Frau Rockenbach, die Leopoldina hat strategische Ziele für die kommenden fünf Jahre formuliert. Warum gerade jetzt?
Bettina Rockenbach: Dazu haben zwei Umstände beigetragen: Ich habe vor gut einem Jahr mein Amt angetreten, und wenn man neu ist, schaut man mit einem frischen Blick auf die etablierten Prozesse. Gleichzeitig
bestand bereits in der Amtszeit meines Vorgängers, Gerald Haug, in der Geschäftsstelle der Wunsch, die Erfahrungen in der Pandemie zu reflektieren. Das Resultat dieser beiden Stränge war ein umfangreicher Prozess, begleitet von zahlreichen Gesprächen in internen Arbeitsgruppen und mit externer Beratung durch „Stakeholder“. Unser Strategiepapier ist das Ergebnis. Ich finde es wichtig, dass die formulierten strategischen Zielsetzungen in einem partizipativen Prozess der Mitglieder und der Geschäftsstelle und mit Einbeziehung der Außensicht erarbeitet worden sind. Das Strategiepapier spezifiziert die Zielrichtung für unsere zukünftige Ausrichtung und Arbeit.
An erster Stelle steht: „Für Wissenschaftsfreiheit eintreten“. Das ist von grundsätzlicher Bedeutung, trotzdem keine Selbstverständlichkeit?
Rockenbach: Wissenschaftsfreiheit ist eine unserer tragenden Säulen, dafür setzt sich die Leopoldina seit ihrer Gründung ein. Allerdings ist sie, ebenso wie die Demokratie, nicht selbstverständlich garantiert oder unangreifbar. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen sieht man das noch einmal deutlicher. Nicht nur in autoritär geführten, sondern auch in freiheitlichen Staaten kann die Wissenschaftsfreiheit bedroht sein, und es treibt uns wie alle Wissenschaftsorganisationen um, dass das sogar in unserem Land passieren kann. Als Nationalakademie nimmt die Leopoldina eine Sonderrolle ein, sie vertritt die deutsche Wissenschaft im Ausland und tauscht sich international mit den Akademien anderer Länder aus. Auf nationaler Ebene ist sie unter anderem mit den großen Wissenschaftsorganisationen in der „Allianz“ vernetzt. Was wir in den USA sehen, erschüttert und öffnet zugleich die Augen dafür, dass Wissenschaftsfreiheit schlicht durch Beschränkung der finanziellen Mittel ausgehebelt werden kann. Und es zeigt, wie schnell solche Entwicklungen passieren können. Wissenschaftsfreiheit bleibt unser erstes Ziel, sie ist nicht nur für die Wissenschaft selbst unabdingbar, sondern hat für unsere Gesellschaft und unsere Demokratie immense Bedeutung.
In der Politikberatung soll in Zukunft systematischer die Wirkung von Stellungnahmen und Diskussionspapieren ausgewertet werden. War die Beratung bisher zu wenig wirksam?
Rockenbach: Sie sprechen eine wichtige Frage an, aber die Antwort ist nicht trivial: Auf der Grundlage wissenschaftlicher Expertise zeigen wir der Politik und der Gesellschaft Handlungsoptionen auf. Oft gibt es aber nicht den einen Weg. Oft gibt es mehrere Handlungsoptionen und wir weisen dann auch auf mögliche Folgen, auf Konsequenzen einer „Weichenstellung“ hin, die erwogen werden sollten. Die politischen Entscheidungen ergeben sich aus gesellschaftlichen, oft auch ethischen Aushandlungs- und Abwägungsprozessen. Wir sind nicht die gewählten Vertreter, die diese Entscheidungen treffen, aber wir müssen geeignete Formate finden, um die dazu führenden Abwägungen anzustoßen. Daher können wir unseren Impact nicht daran messen, was später in einem Gesetz steht. Für uns ist ein Maßstab, ob die Politik unsere Überlegungen zur Kenntnis nimmt. Wir wollen Gehör finden und Erkenntnisprozesse anstoßen. Und das möglichst früh.
Künftig sollen auch die Potenziale der Mitglieder aller Fachgebiete besser genutzt werden. Kommt vermehrt Arbeit auf die Mitglieder zu?
Rockenbach: Die Leopoldina hat zwei Aufgabenfelder: Sie ist nicht nur die klassische Gelehrtengesellschaft von 1652, sondern seit 2008 als Nationalakademie zudem Beraterin für Politik und Gesellschaft und Vertreterin der deutschen Wissenschaft im Ausland, etwa in den entsprechenden Science-Gremien, S7 oder S20, vor einem G7- oder G20-Gipfel. Ihre aktuell rund 1700 Mitglieder sind die Expertise, aus der wir schöpfen. Das Besondere an der Leopoldina ist das breite Spektrum von Mitgliedern, die alle den auf Exzellenz ausgerichteten Aufnahmeprozess durchlaufen haben. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal. Die Repräsentanz fast aller Fachrichtungen in der Leopoldina erleichtert es den Mitgliedern, Expertinnen und Experten aus anderen Fachgebieten zu finden, wenn sie Ideen für interdisziplinäre Projekte haben.
Zugleich geht es darum, gemeinsam die Herausforderungen der Zukunft zu antizipieren. Hierfür ist die Leopoldina in besonderer Weise aufgestellt, weil sie durch die Vereinigung der Expertise aus fast allen Fachbereichen die Aktivitäten über spezifische Forschungsprojekte hinaus ergreifen kann. Ein Beispiel dafür ist die Arbeitsgruppe „AG Zukunft der Raumfahrt“. Sie beschäftigt sich mit Chancen und Problemen der erhöhten Nutzung des Weltraums: Hier geht es nicht nur um Verkehrs- und Zugangskontrolle, sondern auch um die Frage, was mit ausgedienten Satelliten passiert. Auch beim „Verglühen“ von Satelliten im All bleibt etwas übrig, und so überlegen die AG-Mitglieder jetzt, welche Auswirkungen das rein chemisch auf die Atmosphäre und damit auf unser Klima haben könnte, welche Materialien umweltverträglicher und nachhaltiger sein könnten.
Man hört die Begeisterung der Wirtschaftswissenschaftlerin für eine Thematik aus einem völlig anderen Fachgebiet.
Rockenbach: Das ist das Tolle an meinem Job. Für mich ist es eine Freude und ein Privileg, an den unterschiedlichsten Fragestellungen teilzuhaben.
Im Strategie-Papier ist zugleich die Rede von einer engeren Anbindung an die Hauptstadt und von der wissenschaftsgeschichtlichen wie kulturellen Bedeutung des Standorts Halle. Ein Spagat
Rockenbach: Darin sind wir geübt, das geht beides. Unser prominenter Standort in Berlin ist für die internationalen Kontakte wichtig und für den direkten Austausch mit der Politik. Andererseits ist unser Hauptsitz seit 1878 in Halle, wir sind hier verwurzelt. Dort ist auch unsere Bibliothek und unser Archiv, wo wir kulturelle Schätze von unwiederbringlichem nationalem Wert hüten, wie zum Beispiel der handschriftliche Lebenslauf von Albert Einstein. Wir fühlen uns für dieses kulturelle Erbe verantwortlich. Das Traditionsgebäude ist allerdings in schlechtem Zustand und muss saniert werden, wir sind schon sehr weit mit dem Bauplan, sind aber noch zur Finanzierung mit Bund und Land im Gespräch.
Neben der Politikberatung engagiert sich die Leopoldina auch in der Gesellschaftsberatung. Mit neuen Formaten soll der Dialog zwischen Bevölkerung und Wissenschaft gestärkt werden. Welche Ideen gibt es?
Rockenbach: Der klassische Weg beruht auf unseren Veröffentlichungen zu verschiedenen Themen. Das ist sehr erfolgreich und soll auch so bleiben. Zusätzlich gibt es neue Formate, zum Beispiel einen Podcast, der nach dem Gründungsjahr der Leopoldina „1652“ genannt wurde, und die Akademie-Geschichte mit aktuellen Themen verbindet. Über digitale Hintergrundgespräche, unsere neue Website und Social-Media-Kanäle wollen wir noch mehr Einblicke geben. Wir suchen außerdem verstärkt den Dialog mit den Bürgerinnen und Bürgern, entwickeln etwa Ideen für neuartige Veranstaltungsformate. In Berlin hatten wir bereits zum Film „Oppenheimer“ mit anschließendem Expertengespräch ins Kino eingeladen, das möchten wir mit eigenem Konzept fortsetzen. Und schließlich: Warum sollte auf einer Veranstaltung der Leopoldina nicht getanzt werden? Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Bewegung zahlreichen Krankheiten vorbeugen und geistig fit halten kann. In Halle beteiligen wir uns nun erstmals am traditionellen Laternenfest – mit einem Tanz-Workshop für alle, musikalisch begleitet von der Staatskapelle Halle.
Das Gespräch führte Dr. Adelheid Müller-Lissner.