Interview „Der erdnahe Weltraum ist zu unserem Lebensraum geworden“

Seite teilen

  • Erdsystemwissenschaft
  • Geowissenschaft
  • Klimawandel
  • Klimaschutz
Satellit im Weltall
Im erdnahen Orbit wird es voll: Bereits jetzt befinden sich dort Tausende von Satelliten, in den nächsten Jahren werden Zehntausende hinzukommen. Wenn sie ausgedient haben, verglühen sie in der oberen Atmosphäre ähnlich wie Meteoriden. Was aber passiert mit den Resten, die dabei nicht verschwinden? Was bewirkt der Mensch mit seinen Aktivitäten überhaupt in der Atmosphäre? Und was können wir tun, um Schrott und Müll aus der Raumfahrt zu vermeiden? – Ein Gespräch mit Leopoldina-Mitglied Karl-Heinz Glaßmeier, der mit der Entwicklung, dem Bau und dem Einsatz von Magnetfeldmessinstrumenten an zahlreichen Weltraummissionen beteiligt war und ist.

Die Zahl der Satelliten im erdnahen Weltall hat sich in den letzten Jahren dramatisch erhöht. Was ist der Grund dafür?
Karl-Heinz Glaßmeier: Früher haben eigentlich nur die großen Nationen Satelliten in die Erdumlaufbahn und zu anderen Planeten geschickt. Aber dann haben private Firmen wie SpaceX begonnen, Zehntausende von Kommunikationssatelliten in die Umlaufbahn zu bringen. Und wir haben mal begonnen, uns zu überlegen: Was passiert überhaupt mit diesen Satelliten, wenn sie ausgedient haben?

Sie beschreiben drei mögliche Umweltprobleme, die von diesem Weltraummüll ausgehen können.
Das eine ist natürlich das sogenannte Oberflächenproblem. Man will verhindern, dass Trümmerteile auf die Erde zurückfallen und dort Schaden anrichten. Das zweite Problem, das seit vielen Jahren beobachtet wird, sind die Überbleibsel von Satelliten in der näheren Erdumgebung, in einem Orbit zwischen 500 und 2000 Kilometern.  Wenn man dieses Schrottproblem nicht in den Griff bekommt, dann ist irgendwann Schluss mit der erdnahen Raumfahrt, weil man immer damit rechnen muss, von so einem Trümmerteil getroffen zu werden.

Um diese beiden Probleme zu umgehen, lässt man ausgediente Satelliten gezielt so abstürzen, dass sie in der Atmosphäre verglühen. Aber das ist auch nicht ohne Probleme?
Das ist sicherlich zunächst eine richtige Idee. Aber die Vorstellung „das verglüht und ist dann weg“ ist falsch. Wir tragen in den nächsten Jahren so viel Material in die Atmosphäre ein, wie auf natürlichem Weg über Meteoriden dort hineingerät, und da muss man sich schon Gedanken machen.

Was ist denn Ihre größte Sorge?
Das menschengemachte Material verglüht in einer Höhe von 70 bis 80 Kilometern in der Mesosphäre, aber dann werden die Überbleibsel wie von einem Staubsauger in die Stratosphäre über den Polarregionen transportiert, in etwa 20 Kilometern Höhe. Dort hat man schon große Mengen etwa von Aluminium und Hafnium gemessen, die eindeutig anthropogen sind.

Sind denn diese Mengen schon bedenklich?
Vielleicht nicht von der Masse her, aber Aluminiumoxid kann zum Beispiel als Katalysator für chemische Prozesse wirken, die Chlor erzeugen. Und ein Chloratom kann bis zu 100.000 Ozonmoleküle zerstören.

Da denkt man natürlich sofort an das Ozonloch über den Polen – wird das aufgrund des Weltraummülls zurückkommen?
Es könnte sein, dass es zurückkommt. Das ist aber vorerst eine Hypothese. Wir sind da sehr vorsichtig und wollen kein Drohszenario aufbauen. Aber wir müssen diese Prozesse genauer untersuchen.

Mit welchen Methoden geschieht das?
Wir machen Messungen mit Flugzeugen in der polaren Stratosphäre. Mit sogenanntem Lidar kann man vom Boden aus in die Stratosphäre strahlen und über das reflektierte Licht Elemente nachweisen. Und im Jahr 2027 will die Europäische Raumfahrtagentur ESA bei ihrer Draco-Mission einen mit Messinstrumenten vollgepackten Satelliten kontrolliert abstürzen lassen und die Prozesse untersuchen.

Wie groß ist denn das Interesse unter den Weltraumforscherinnen und -forschern für dieses Atmosphärenproblem?
Mein Kollege Leonard Schulz und ich haben Anfang 2024 einen Workshop dazu bei der ESA im niederländischen Noordwijk veranstaltet. Wir haben mit zehn Teilnehmenden gerechnet – und dann sind 100 gekommen.

Wenn sich Ihre Befürchtungen bestätigen – müssen wir dann die Weltraumfahrt einstellen?
Das können und wollen wir nicht. Man könnte zum Beispiel auf manche Materialien verzichten. Die Firmen sind sehr zurückhaltend mit ihren Informationen, aber wir können das nur in Kooperation mit ihnen lösen. Regulation alleine genügt nicht. Der erdnahe Weltraum ist eigentlich mittlerweile zu unserem Lebensraum geworden.


Das Gespräch führte Christoph Drösser

Video Zwischen Himmel und Erde: Raumfahrt, Atmosphäre und Nachhaltigkeit – Leopoldina Vorlesung von Prof. Dr. Karl-Heinz Glaßmeier

Die Leopoldina verwendet Cookies

Wir setzen auf unserer Website Cookies ein. Einige von ihnen sind notwendig (funktionale Cookies), während andere nicht notwendig sind, uns aber helfen unser Onlineangebot zu verbessern und wirtschaftlich zu betreiben. 

Sie können in den Einsatz der nicht notwendigen Cookies mit dem Klick auf die Schaltfläche "Alle Akzeptieren" einwilligen oder per Klick individuelle Einstellungen vornehmen und diesen per “Auswahl übernehmen” zustimmen. 

Sie können diese Einstellungen jederzeit aufrufen und Cookies auch nachträglich abwählen.

Funktional

Diese Cookies sind technisch erforderlich, um folgende Kernfunktionalitäten der Website bereitstellen zu können:

  • Darstellung der Website
  • Anonymisierung von IP-Adressen innerhalb von Logfiles
  • Status-Cookie-Zustimmung
Komfort

Neben notwendigen Cookies setzen wir zudem Cookies ein, um Ihnen die Nutzung der Website angenehmer zu gestalten. Akzeptieren Sie diese Cookies, werden externe Medien ohne weitere Zustimmung von Ihnen geladen.

Tracking

Mithilfe von Statistik-Cookies können wir die Inhalte und Services unserer Website besser an Ihre Interessen und Bedürfnisse anpassen. Für Statistiken und Auswertungen setzen wir das Produkt etracker ein.

Warnung vor externen Links

Die Nutzung dieses Teildienstes erfordert ihre Einwilligung in die Verarbeitung zusätzlicher personenbezogener Daten durch einen selbständigen Verantwortlichen: Matterport Inc., 352 E. Java Drive, Sunnyvale, CA 94089, USA. Es gelten folgende Datenschutzhinweise: https://matterport.com/de/node/44. Mit der Einwilligung durch Klick auf „Ok“ kann auch eine Übermittlung von personenbezogenen Daten in ein Land außerhalb der Europäischen Union erfolgen. Die Einwilligung ist freiwillig. Eine Ablehnung führt zu keinen Nachteilen. Eine erteilte Einwilligung kann jederzeit mit Wirkung für die Zukunft widerrufen werden.

Ich bin damit einverstanden, dass bei Nutzung dieses Teildienstes zusätzliche personenbezogene Daten verarbeitet werden. Dabei verarbeitete Datenkategorien: technische Verbindungsdaten des Serverzugriffs (IP-Adresse, Datum, Uhrzeit, abgefragte Seite, Browser-Informationen), Daten zur Erstellung von Nutzungsstatistiken und Daten über die Nutzung der Website sowie die Protokollierung von Klicks auf einzelne Elemente. Zweck der Verarbeitung: Auslieferung von Inhalten, die von Dritten bereitgestellt werden. Rechtsgrundlage für die Verarbeitung: Ihre Einwilligung nach Art. 6 (1) a DSGVO, Art. 49 DSGVO. Verantwortlicher für die Datenverarbeitung Matterport Inc., 352 E. Java Drive, Sunnyvale, CA 94089, USA. Es gilt die Datenschutzerklärung von Matterport Inc.: https://matterport.com/de/node/44.

Seite besuchen ▸