Prof. Dr. Maria Gräfin von Linden (✝︎)

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  • Wahljahr 1902

Forschung

Maria Gräfin von Linden war eine deutsche Zoologin, Parasitologin und Bakteriologin. Sie war ers­te Stu­den­tin an der Uni­ver­si­tät Tü­bin­gen und gilt als Vorreiterin der akademischen Hochschulbildung für Frauen.

Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählte neben der Bekämpfung und Erforschung von Parasiten bei Mensch und Tier die Bakteriologie und Chemotherapie von Infektionskrankheiten, insbesondere der Tuberkulose. Sie entdeckte zudem die antibakterielle Wirkung von Kupfer. Diese Forschung mündete in die Produktion steriler Präparate zur Wundversorgung, zum Beispiel für chirurgische Eingriffe.

Sie schrieb Geschichte, als sie 1910 an der Universität Bonn als erste Frau in Preußen (und eine der ersten im Deutschen Reich) zur Titularprofessorin ernannt wurde. Trotz vieler gesellschaftlicher Widerstände und Nachteile aufgrund ihres Geschlechts wurde sie ei­ne der füh­ren­den Zoo­lo­gin­nen Deutsch­lands und publizierte über 100 wissenschaftliche Arbeiten.  

Maria Gräfin von Linden kam am 18. Juli 1869 als Tochter des Grafen Edmund von Linden und seiner Ehefrau Eugenie auf Schloss Burgberg in der Nähe von Heidenheim (Schwäbische Alb) zur Welt. 

Sie erhielt ab ihrem sechsten Lebensjahr Privatunterricht. Zwischen 1883 bis 1887 lebte sie im Victoria-Pensionat in Karlsruhe und besuchte die dort angeschlossene Schule für Töchter aus „gebildeten Kreisen“. Auf Vermittlung einer Vorsteherin der Schule erhielt sie dort private Stunden in Mathematik und Latein. 1891 legte sie als externe Schülerin das Abitur am Realgymnasium in Stuttgart ab – und war damit die erste weibliche Abiturientin in Württemberg. Die Zulassung zur Prüfung erhielt sie auf Vermittlung ihres Großonkels, Josef Freiherr von Linden, der in Württemberg ein Ministeramt bekleidet hatte. Er war es auch, der ihr zu einer Sondergenehmigung des württembergischen Königs verhalf, die Grundlage dafür war, dass Gräfin von Linden sich 1892 zum Studium an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen einschreiben konnte. 

Zwischen 1926 und 1929 schrieb Maria von Linden ihre Lebenserinnerungen auf. Sie wurden später veröffentlicht und belegen neben ihrer naturwissenschaftlichen Begabung auch ihre resiliente Persönlichkeit, die ihr das Fundament bot, gesellschaftliche Konventionen zu überwinden. 

Nach ihrer durch die nationalsozialistische Gesetzgebung erfolgten Zwangspensionierung im Oktober 1933 verließ sie Bonn, verkaufte den Familienbesitz auf Schloss Burgberg und zog nach Schaan im Fürstentum Liechtenstein, um dort ihre Studien zu Kreb in einem Privatlabor fortzusetzen. 

Maria von Linden starb am 26. August 1936 an den Folgen einer Lungenentzündung in Schaan. 17 Jahre nach ihrem Tod ließ sich ihre „Lebensfreundin“ Gabriele von Wartensleben – beide hatten sich bereits im Internat in Karlsruhe kennengelernt – neben Maria von Linden beerdigen. Auch von Wartensleben machte eine wissenschaftliche Karriere und wurde als Mitbegründerin der Gestaltpsychologie bekannt.

Der Verband Baden-Württembergischer Wissenschaftlerinnen vergibt seit 2001 alle zwei Jahre den Maria von Linden-Preis an besonders qualifizierte Nachwuchswissenschaftlerinnen. Darüber hinaus ehrt die Universität Bonn seit 2022 Verdienste um die Gleichstellung an der Universität Bonn mit dem Maria von Linden-Preis.

Maria Gräfin von Linden begann auf Vermittlung ihres Onkels 1892 ein naturwissenschaftliches Studium an der Universität Tübingen; sie wählte als Hauptfach Zoologie, ergänzt durch die Nebenfächer Physik und Botanik. Als sie sich einschrieb, war sie die erste Frau, die in Württemberg und an der Tübinger Eberhard-Karls-Universität studierte. Ihre Immatrikulation war jedoch nicht vollständig, sie erhielt lediglich eine Gasthörerschaft. Damit verbunden war außerdem die Zusage, im Erfolgsfall auch eine Promotion ablegen zu können.

1895 wurde von Linden als erste Frau deutschlandweit sowie an der Universität Tübingen mit einer naturwissenschaftlichen Arbeit zum Thema: „Die Entwicklung der Zeichnung und der Sculptur der Gehäuseschnecken des Meeres“ promoviert. 

Im Wintersemester 1896/97 war sie vertretungshalber als Assistentin am Zoologischen Institut der Universität Halle tätig. Im Anschluss kehrte sie nach Tübingen zurück und war bis Juni 1899 am dortigen Zoologischen Institut tätig.

Im gleichen Jahr wechselte sie an die Universität Bonn, wo sie zunächst am Zoologischen und vergleichenden Anatomischen Institut der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät und ab 1906 am zur Medizinischen Fakultät gehörigen Anatomischen Institut tätig war. 1908 übernahm sie die Leitung der neuen Abteilung für Parasitologie des Hygienischen Instituts der Universität Bonn. Dort arbeitete sie unter anderem zur Tuberkulose und ihrer Bekämpfung. Außerdem entdeckte sie als eine der ersten die antiseptische Wirkung von Kupfer, genauer von Kupferionen, die in der Lage sind, Krankheitserreger abzutöten. Diese Forschung mündete in die Produktion steriler Präparate zur Wundversorgung, zum Beispiel für chirurgische Eingriffe. 

Aufgrund ihrer wissenschaftlichen Exzellenz wurde von Linden am 30. April 1910 an der Universität Bonn zur Titular-Professorin ernannt. Ihr an den preußischen Kulturminister gestelltes Habilitationsgesuch – und die damit verbundene akademische Lehrbefugnis – wurden ihr aufgrund ihres Geschlechts jedoch verwehrt.

1912 nahm sie am 10. Internationalen Tuberkulose-Kongress in Rom teil und hielt dort einen Vortrag über die Ergebnisse des Finklerischen Heilverfahrens, einer damals neuen Therapie zur Bekämpfung der Impftuberkulose bei Meerschweinchen. Am 16. September 1912 hielt sie anlässlich der 84. Versammlung Deutscher Naturforscher und Ärzte in Münster einen Vortrag über Tierversuche zur Tuberkulose.

1914 erhielt sie von der Universität Rostock das Angebot, die Leitung der bakteriologischen Abteilung des dortigen Pathologischen Instituts zu übernehmen. Damit verbunden war die Möglichkeit der Habilitation. Von Linden lehnte dennoch ab, weil sie ihr Institut in Bonn „nicht im Stich“ lassen wollte. Sie war insgesamt mehr als 34 Jahre an der Universität Bonn beschäftigt. 

Maria Gräfin von Linden hatte aufgrund ihres Geschlechts weithin Nachteile in einer von Männern dominierten Gesellschaft, die ihre Arbeitsmöglichkeiten einschränkten. Auch ihr Labor war finanziell benachteiligt, was die Einstellung von Hilfskräften, aber auch die Finanzierung von Geräten und Räumlichkeiten betraf. Lange Zeit bemühte sie sich erfolglos um Gleichstellung der von ihr geführten Abteilung, etwa durch Zuerkennung des ansonsten üblichen Beamtenstatus. 

Erst ab April 1921 war Gräfin von Linden überhaupt über den Etat der Hochschule angestellt, offiziell jedoch lediglich als Assistentin des Hygienischen Instituts, und das, obwohl sie de facto die Leitung der Abteilung innehatte.

Zur Überbrückung ihrer Nachteile in der wissenschaftlichen Arbeit konnte Gräfin von Linden bisweilen auf ihr wissenschaftliches Netzwerk zurückgreifen. So beantragte sie bei der Leopoldina mit Schreiben vom 18. Mai 1917 einen Druckkostenzuschuss in Höhe von 2.000 Reichsmark für die Fertigstellung des 3. Bandes ihrer Arbeit „Experimentalforschungen zur Chemotherapie der Tuberkulose mit Kupfer- und Methylenblausalzen“. 

Maria Gräfin von Linden wandte sich früh gegen den Nationalsozialismus. Zum 1. Oktober 1933 wurde sie aufgrund des nationalsozialistischen „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ zwangspensioniert und emigrierte nach Liechtenstein, wo sie weiterhin wissenschaftlich tätig war, insbesondere im Bereich Krebsforschung.

Insgesamt veröffentlichte Maria Gräfin von Linden 67 wissenschaftliche Arbeiten im Bereich der Parasitologie und Bakteriologie; hinzu kommen 38 Publikationen in ihrem Promotionsfach Zoologie.

Für ihre wissenschaftliche Tätigkeit wurde Maria Gräfin von Linden 1900 von der französischen Akademie der Wissenschaften mit dem Da-Gamo-Machado-Preis ausgezeichnet. Am 30. November 1902 wurde sie mit der Matrikel-Nr. 3156 in die Akademie der Naturforscher Leopoldina aufgenommen.

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