben.
Ein Schwerpunkt von Frauke Gräters Forschung liegt auf sogenannten Mechanoradikalen. Gemeinsam mit ihrem Team konnte sie nachweisen, dass gedehnte Proteinmaterialien durch das gezielte Aufbrechen kovalenter Bindungen Radikale bilden. Solche hochreaktiven Spezies waren lange vor allem aus synthetischen Polymeren bekannt. Ihr Auftreten in biologischen Strukturen eröffnet neue Perspektiven auf die Chemie lebender Materie. Am Beispiel von Kollagen entdeckte Frauke Gräter zudem, dass bestimmte Bindungen als „Opferbindungen“ wirken: Sie brechen bevorzugt unter mechanischer Belastung und bestimmen sowohl die Materialeigenschaften als auch die Radikalbildung. Mechanischem Stress, oxidativen Prozessen und Gewebealterung liegen also die gleichen Prozesse zugrunde.
Methodisch verfolgt Frauke Gräter einen interdisziplinären Ansatz. Sie verknüpft experimentelle Daten mit molekulardynamischen Simulationen und entwickelt rechnergestützte Werkzeuge, um chemische Reaktionen in großen Biomolekülen zugänglich zu machen. Mit dem Reaktionsemulator „KIMMDY“ hat Frauke Gräter eine Plattform etabliert, die Bindungsbrüche und Reaktionspfade unter realistischen Bedingungen effizient nachbildet. Darauf aufbauend nutzt Frauke Gräter Deep-Learning-Verfahren, um Proteinsequenzen und -strukturen gezielt zu entwerfen. So entstehen Biomaterialien, deren mechanische und chemische Eigenschaften sich vorhersagen und steuern lassen.
Frauke Gräters Arbeiten tragen zu einem vertieften Verständnis molekularer Sensorik bei und eröffnen zahlreiche neue Anwendungen. Die Chemikerin hat neue Einsichten in das Zusammenspiel von Mechanik und Chemie in lebenden Systemen eröffnet und so das Verständnis von Materie unter Belastung deutlich erweitert. Diese Erkenntnisse schaffen die Grundlage für Biomaterialien, die mechanische Reize gezielt in biochemische Signale übersetzen, etwa in der regenerativen Medizin oder im Tissue Engineering.
Werdegang
- seit 2025 Honorarprofessorin, Interdisziplinäres Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen (IWR), Universität Heidelberg
- seit 2024 Direktorin, Max-Planck-Institut für Polymerforschung (MPIP), Mainz
- 2023-2024 Gastprofessorin, École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), Lausanne, Schweiz
- 2021-2022 Wissenschaftliche Direktorin, Heidelberg Institute for Theoretical Studies (HITS)
- 2014-2025 Professorin, IWR, Universität Heidelberg
- 2009-2024 Leiterin, Research Group „Molecular Biomechanics“, HITS
- 2007-2009 Leiterin, Research Group „Protein Mechanics and Evolution“, Max-Planck-Gesellschaft (MPG), München sowie Partner Institute for Computational Biology (PICB), Shanghai, China
- 2006-2007 Postdoktorandin, Departments of Biology and Chemistry, Columbia University, New York City, USA
- 2005-2006 Postdoktorandin, Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, Göttingen
- 2002-2005 Promotion in Chemie, Shanghai Institute of Materia Medica, Shanghai, China, sowie Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie, Göttingen
- 1999-2000 Kyoto University International Education Program (KUINEP), Kyoto University, Kyoto, Japan
- 1998-2002 Studium der Chemie (Diplom), Universität Heidelberg
Funktionen
- seit 2026 Mitglied, Scientific Advisory Board, Centre of Excellence in Biological Barrier Mechanics and Disease (BarrierForce), Lafayette, USA
- seit 2024 Mitglied, Senat, Leibniz-Gemeinschaft
- seit 2021 Mitglied, Editorial Board, Biophysical Journal
- seit 2020 Co-Sprecherin, Projekt „SIMPLAIX“, Klaus Tschira Stiftung gGmbH, Heidelberg
- 2019-2022 Co-Sprecherin, Sektion Biologische Physik, Deutsche Physikalische Gesellschaft
- 2019-2020 Fellow, Marsilius-Kolleg, Universität Heidelberg
- 2018-2024 Mitglied, Koordinierungskomitee, Exzellenzcluster (EXC) 2082 „3D Designer Materialien“, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- 2011-2019 Stellvertretende Sprecherin, Forschungsgruppe (FOR) 1543 „Shear flow regulation of hemostasis - Bridging the gap between nanomechanics and clinical presentation“, DFG
Projekte
- seit 2026 Mitglied, Sonderforschungsbereich (SFB) 1769 „Polymermechanochemie“, DFG
- 2021-2026 Principal Investigator, Consolidator Grant „RADICOL-Mechanoradicals in Collagen“, European Research Council (ERC)
- seit 2020 Beteiligte Wissenschaftlerin, Graduiertenkolleg (GRK) 2450 „Maßgeschneiderte Multiskalenmethoden für Computersimulationen von nanoskaligen Materialien“, DFG
- 2011-2017 Antragstellerin, Teilprojekt „The molecular basis of VWF mechano-sensoring: Structure and interactions of VWF domains as the basis for regulation and aggregation“, FOR 1543, DFG
Auszeichungen und Mitgliedschaften
- seit 2026 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- seit 2026 Max Planck Fellow, Max Planck School for Biomedical Artificial Intelligence (BMAI)
- seit 2019 Max Planck Fellow, Max Planck School Matter to Life
- 2017 PRACE Ada Lovelace Award for High Performance Computing, Partnership for Advanced Computing in Europe (PRACE), Brüssel, Belgien
- 2007 Feodor-Lynen-Stipendium, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- 2002-2005 Promotionsstipendium, Boehringer Ingelheim Stiftung, Mannheim
- 2002 Preis für die beste Diplomarbeit, Fachinformationszentrum Chemie (FIZ Chemie), Gesellschaft Deutscher Chemiker
- 1999-2002 Stipendium, Friedrich-Ebert-Stiftung (FES), Bonn