In seiner Festrede sprach Joachim Gauck über die aktuellen Entwicklungen weltweit, auf europäischer Ebene und in Deutschland. Außerdem erinnerte er an die Leistung der Ostdeutschen beim Aufbau der Demokratie nach der politischen Wende 1989. Diese Errungenschaften gelte es nun zu verteidigen, auch mithilfe der Wissenschaft, die mit ihrer Sachorientierung, Streitkultur und Transparenz im Umgang mit Irrtümern der Demokratie helfe, „bei sich zu bleiben”. Gauck sagte in seiner Rede zum geopolitischen Wandel in Europa: „Ich bin 86 Jahre alt, im Krieg geboren und ich hätte nicht gedacht, dass ich nochmal Reden halten würde im freien Europa darüber, dass Potentaten wie vor Jahrhunderten und wie im vorigen blutigen Jahrhundert wieder ihre Machtansprüche so wichtig nehmen, dass sie die Rechtsordnungen verachten und dass Grenzen infrage gestellt werden können in Europa.”
Gleichzeitig rief Gauck zu mehr Mut in Zeiten illiberaler Bestrebungen auf: „Wir wollen sehen und zeigen, dass nach den Erfolgen liberaler Politik eine Zeit von Tristesse und Misserfolg dazu führen kann, dass autoritäre Kräfte Land gewinnen. Aber wir wollen dann auch sehen, dass aus der Bevölkerung, dann, wenn diese Kräfte sich wieder demaskiert haben, ein Wechsel zum Positiven erfolgen kann.“ Für Gauck kommt es vor allem auf eines an: „Das Wichtigste ist, dass wir den Verächtern der Demokratie nicht unsere Angst schenken.“
In seiner Rede ging Gauck näher auf die Situation in Deutschland ein: „Wenn wir ins Innere des Landes gucken, sehen wir etwas, was uns verstören muss. Wir sehen ein Abnehmen des Vertrauens der Wählerschaft zu den Gewählten. Und das ist nun etwas, was man schwerlich übersehen darf. Denn wenn Vertrauensverlust sich wirklich steigert, dann ist ein Systemwechsel durchaus möglich.“ Trotz aller Schutzmechanismen, die unsere Demokratie kennt, warnte der Altpräsident vor unübersehbaren Tendenzen, aus der Freiheit heraus Freiheitsbedrohungen politisch zu organisieren. Im Vertrauensverlust sieht Gauck den Beginn eines schleichenden Verfahrens, mit denen Normen einer offenen Gesellschaft und einer politischen Kultur abgebaut werden. Aus dieser Entwicklung entspringe auch eine Tendenz, wonach das politische Gegen nicht nur Debattengegner, sondern auch Feind sei. Vor diesem Hintergrund rief Gauck dazu auf, in politischen Debatten die Regeln des fairen Streits zu beachten: „Freie Rede heißt nicht die Einschüchterung des anderen. Harte Kritik heißt nicht die Verächtlichmachung des anderen. Wer das Recht auf Klage und Kritik bewahren will, muss die Ordnung beschützen, die dieses Recht trägt.“