Prof. Dr. Thomas Misgeld
- Fachbereich Neurowissenschaften
- Ort München, Deutschland
- Wahljahr 2025
Forschung
Forschungsschwerpunkte: Neuronale Zellbiologie, Entwicklungsneurobiologie, Mikroskopie, Neurdegeneration, Neuroinflammation
Thomas Misgeld ist ein deutscher Neurobiologe, der erforscht, wie Nervenzellen ihre Verbindungen im Gehirn aufbauen, erhalten und verlieren. Im Mittelpunkt stehen die Axone, lange Leitungen der Nervenzellen, über die Signale weitergegeben und entfernte Hirnregionen verknüpft werden. Damit das Gehirn korrekt arbeitet, müssen viele Axone ihren Zielort präzise erreichen. Andere, die falsch wachsen oder nicht mehr gebraucht werden, müssen dagegen entfernt werden.
Viele Erkrankungen beginnen mit einem schleichenden Verlust dieser Verbindungen. Das gilt etwa für Erkrankungen der Motoneuronen, Verletzungen des Rückenmarks und Multiple Sklerose. Thomas Misgeld untersucht, warum eigentlich stabile Axone unter solchen Bedingungen versagen. Dabei betrachtet er Vorgänge in der Nervenzelle selbst und bezieht Einflüsse aus ihrer Umgebung ein. So fungieren Gliazellen im gesunden Gehirn als Stützzellen, die zudem Energie bereitstellen und die Signalweiterleitung modulieren. Unter Krankheitsstress können sie Entzündungen fördern und zum Abbau von Synapsen beitragen. Auch Immunzellen, die ins Gewebe eindringen, spielen bei pathologischen Prozessen eine Rolle, indem sie beschädigte Bereiche erkennen, aber mitunter auch funktionsfähige Verbindungen entfernen.
Innerhalb der Axone richtet sich der Blick des Neurobiologen auf zentrale Prozesse: den Transport von Mitochondrien und anderen Organellen, die Energieversorgung der Zelle und die Anpassung des feinen Stützgerüsts, das dem Axon Form und Stabilität gibt. Solche Abläufe geraten in vielen Erkrankungen aus dem Gleichgewicht und können frühe Ausfälle erklären. Um diese Mechanismen sichtbar zu machen, nutzen Thomas Misgeld und sein Team innovative Bildgebung. Die Zwei-Photonen-Mikroskopie ermöglicht es, dynamische Prozesse im intakten Gehirn in Echtzeit zu beobachten. Sie wird durch gezielte genetische Markierungen, molekulare Modifikationen und ultrastrukturelle Analysen mit Hilfe von Elektronenmikroskopie ergänzt.
In Maus- und Zebrafischmodellen beobachtet das Team das Zusammenspiel von Nervenzellen, Glia- und Immunzellen während Entwicklung, Trauma oder Entzündung. Dabei wurden Methoden entwickelt, um Axondegeneration im lebenden Gehirn sichtbar zu machen, den axonalen Transport zu messen, mitochondriale Abläufe zu verfolgen und Signalketten auf Ebene einzelner Zellbestandteile zu untersuchen. Dies hat gezeigt, dass Störungen des Transports, Fehlfunktionen der Mitochondrien und Entzündungsprozesse entscheidende Auslöser für axonalen Zerfall sind. Gleichzeitig wurde deutlich, dass manche Formen der Axonschädigung umkehrbar sind, was neue therapeutische Ansätze aufzeigt.
Thomas Misgelds Arbeiten liefern zum einen tiefe Einblicke in fundamentale neurobiologische Prozesse und eröffnen zum anderen Wege für neuroprotektive Strategien bei Erkrankungen, wie Multipler Sklerose, Rückenmarksverletzungen oder neuronaler Degeneration. Damit leistet er einen wesentlichen Beitrag zur Verbindung von Grundlagenforschung und klinischer Neurologie mit dem Ziel, dass Erkenntnisse aus der Zellbiologie langfristig die Versorgung von Patientinnen und Patienten verbessern.
Werdegang
- 2019-2026 Kommissarischer Direktor, Institut für Neurowissenschaften, Technische Universität München (TUM)
- seit 2012 Wissenschaftliches Mitglied, Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE), München
- seit 2012 Professor sowie Gründungsdirektor, Institut für Zellbiologie des Nervensystems, TUM School of Medicine and Health, Technische Universität München (TUM)
- 2009-2012 Professor, Lehrstuhl für Biomolekulare Sensoren, Center for Integrated Protein Science Munich, TUM
- 2006-2009 Leiter, Sofja-Kovalevskaja-Nachwuchsgruppe, Institut für Neurowissenschaften, TUM
- 2005-2006 Postdoktorand, Department of Molecular and Cellular Biology, Harvard University, Cambridge, USA
- 2000-2004 Postdoktorand, Department of Anatomy and Neurobiology, Washington University, St. Louis, USA
- 1999-2000 Arzt im Praktikum, Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
- 1999 Promotion in Humanmedizin, Max-Planck-Institut für Biologische Intelligenz, Martinsried
- 1991-1998 Studium der Humanmedizin, Technische Universität München (TUM), University College London (UCL), London, UK, sowie Tulane University, New Orleans, USA
Funktionen
- seit 2022 Prodekan „Research & Innovation“, School of Medicine and Health, Technische Universität München (TUM)
- seit 2012 Co-Sprecher, Exzellenzcluster (EXC) 2145 „Munich Cluster for Systems Neurology (SyNergy)“, Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)
- seit 2007 Mitglied, Exzellenzcluster (EXC) 114 „Center for Integrated Protein Science Munich (CIPSM)“, DFG
- 2006-2017 Mitglied, Teaching Faculty, Marine Biological Laboratory (MBL), Woods Hole, USA
Projekte
- seit 2017 Co-Koordinator, Masterstudiengang „Biomedical Neuroscience“, Elitenetzwerk Bayern, München
- 2014 Principal Investigator, Consolidator Grant „DIABLo Mechanisms of Developmental and Injury-related Axon Branch Loss“, European Research Council (ERC)
Auszeichungen und Mitgliedschaften
- seit 2025 Mitglied, Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina
- 2018 Heinz-Maier-Leibnitz-Medaille, Technische Universität München (TUM)
- 2011 Award for Alzheimer’s Disease and Neurodegeneration, Hans und Ilse Breuer-Stiftung, Frankfurt am Main
- 2007 Schilling Forschungspreis, Neurowissenschaftliche Gesellschaft (NWG), Berlin
- 2006 Sofja-Kovalevskaja-Preis, Alexander von Humboldt-Stiftung, Bonn
- 2005 Robert Feulgen Prize, Society for Histochemistry, Tübingen