Prof. Dr. Rudolf Virchow (✝︎)
- Wahljahr 1852
Forschung
Rudolf Virchow war ein deutscher Mediziner, Pathologe, Anthropologe, Prähistoriker und Politiker. Mit seiner Arbeit wirkte er in vielfältiger Weise in die Gesellschaft hinein: Im Bereich Medizin erlangten seine wissenschaftlichen Beiträge zur Pathologie weltweit Bekanntheit. In den 1850er Jahren begründete er die Zellpathologie (auch Zellularpathologie). Darin zeigte er auf, dass viele Krankheiten durch zelluläre Veränderungen entstehen, eine Sicht, die damals neu und revolutionär war. Im Bereich des politischen Engagements gilt er als Begründer der Sozialhygiene.
Zur Person
Rudolf Virchow kam am 13. Oktober 1821 als einziges Kind von Carl Christian Siegfried Virchow und seiner Frau Johanna Maria im pommerschen Ort Schivelbein (heute: Swidwin/Polen) zur Welt. Ab 1828 besuchte er dort die Schule und wechselte 1835 ans Gymnasium im ebenfalls in Pommern gelegenen Ort Köslin (heute Koszalin), das er bis 1839 besuchte.
Am 14. August 1850 heiratete Virchow in der Berliner St.-Petri-Kirche die 18-jährige Ferdinande Amalie Rosalie Mayer, Tochter eines Berliner Gynäkologen. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor: Carl (1851), Hans (1852), Adele (1855), Ernst (1858), Marie (1866) sowie Hanna (1873).
Anlässlich seines 70. Geburtstags im Jahr 1891 wurde Virchow der 43. Ehrenbürger Berlins. Seine Freunde stifteten ihm aus diesem Anlass eine Goldmedaille mit einem Gewicht von rund 2,3 Kilogramm.
Virchow blieb bis ins hohe Alter beruflich aktiv. Auf dem Weg zu einer Versammlung der Gesellschaft für Erdkunde stürzte er am 4. Januar 1902 beim Absprung von einer noch nicht gänzlich zum Stehen gekommenen Straßenbahn und brach sich den Oberschenkelhals. Von den langwierigen Folgen dieses Unfalls erholte er sich nicht mehr. Er starb am 5. September 1902 in seiner Wohnung in der Berliner Schellingstraße 10.
An der am 9. September stattfindenden Trauerfeier nahmen Tausende Gäste teil. Virchows Grab befindet sich auf dem Alten St.-Matthäus-Kirchhof an der Großgörschenstraße in Berlin-Schöneberg.
Nach Rudolf Virchow ist die 2021 gegründete Virchow Foundation (Berlin) benannt, die seit 2022 den mit 500.000 Euro dotierten Virchow Prize vergibt. Zu den Gründern der Stiftung gehörte unter anderem auch der damalige Präsident der Leopoldina, Gerald Haug.
Werdegang
Rudolf Virchow studierte mit einem Stipendium von 1839 bis 1843 Medizin an der Berliner Militärärztlichen Akademie, dem Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelms-Institut. Am 28. Oktober 1843 Verteidigte er seine Promotion mit der Arbeit „De rheumate paesertim corneae“.
Zwischen 1844 und 1846 war er Assistent beim Anatomen Robert Friedrich Froriep an der Prosectur der Charité in Berlin, in der Leichen seziert wurden. Nach dem Ausscheiden Frorieps übernahm Virchow am 11. März 1846 (zunächst kommissarisch) die Leitung der Prosectur und des Pathologisch-anatomischen Cabinets der Charieté.
Es folgten 1847 die Habilitation in Berlin zum Thema „De osseficatione pathologica“ und dine anschließende Lehrtätigkeit im Bereich Pathologie an der Charité.
1847 übernahm Virchow die Herausgeberschaft der Fachzeitschrift „Archiv für pathologische Anatomie und Physiologie und für klinische Medicin“, auch „Virchow Archiv“ genannt.
1848 untersuchte Virchow im Auftrag der Regierung eine in Oberschlesien wütende Typhus-Epidemie, in deren Folge er in seinem Bericht die „volle und unumschränkte Demokratie“ forderte, ohne die Wohlstand und Gesundheit nicht möglich seien.
1848/49 gab er gemeinsam mit dem Mediziner Rudolph Leubuscher die Zeitschrift „Die Medicinische Reform“ heraus, in der er sich vor allem für die Verbesserung des Medizinalwesens einsetzte.
Später setzte er sich für den Bau und die Eröffnung eines Pathologischen Museums in Berlin ein. Das Gebäude an der Charité wurde 1899 mit rund 21.000 Ausstellungsstücken eröffnet.
1849 folgte Virchow daher einem Ruf an die Universität Würzburg auf den Lehrstuhl für Pathologie. Dort war er bis 1856 als Ordinarius für pathologische Anatomie tätig und entwickelte die Grundzüge seiner Zellularpathologie.
1852 lieferte er eine Untersuchung über die sozialen Aspekte des Gesundheitswesens unter dem Titel „Die Noth im Spessart“.
Im gleichen Jahr wurde er in die Leopoldina aufgenommen, er profitierte von dem Netzwerk, das ihm die Gelehrtenakademie bot, mit der er in brieflichem Austausch stand. Einige seiner Briefe sind bis heute erhalten geblieben und lagern im Archiv der Leopoldina. Die Akademie würdigte sein Lebenswerk 1901 mit der Verleihung der Cothenius Medaille.
Zwischen 1854 und 1867 gab Virchow das sechs Bände umfassende „Handbuch der speciellen Pathologie und Therapie“ heraus.
1856 wechselte er von Würzburg nach Berlin und folgte damit dem Ruf auf den neu gegründeten Lehrstuhl für Pathologische Anatomie und Allgemeine Pathologie (Pathophysiologie) an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität). Parallel dazu hatte Virchow anlässlich seiner Berufung an die Charité ein eigenes Institut für Pathologie gefordert, dessen Leitung er übernahm. Während dieser Zeit baute er eine pathologische Sammlung auf.
Virchows Lehrtätigkeit strahlte überregional aus, so hielt er im Sommersemester 1858 eine weithin beachtete Vorlesung über „Die Cellularphathologie in ihrer Begründung auf physiologische und pathologische Gewebelehre“, die im Nachgang veröffentlicht wurde.
In den Jahren 1876/77 wurde er zum Dekan der Medizinischen Fakultät an der Berliner Charité gewählt; 1892/93 war er Rektor der damaligen Friedrich-Wilhelms-Universität (heute Humboldt-Universität) in Berlin.
Parallel zu seinem Wirken als Mediziner war Rudolf Virchow auch politisch überaus aktiv. So nahm er im Oktober 1848 auch am Demokratischen Kongress in Berlin teil, auf dem sich die demokratisch-republikanischen Kräfte organisierten. Durch sein politisches Engagement verlor er im Folgejahr seine Anstellung an der militärärztlichen Akademie und schied endgültig aus dem Militär aus.
In seiner Eigenschaft als Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung setzte er sich ab 1859 für den Bau von Krankenhäusern und die Erhebung medizinischer Daten ein.
1860 wurde er als Mitglied in den Preußischen Landtag gewählt. 1861 gründete er mit dem Historiker Theodor Mommsen die Deutsche Fortschrittspartei, die sich in politische Opposition zu Otto von Bismarck begab. Als Mitglied des Preußischen Abgeordnetenhauses, in das er für die Deutsche Fortschrittspartei eingezogen war, setzte er sich unter anderem für geringere Militärausgaben und den Ausbau der Sozialfürsorge ein. Auf seine Initiative erhielt Berlin als eine der ersten europäischen Großstädte eine Kanalisation.
Virchow war von 1880 bis 1893 Mitglied des Deutschen Reichstags.
Außerdem nahm er bereits 1879 an den Troja-Grabungen von Heinrich Schliemann teil. Dabei brachte Virchow seine wissenschaftliche Expertise ein und überzeugte den nicht primär wissenschaftlich orientierten Kaufmann Heinrich Schliemann davon, die Grabungsfunde aus Troja dem deutschen Volk zu schenken, so dass sie öffentlich gezeigt werden konnten.
Auszeichungen und Mitgliedschaften
Für seine wissenschaftliche Tätigkeit erhielt Rudolf Virchow zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Olga-Orden des Königs Karl von Württemberg (1872), den Roten Adlerorden II. Klasse mit Stern und Eichenlaub (1888), die Copley-Medaille der Royal Society London (1894), die Helmholtz-Medaille der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften (1898), den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste sowie für sein herausragendes wissenschaftliches Lebenswerk auf dem Gebiet der Medizin und Pathologie die Cothenius-Medaille der Leopoldina (beide 1901).
Darüber hinaus verliehen ihm zahlreiche Akademien und Gelehrtenvereinigungen ihre Mitgliedschaft, darunter die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften, die Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte, die Akademie der Naturforscher Leopoldina (1852), die Königlich-Niederländische Akademie der Wissenschaften (1860), die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften, die Royal Society of Edinburgh (1868), die American Academy of Arts and Sciences (1874), die Russische Akademie der Wissenschaften (1881), die National Academy of Sciences (1883) der Vereinigten Staaten, die Bayerische Akademie der Wissenschaften (1888), die Ungarische Akademie der Wissenschaften, die Royal Society London (1884) und viele weitere.