Gastbeitrag Agentische KI: Hebel für eine effizientere Gesundheitsversorgung

Die Co-Autoren des Fokuspapiers Heyo Kroemer und Alexander Meyer über „Agentische KI im Gesundheitssystem: Chancen und Herausforderungen“

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Das Gesundheitswesen in Deutschland steht unter Druck: Der Fachkräftemangel verschärft die Situation in Krankenhäusern, Therapiezentren, Pflegeheimen und Arztpraxen, die Bevölkerung altert, bürokratische Aufgaben lähmen und gleichzeitig wächst die Komplexität medizinischer Versorgung. Während politische Debatten vor allem um Finanzierung und Strukturreformen kreisen, entwickelt sich im Hintergrund eine Technologie, die das Potenzial hat, viele dieser Herausforderungen grundlegend zu verändern: agentische Künstliche Intelligenz (KI).

Anders als die heute bekannten KI-Anwendungen, die vor allem analysieren und Empfehlungen geben, kann agentische KI eigenständig handeln. Sie erkennt nicht nur Muster in Daten, sondern plant, koordiniert und führt innerhalb definierter Grenzen ganze Prozessketten aus. Damit markiert sie den Übergang von der KI als Werkzeug zu einem aktiven digitalen Assistenten.

Experte zum Thema Prof. Dr. Heyo K. Kroemer ▸

  • Physiologie und Pharmakologie/Toxikologie
  • Berlin, DE
  • Wahljahr 2018

Ein Beispiel aus der Medizin verdeutlicht den Unterschied: Erkennt eine konventionelle KI anhand von EKG-Daten einen Herzinfarkt, liefert sie eine Diagnosewahrscheinlichkeit. Eine agentische KI könnte darüber hinaus automatisch das zuständige Behandlungsteam alarmieren, verfügbare Ressourcen prüfen, diagnostische Schritte koordinieren, die Dokumentation vorbereiten und den weiteren Behandlungsverlauf überwachen. Die medizinische Verantwortung tragen nach wie vor Menschen, doch die Organisation der Prozesse wird erheblich effizienter.

Gerade darin liegt das enorme Potenzial. Ein großer Teil der Belastungen im Gesundheitswesen entsteht nicht durch die eigentliche Patientenversorgung, sondern durch Dokumentations- und Verwaltungsaufgaben. Agentische KI könnte diese Prozesse weitgehend automatisieren. Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegekräfte würden entlastet und könnten sich stärker auf ihre Kernaufgabe konzentrieren: die Behandlung von Menschen.

Experte zum Thema Prof. Dr. Alexander Meyer ▸

  • Institut für Künstliche Intelligenz in der Medizin, Charité
  • Berlin

Die Technologie stellt nicht nur Effizienzgewinne in Aussicht, sie könnte auch die Qualität der Versorgung verbessern. Agentische KI ist in der Lage, große Mengen an strukturierten und unstrukturierten Daten zusammenzuführen, Leitlinien zu berücksichtigen und individuelle Behandlungspfade vorzuschlagen. Besonders bei chronischen Erkrankungen oder komplexen Therapien eröffnet dies neue Möglichkeiten für eine personalisierte Medizin. Patientinnen und Patienten könnten durch digitale Begleitung kontinuierlich unterstützt werden, während medizinische Teams frühzeitig auf Risiken oder Komplikationen hingewiesen werden.

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Fokuspapier „Interoperabilität verbindlich machen“

Neben dem Fokuspapier „Agentische KI im Gesundheitssystem“ hat die Leopoldina Anfang Juni das Fokuspapier „Interoperabilität verbindlich machen“ veröffentlicht. Auch in diesem Policy Brief geht es um die Medizin der Zukunft und insbesondere um verlässliche, verknüpfbare und sicher nutzbare Gesundheitsdaten. Im Interview spricht Prof. Dr. Sylvia Thun, Mitautorin des Leopoldina-Fokus über den zentralen Begriff der Interoperabilität.

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Hinzu kommt ein strategischer Aspekt. Agentische KI entwickelt sich weltweit zu einer Schlüsseltechnologie. Derzeit dominieren vor allem US-Unternehmen den Markt für leistungsfähige KI-Systeme. Europa und Deutschland verfügen zwar über exzellente Forschung, schaffen es jedoch noch zu selten, wissenschaftliche Erkenntnisse in Produkte zu überführen, die bis zur Marktreife weiterentwickelt werden können. Gerade im Gesundheitswesen droht dadurch eine wachsende technologische Abhängigkeit.

Deshalb geht es nicht allein um Innovation, sondern außerdem um digitale Souveränität. Deutschland sollte seine starke medizinische Forschung mit Kompetenzen aus Informatik und Datenwissenschaft verknüpfen und gezielt auf einzelne Fachgebiete zugeschnittene KI-Systeme für die Anwendung in Kliniken und Praxen fördern. Regionale Kompetenzzentren, enge Kooperationen zwischen Wissenschaft und Industrie sowie Investitionen in digitale Infrastruktur können dafür die Grundlage schaffen.

Agentische KI bietet große Chancen, wir dürfen zugleich die Risiken nicht unbeachtet lassen. Wenn KI-Systeme zunehmend eigenständig Entscheidungen vorbereiten oder Prozesse auslösen, stellen sich neue Fragen, vor allem nach Verantwortlichkeit und Kontrolle. Wer trägt die Verantwortung bei Fehlentscheidungen? Wie lassen sich sensible Gesundheitsdaten schützen? Und wie verhindert man, dass medizinische Fachkräfte wichtige Kompetenzen verlieren, weil Aufgaben dauerhaft an KI delegiert werden? Die Cybersicherheit gewinnt an Bedeutung: Je stärker KI-Systeme in klinische Abläufe eingebunden werden, desto attraktiver werden sie als Angriffsziel. Vertrauen in die Technologie entsteht daher nur, wenn Sicherheit, Nachvollziehbarkeit und menschliche Letztverantwortung von Anfang an mitgedacht werden.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob agentische KI Teil unseres Gesundheitssystems wird. Die technologische Entwicklung macht dies bereits heute absehbar. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen: innovationsfreundliche Regulierung, verlässliche Datenschutzstandards, leistungsfähige digitale Infrastrukturen und eine gezielte Förderung europäischer Lösungen.

Agentische KI ist kein fernes Zukunftsszenario. Sie könnte zu einem der wichtigsten Hebel werden, um medizinische Versorgung trotz knapper Ressourcen qualitativ hochwertig, effizient und zukunftsfähig umzusetzen. Jetzt ist der Zeitpunkt, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.

Fokus „Agentische KI im Gesundheitssystem: Chancen und Herausforderungen“

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor großen Herausforderungen: Fachkräftemangel, demografischer Wandel, steigende Anforderungen an eine flächendeckende Versorgung, hoher Verwaltungsaufwand und Defizite bei der Digitalisierung klinischer Daten und Prozesse. Welches Potenzial bietet hier die agentische künstliche Intelligenz, also KI-Systeme, die innerhalb vorgegebener Rahmenbedingungen selbstständig Ziele verfolgen, Handlungsschritte planen und Prozesse koordinieren können? Diese und andere Fragen erörtert die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina im Policy Brief „Agentische KI im Gesundheitssystem: Chancen und Herausforderungen“. 

Das Papier zum Download ▸

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