Interview „Adipositas ist eine Gehirnerkrankung“

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Der Mediziner Matthias H. Tschöp, Mitglied der Leopoldina seit 2013 und Träger der Carus-Medaille, ist Wissenschaftlicher Geschäftsführer am Helmholtz Zentrum München. Die Erkenntnisse des Neuroendokrinologen zu Signalwegen zwischen Gehirn und Verdauungstrakt trugen entscheidend zur Entwicklung der neuen „Abnehmspritze“ bei. Im Gespräch blickt er auf seine öffentliche Abendvorlesung anlässlich der Urkundenübergabe der Klasse III – Medizin voraus.

Was macht stark übergewichtigen Menschen eigentlich das Abnehmen so schwer?
Matthias H. Tschöp: Unsere Genetik ist nicht dafür ausgelegt, dass wir in Zeiten von breitem kalorischem Angebot und überwiegend sitzender Tätigkeit unser Gewicht halten können. Um Kalorien speichern zu können, verfügt unser Körper über viele Signale, die Abnehm-Versuche verhindern.

Wie können Moleküle, die natürlichen Darmhormonen ähnlich sind und in anderer Dosierung gegen Diabetes vom Typ 2 eingesetzt werden, dabei helfen? 
Tschöp: Zwei Erkenntnisse waren wichtig: Adipositas ist eine Gehirnerkrankung – und wir müssen dort eine Kombination von Signalen verändern. Die Superhormone, die schließlich den Durchbruch brachten, sind länger und stärker wirksam als die natürlichen Peptide. Sie aktivieren im Gehirn verschiedene Rezeptoren und fördern damit Gewichtsverlust auf mehreren Wegen: Überwiegend steuern sie Sättigungssysteme im Gehirn an, sie verbessern zudem die Empfindlichkeit für Insulin.
So scheinen sie nicht nur das unwiderstehliche Verlangen nach Schokoriegeln zu bremsen, sondern auch die Lust auf Alkohol, und eventuell wirken sie sogar gegen die Spielsucht. Wir müssen weiter dranbleiben, um hier alle Zusammenhänge zu verstehen.

Ihre Forschung gilt insbesondere den Molekülen, die mehrere Hormone enthalten. Warum können diese mehr als ein Hormon allein?
Tschöp: In Kombination haben sie ein enormes synergistisches Potenzial, sie wirken im Gehirn zusammen. Dazu kommt, dass sie weniger Nebenwirkungen haben.  

Wenn Abnehmen „Kopfsache“ ist, hilft dann nicht auch Willensstärke?
Tschöp: Es gibt Menschen, die das Glück haben, dass ihre Gene ihnen einen Stoffwechsel bescheren, der es ihnen leichter macht. Bei einer stark übergewichtigen Person an die Willensstärke zu appellieren, ist aber so unangemessen, wie wenn man einem Menschen mit Depression sagt: „Jetzt reiß‘ Dich mal zusammen!“ Echte Heilung könnte allenfalls eine Gentherapie versprechen. Bis dahin müssen wir dankbar sein, diese neuen Medikamente zu haben. Sie verhindern ja auch Folgekrankheiten wie Diabetes.

Inzwischen gibt es auch eine Nachfrage von normalgewichtigen oder leicht übergewichtigen Personen, die sich die Medikamente leisten können. Prominente berichten davon. Besorgt Sie das? 
Tschöp: Solange die Verfügbarkeit der Medikamente limitiert ist, sollten sie denen zur Verfügung gestellt werden, die sie am dringendsten brauchen. Ärztinnen und Ärzte haben hier eine wesentliche Funktion: Sie haben die Verantwortung für die Verordnung der rezeptpflichtigen Medikamente. Die Triple-Agonisten, die bald kommen werden, scheinen übrigens am besten bei massiv Übergewichtigen zu funktionieren.

Bisher müssen die Präparate einmal wöchentlich gespritzt werden. Wann kommt die „Abnehm-Pille“? 
Tschöp: Es gibt verschiedene neue Entwicklungen, 20 bis 30 Präparate sind in der Pipeline. Damit die Peptide sich nicht im Magen-Darm-Trakt auflösen, muss man sie allerdings sehr hoch dosieren, „Small Molecules“, die direkt an den Rezeptor andocken, sind derzeit noch weniger wirksam.
Noch entscheidender als die Frage „Spritze oder Tablette?“ ist meines Erachtens eine andere: Will man wirklich lebenslang die hocheffektiven, aber teuren Mittel nehmen? Wir brauchen leichtere, mildere Mittel für die Erhaltungstherapie. Eine zweite Herausforderung für die Forschung ist der spezifische Schutz der Muskeln. Denn auch beim Abnehmen mithilfe der neuen Präparate verliert man immer etwas Muskelmasse.

 

Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner

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