Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit

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Wissenschaftsfreiheit steht weltweit unter Druck. Gefährdet wird sie nicht nur durch offene staatliche Eingriffe, sondern auch durch institutionelle Abhängigkeiten, sonstige politische Einflussversuche, öffentliche Anfeindungen und strukturelle Zwänge im Wissenschaftssystem. Diese Faktoren können Forschung und Lehre unmittelbar oder mittelbar beeinflussen und damit die Bedingungen unabhängiger wissenschaftlicher Arbeit schwächen.

Eine demokratisch organisierte Gesellschaft ist in hohem Maße auf verlässliches Wissen, wissenschaftliche Evidenz und überprüfbare Tatsachen angewiesen, um öffentliche Diskurse zu führen und politische Entscheidungen zu treffen. Diese demokratietheoretische Grundlage macht die Wissenschaftsfreiheit gleichzeitig attraktiv für Angriffe von antidemokratischen Kräften. Der Academic Freedom Index weist für den Zeitraum 2015 bis 2025 in 50 Ländern einen Rückgang der Wissenschaftsfreiheit aus. Für die institutionelle Autonomie verzeichnet der Index in 43 Ländern signifikante Einbußen. In 21 dieser Fälle war die institutionelle Autonomie 2015 noch besonders gut geschützt – ein Hinweis darauf, dass Rückschritte inzwischen auch etablierte Demokratien betreffen. Dabei wird grundsätzlich auf verschiedene Arten versucht, Wissenschaft gezielt zu schwächen, etwa Einschränkungen der akademischen Umgebung, Themenwahl und Finanzierung oder eine Überfokussierung auf wirtschaftlichen Nutzen.

Druck, Kontrolle, Einflussnahme – Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit

Ungarn: Verändertes ungarisches Hochschulgesetz und Reform der Wissenschaftsakademie

2017 änderte die ungarische Regierung unter dem damaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán das Hochschulgesetz. Danach mussten ausländische Universitäten wie die damals in Budapest ansässige Central European University (CEU) – eine US-amerikanische Privatuniversität, die in Ungarn akkreditiert und lizenziert war – auch in ihrem Herkunftsland Lehrtätigkeit ausüben. Außerdem musste ihr Betrieb in Ungarn vertraglich mit dem Herkunftsland vereinbart sein. In der Folge verlegte die Central European University ihren Sitz von Budapest nach Wien.  

2019 versuchte die ungarische Regierung im Zuge einer Reform der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, die Institution umzustrukturieren und ihre Institute auszulagern. Grundlage dafür war die Vorgabe, dass nur Forschung von öffentlichem Interesse gefördert werden sollte, wobei die Regierung selbst festlegen wollte, was als öffentliches Interesse gilt. Zudem strich die ungarische Regierung per Erlass das Fach Gender Studies aus der Liste der in Ungarn zugelassenen Masterstudiengänge.  

USA: Einfluss auf Lehrinhalte durch politisierte Governance-Strukturen

Anfang 2026 wurde öffentlich bekannt, dass an der Texas A&M University Teile von Platons Symposion in einem Philosophiekurs mit Verweis auf Vorgaben zu „race and gender ideology“ problematisiert bzw. nicht mehr gelehrt werden sollten. Der Fall zeigt, wie politisierte Regulierungen oder Governance-Entscheidungen Lehrinhalte beeinflussen können. 

Deutschland: Prüfung förderrechtlicher Konsequenzen von Unterschrift eines offenen Briefs

Als Reaktion auf den Nahost-Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas fanden an deutschen Hochschulen Anfang 2024 Protestaktionen statt – vorwiegend gegen das Vorgehen Israels im Gazastreifen. Im Mai wurde ein von verschiedenen Berliner Hochschullehrerinnen und -lehrern unterzeichneter offener Brief veröffentlicht, in dem das Vorgehen der Universitätsleitung gegen diese Protestcamps kritisiert und mehr Zurückhaltung im Umgang mit den Protestierenden gefordert wurde. Kurz darauf wurde öffentlich, dass im Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), dem damals die FDP-Ministerin Bettina Stark-Watzinger vorsaß, daraufhin eine Prüfung potenzieller förderrechtlicher Konsequenzen für die Unterzeichner des besagten offenen Briefes angeregt wurde. Hierdurch entstand der Eindruck, das Ministerium wende sich gegen die Meinungsfreiheit. Als Reaktion darauf wurde die Staatssekretärin Sabine Döring, welche den Prüfauftrag veranlasst hat, in den Ruhestand versetzt.

Griechenland: Überwachung von Hochschulen durch die Polizei

In einem neuen Universitätsgesetz, das die griechische Regierung 2021 verabschiedet hat, ist die Einrichtung einer Sondereinheit der Polizei vorgesehen, die das Gelände von Universitäten überwacht. Die Regierung argumentierte hier mit vergangenen Gewaltdelikten auf dem Universitätscampus, die auf einen großen Einfluss linker und konservativer jugendpolitischer Parteien zurückgingen. Der oberste Gerichtshof des südeuropäischen Landes bestätigte das Gesetz ein Jahr später und stellte fest, dass die „Campus-Polizei“ nicht gegen die akademische Freiheit und die Selbstverwaltung der Institutionen verstieße.

Türkei: Installation eines neuen Universitätsrektors per Dekret

Anfang 2021 ernannte der türkische Staatspräsident Erdoğan den Politiker und Akademiker Melih Bulu per Dekret zum neuen Rektor der Boğaziçi-Universität. Bulu galt als AKP-Parteikader ohne vorherigen Bezug zu der Istanbuler Hochschule. Große Teile der Hochschulgemeinschaft lehnten ihn ab und es kam zu heftigen Protesten unter den Studierenden und vielen Festnahmen. Viele sahen darin einen gezielten politischen Eingriff in die personelle Selbstverwaltung einer wissenschaftlichen Einrichtung.

Brasilien: Razzien an Universitäten im Vorfeld der Präsidentschaftswahl 2018

Wenige Tage vor der Stichwahl im Rahmen der Präsidentschaftswahl 2018 in Brasilien führte die hiesige Polizei auf Grundlage koordinierter Gerichtsbeschlüsse Razzien an 30 brasilianischen Universitäten durch, beschlagnahmte Wahlplakate und Banner mit antifaschistischen Botschaften und untersagte politische Debatten und Demonstrationen auf dem Campus. Offiziell begründet wurden die Durchsuchungen und Verbote damit, dass Demonstrationen zur Verteidigung der Demokratie und gegen Faschismus illegale parteipolitische Propaganda seien. Der damalige Präsidentschaftskandidat und spätere Präsident Brasiliens Jair Bolsonaro verteidigte das Vorgehen. Das Oberste Gericht stoppte diese Eingriffe später und betonte die Autonomie der Hochschulen sowie die Freiheit von Forschung und Lehre. Der Fall zeigt: Die Wissenschaftsfreiheit in Brasilien ist institutionell weiterhin geschützt, bleibt aber politisch verwundbar. Vor allem in den Bolsonaro-Jahren wurden öffentliche Universitäten wiederholt als Orte angeblicher „ideologischer Indoktrination“ attackiert, Forschende diskreditiert und Budgets gekürzt.  

Afghanistan: Studienverbot für Frauen

In Afghanistan ist die Wissenschaftsfreiheit seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 faktisch massiv eingeschränkt. Hochschulen und Forschungseinrichtungen unterliegen seither einer strengen politischen und religiösen Kontrolle, freie Lehre und unabhängige Forschung sind nur noch sehr begrenzt möglich. Ein besonders deutliches Beispiel: Seit Dezember 2022 ist es Frauen offiziell verboten, Universitäten und Hochschulen zu besuchen. Die Diskriminierung beginnt schon im Kindesalter, denn die Taliban haben Frauen und Mädchen weitgehend aus dem Bildungssystem und vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Zwar kommuniziert die Taliban-Führung seit einigen Jahren Pläne, wonach Frauen der Zugang zu Bildung wieder ermöglicht werden soll, doch bis heute gilt das offizielle Verbot. Der Fall zeigt, dass Wissenschaft in Afghanistan derzeit kaum autonom existieren kann, sondern unmittelbar von ideologischer Herrschaft abhängig ist.

Solche Beispiele zeigen, dass politische Akteurinnen und Akteure immer wieder versuchen, über Druck und Kontrolle Einfluss auf Forschende und Institutionen auszuüben, etwa um Methoden und Forschungsergebnisse zu beeinflussen oder organisatorische Kontrolle über Wissenschaftseinrichtungen zu erlangen. Gleichzeitig existieren subtilere Versuche der Einflussnahme, etwa über Eingriffe in Personalentscheidungen an Forschungsinstitutionen oder Universitäten. Solche Angriffe sind in den letzten Jahren häufiger geworden und beschränken sich keineswegs auf die Interventionen autokratischer Regierungen in einzelnen Ländern. Auch kriegerische Konflikte und autoritäre Gewaltverhältnisse– etwa der russische Angriffskrieg auf die Ukraine – adressieren oftmals elementare Werte der Freiheit, Demokratie und Selbstbestimmung, auf denen Wissenschaftsfreiheit und wissenschaftliche Kooperationsmöglichkeiten basieren.  

Dabei betreffen Verletzungen der akademischen Freiheit einzelne wissenschaftliche Disziplinen in besonderem Maße. So ist die Klimaforschung im Zuge wachsender politischer Relevanz des Themas immer wieder unmittelbaren Anfeindungen ausgesetzt. Gleiches galt für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Infektionsbiologie, die während der Coronavirus-Pandemie verstärkt ins politische Interesse gerückt und teilweise auch unmittelbar in politische Prozesse eingebunden waren. Mittlerweile werden insbesondere kultur-, geistes- und sozialwissenschaftliche Forschungsgebiete von politischen Kräften verstärkt in den Fokus genommen und ideologisch umgedeutet.

Indirekte Einflussnahme über Abhängigkeiten und Anreizstrukturen

Die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit zeigt sich aber nicht ausschließlich in offenen staatlichen Eingriffen, sondern auch in indirekten Formen des Drucks. Forschung wird nicht verboten, kann über Mittelvergabe, Ausschreibungen und Wettbewerbslogiken aber faktisch gelenkt werden. So beeinflussen die verschiedenen Player, welche Themen beforscht, welche Perspektiven sichtbar und welche Positionen vermieden werden.   

Insbesondere die finanzielle Ausgestaltung der Wissenschaftsinstitutionen bietet hier ein Einfallstor. Ein erheblicher Teil der Hochschul- und Forschungsfinanzierung stammt aus öffentlichen Mitteln. Diese können entweder ganz oder nur für bestimmte „unbequeme Forschungsfelder“ gekürzt werden. Hierdurch fehlt einerseits Planungssicherheit und andererseits können Forschungsinstitutionen in eine Abhängigkeit von Drittmitteln getrieben werden, deren Vergabebedingungen wieder auf die Freiheit von Forschung einwirken können. „Wettbewerb macht Wissenschaft unfrei“ befand der ehemalige Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) Peter-André Alt 2021. Forschende könnten durch eine hohe Abhängigkeit von Drittmitteln immer weniger Zeit für eigene Forschungstätigkeiten haben oder eigene Forschungsfragen nicht am persönlichen oder kollektiven Erkenntnisinteresse, sondern an verfügbaren Förderprogrammen ausrichten. So gesehen erschöpft sich die Drittmittelproblematik nicht in der bloßen Frage der Finanzierung. Sie wirkt auch inhaltlich, indem Förderlogiken und Ausschreibungsstrukturen mitbestimmen, welche Themen bevorzugt bearbeitet werden und welche Forschungsfelder an den Rand geraten.  

Grundsätzlich richtet sich die Wissenschaft angesichts ihrer Förderstruktur ganz automatisch auch an öffentlichen Debatten aus. Dabei kann eine Orientierung an Trends helfen, Expertise im Wissenschaftssystem zu bündeln und interdisziplinäre Forschung zu befördern – etwa beim Thema Künstliche Intelligenz. Dennoch ist eine grundsätzliche Freiheit bei der Wahl von Forschungsgegenständen erforderlich, um die Vielfalt des Systems zu erhalten. Wichtig sind ausreichende Mittel auch für Forschung abseits aktueller Trends Forschung sollte nicht nur nach wirtschaftlichem Nutzen bewertet werden – ihre gesamte Wirkung von der Grundlagenforschung bis zur Anwendung muss sichtbar und gesellschaftlich vermittelt werden.

Strukturelle bzw. systemische Gefährdungen: Öffentlicher Druck, digitale Anfeindungen und Selbstzensur

Auch politische Erwartungshaltungen, moralische Aufladungen wissenschaftlicher Debatten, öffentlicher Konformitätsdruck sowie institutionelle Zwänge durch Bürokratisierung und Ökonomisierung können sich negativ auf die Wissenschaftsfreiheit auswirken.   

Diese Entwicklungen können dazu führen, dass bestimmte Forschungsfragen nicht mehr freigestellt oder kontroverse Positionen aus Angst vor Sanktionen vermieden werden. Wissenschaftsfreiheit ist daher nicht nur ein rechtlich geschütztes Grundrecht, sondern auch auf eine akademische Kultur angewiesen, die Offenheit und Kritikfähigkeit gewährleistet.

Mit dem Aufkommen neuer Debattenräume, in denen wissenschaftliche Ergebnisse leichter verbreitet und diskutiert werden können, etwa durch die sozialen Medien, finden wissenschaftliche Debatten heute unter Bedingungen hoher öffentlicher Sichtbarkeit und gesellschaftlicher Polarisierung statt. Hieraus erwächst auch ein stärkerer Fokus auf Wissenschaft.  Dadurch kann ein Konformitätsdruck entstehen, in dem bestimmte Fragen oder Positionen nicht mehr primär fachlich, sondern vor allem moralisch oder politisch bewertet werden. Digitale Anfeindungen, persönliche Angriffe und Empörungskampagnen verschärfen diese Dynamik zusätzlich. Die Folge kann sein, dass Forschende Themen meiden, Aussagen abschwächen oder sich aus öffentlichen Debatten zurückziehen. Wissenschaftsfreiheit wird dadurch nicht formell aufgehoben, aber faktisch eingeschränkt.

Video Podiumsdiskussion "Elfenbeinturm, Straße oder Talkshow – Gesellschaftliche Räume und Rollen für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Angesicht globaler Krisen"

So kommt eine Studie des Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) zu dem Ergebnis, dass Forschende mehrheitlich eine Zunahme von Wissenschaftsfeindlichkeit in den vergangenen Jahren wahrnahmen. Vor allem in Themenfeldern mit hoher gesellschaftlicher und politischer Relevanz kann dadurch ein besonderer Druck entstehen.  So war die neue Öffentlichkeit für das Thema der Klimaerwärmung für Anfeindungen von Forschenden in diesen Feldern ebenso ein Treiber wie die Coronavirus-Pandemie für Forschende aus den Bereichen Infektionsbiologie oder Medizin. Dabei ist Öffentlichkeit als Diskursraum unverzichtbar – auch für die Wissenschaftsfreiheit – ist aber immer öfter von Hassrede oder der Umdeutung von Forschungsergebnissen gekennzeichnet. Hinzu kommt das Risiko, dass Forschungsergebnisse medial verkürzt, zugespitzt oder aus dem Kontext gelöst dargestellt werden. Solche Anfeindungen oder Delegitimierungskampagnen führen ebenfalls zu einer Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit, indem das eigene Forschungsinteresse auch von erwarteter Reaktion der Öffentlichkeit bestimmt wird.

Frage und Antwort

Nachgefragt

Wie verbreitet ist Hate Speech in der Wissenschaft?

Antwort

Hate Speech und andere Anfeindungen gegen Wissenschaftlerinnen sind nach den bisher verfügbaren Studien verbreitet, vor allem bei Personen, die öffentlich sichtbar kommunizieren. In einer Umfrage unter rund 2.600 Wissenschaftlerinnen in Deutschland berichteten 45 Prozent, bereits Anfeindungen erlebt zu haben. International zeigen sich ähnlich hohe Werte: In einer Nature-Befragung von Forschenden, die aktiv Wissenschaftskommunikation betreiben, machten mehr als zwei Drittel negative Erfahrungen; 22 Prozent erhielten sogar Drohungen mit physischer oder sexueller Gewalt. Besonders häufig treten Angriffe in stark polarisierten Themenfeldern auf, etwa bei COVID-19, Impfungen, Klimawandel, Abtreibung, Waffengewalt, Gender- und Diversitätsthemen, Rechtsextremismus, Populismus, Verschwörungserzählungen sowie Tierversuchen. Insgesamt zeigen die Daten: Wer zu gesellschaftlich umkämpften Themen öffentlich forscht oder kommuniziert, hat ein deutlich erhöhtes Risiko, Ziel von Hate Speech und verwandten Angriffen zu werden.

Dabei existieren verschiedene Institutionen, mit denen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor solchen Anfeindungen geschützt werden. Über ihr Human Rights Committee (HRC) setzt sich die Leopoldina weltweit für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit Bedrohungen, Missbrauch oder Verfolgung ausgesetzt sind. Zudem findet in internationalen Netzwerken Austausch zwischen Disziplinen und Ländern statt, in denen Lösungsansätze für globale Herausforderungen oder gesellschaftlich relevante Fragestellungen entwickelt werden. Hierzu gehört auch das International Human Rights Network (IHRN), das sich für die Wissenschaftsfreiheit und gegen Wissenschaftsfeindlichkeit weltweit einsetzt. Als Nationale Akademie der Wissenschaften Deutschlands vertritt die Leopoldina die deutsche Wissenschaft in solchen Netzwerken.  

Strukturelle bzw. systemische Gefährdungen: Boykottaufrufe und polarisierte Debatten

Wenn Forschende auf Missstände aufmerksam machen und sich gegen Marginalisierung oder strukturelle Diskriminierung einsetzen, ist das durch die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit geschützt. Der politisch umstrittene Begriff „Cancel Culture“ beschreibt dagegen öffentliche Empörung und Ausgrenzung, die auch in der Wissenschaft vorkommen können. Problematisch werden solche Dynamiken dort, wo nicht mehr die argumentative Auseinandersetzung im Vordergrund steht, sondern die soziale oder institutionelle Delegitimierung von Forschenden und ihren Positionen. Dann können sie auch auf die Wissenschaftsfreiheit einwirken und die angesprochenen Dynamiken der Selbstzensur triggern. Hier wird auch das besondere Spannungsverhältnis von Wissenschafts- und Meinungsfreiheit deutlich. Maßnahmen wie Boykottaufrufe, Ausladungen, öffentliche Distanzierungen oder Störungen universitärer Veranstaltungen können aus Sicht der Protestierenden als Ausdruck legitimer Meinungs- und Versammlungsfreiheit erscheinen. Zugleich können sie aus Sicht der Betroffenen die freie Forschung, Lehre und wissenschaftliche Kommunikation beeinträchtigen. Gerade an Hochschulen zeigt sich damit die besondere Konfliktlage: Die Universität ist einerseits ein Ort demokratischer Auseinandersetzung, andererseits ein verfassungsrechtlich besonders geschützter Raum wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Wissenschaftsfreiheit schützt dabei nicht vor Kritik, wohl aber vor einer Verhinderung oder Einschüchterung wissenschaftlicher Tätigkeit. Das Problem der „Cancel Culture“ liegt daher nicht in der Existenz von Widerspruch, sondern dort, wo Gegenrede in Diskursverdrängung umschlägt.7 Zudem muss das Argument berücksichtigt werden, dass generelle Boykottmaßnahmen immer auch Gefahr laufen, zu einer Schwächung unabhängiger Stimmen im betreffenden Land zu führen, die wiederum verstärkend auf eine Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit wirken können.

Video Christoph Möllers: „Schutz der Wissenschaft jenseits der Wissenschaftsfreiheit”

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