„Mit diesen Stellungnahmen zu Hirngesundheit, Arktis und Satelliten adressieren wir globale Fragestellungen, die wissenschaftsbasierte und international abgestimmte Lösungen erfordern. Dass der G7-Prozess einen so konstruktiven inhaltlichen Austausch der Mitglieder aller sieben beteiligten Akademien ermöglicht, ist in Zeiten zunehmender geopolitischer Verwerfungen von großem Wert“, sagt Prof. Dr. Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina.
In Vorbereitung auf den diesjährigen G7-Gipfel vom 15. bis 17. Juni in Évian/Frankreich, haben der Science Council of Japan, die italienische Academia Nazionale dei Lincei, die Royal Society of Canada, die US-amerikanische National Academy of Sciences, die britische Royal Society und die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina unter Federführung der französischen Académie des sciences Stellungnahmen zu drei wissenschaftsbezogenen Themen erarbeitet:
Neurologische und mentale Gesundheit
Neurologische oder psychische Erkrankungen betreffen nahezu jeden dritten Menschen im Laufe des Lebens. Die wirtschaftlichen Folgen sind erheblich, Schätzungen zufolge belaufen sich diese weltweit auf jährlich fünf Billionen US-Dollar. Die G7-Akademien empfehlen deshalb, „Brain Health“ als wichtiges Thema in allen Lebensabschnitten eines Menschen – von der frühen Kindheit bis ins hohe Alter – zu behandeln und nicht allein in der Gesundheitspolitik zu verorten, sondern politikfeldübergreifend zu betrachten. Dazu wird empfohlen, auf G7-Ebene einen „Brain Health Advisory Council“ einzurichten – einen Beirat, der wissenschaftsbasierte Leitlinien für politische Maßnahmen formulieren, aufkommende Innovationen identifizieren und die Einhaltung ethischer Maßstäbe beaufsichtigen könnte. Um sowohl wissenschaftliche als auch klinische Erfolge in der Hirnforschung zu beschleunigen, werden die G7-Staaten aufgefordert, eine Initiative für Investitionen und Innovation auszurufen, um die Finanzierung durch öffentliche Ressourcen und privates Kapital zu sichern. Für den medizinischen Fortschritt sei es außerdem wichtig, die Potenziale großer Datenbestände, künstlicher Intelligenz, moderner Bildgebung und Genomforschung zu nutzen. Da neurologische und psychische Erkrankungen für Länder mit niedrigen und mittleren Einkommen eine besondere Herausforderung darstellen, sollten die empfohlenen Initiativen auch über die G7-Ebene hinaus geplant werden. G7-Stellungnahme „Advancing Brain Health (including Mental Health) for Global Societal Resilience“ (2026)
Arktis als Frühwarnsystem
Die Arktis erwärmte sich in den vergangenen 40 Jahren nahezu viermal so stark wie der globale Durchschnitt. Die Folgen sind vor Ort sichtbar: Meereis und Gletscher gehen zurück, Permafrostböden tauen, Küsten erodieren, Waldbrände nehmen zu und Ökosysteme verändern sich. Die Veränderungen bleiben jedoch nicht auf die Region beschränkt. Tauende Permafrostböden können große Mengen Kohlendioxid und Methan freisetzen. Das Abschmelzen des Grönländischen Eisschildes trägt zum Anstieg des Meeresspiegels bei. Veränderungen in der Arktis können außerdem Meeresströmungen, Wettermuster und Ökosysteme weit über die Region hinaus beeinflussen. Die Stellungnahme beschreibt die Arktis deshalb als Frühwarnsystem. Die G7-Akademien rufen die G7-Staaten dazu auf, am Pariser Klimaschutzabkommen festzuhalten und Treibhausgasemissionen rasch und dauerhaft zu senken. Sie fordern zudem ein Moratorium für Geoengineering in der Arktis. Zugleich sollten internationale und interdisziplinäre Forschungskooperationen zu den Veränderungen in der Arktis gestärkt und indigenes und lokales Wissen einbezogen werden. G7-Stellungnahme „The Global Arctic“ (2026)
Große Satellitenkonstellationen
Immer mehr Satelliten werden in niedrige und mittlere Erdumlaufbahnen gebracht. Große Satellitenkonstellationen können weltweit den Internetzugang verbessern, Kommunikation in abgelegenen Regionen ermöglichen und die Erdbeobachtung in nahezu Echtzeit unterstützen. Gleichzeitig entstehen Risiken: Die wachsende Zahl von Satelliten erhöht die Gefahr von Kollisionen und Weltraumschrott. Außerdem ist unklar, wie stark häufige Raketenstarts und Wiedereintritte von Satelliten und Raketenstufen die obere Atmosphäre mit Chemikalien und Staubpartikeln belasten. Die G7-Akademien empfehlen, Forschung über die Auswirkungen der Raumfahrt für die Atmosphäre und die Entwicklung satellitengestützter Kommunikationsnetze zu unterstützen, zugleich aber klare Regeln für deren nachhaltige Nutzung zu schaffen. Dazu zählen verbindliche Standards für das „Deorbiting”, also das Entfernen ausgedienter Satelliten aus der Umlaufbahn, bessere Systeme zur Überwachung der Nutzung des Erdorbits und belastbare Abschätzungen, wie viele Objekte bestimmte Umlaufbahnen langfristig sicher aufnehmen können. G7-Stellungnahme „Large Satellite Constellations“ (2026)
Bildunterschrift: v. l. Stéphanie Debette, Generaldirektorin des Institut du Cerveau – Paris Brain Institute und Mitglied der Académie des sciences, Mark Walport, Vizepräsident der Royal Society , Maria Cristina Marcuzzo, Auslandsbeauftragte der Accademia Nazionale dei Lincei, Laurent Bopp, CNRS-Forschungsdirektor und Mitglied der Académie des sciences, Françoise Baylis, Präsidentin der Royal Society of Canada, Emmanuel Macron, Staatspräsident der Französischen Republik, Marcia McNutt, Präsidentin der US-National Academy of Sciences, Bettina Rockenbach, Präsidentin der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, Francoise Combes, Präsidentin der Académie des sciences, Francis-André Wollman, Vizepräsident für internationale Beziehungen der Académie des sciences, Francois Baccelli, emeritierter Forschungsdirektor bei Inria, Mamoru Mitsuishi, Präsident des Science Council of Japan.
Leopoldina beim Science7 Summit in Paris
In Vorbereitung des diesjährigen G7-Gipfels trafen sich die Wissenschaftsakademien der G7-Staaten in Paris, um über die Förderung von „Brain Health“ und mentaler Gesundheit, das zunehmende Satellitenaufkommen im Erdorbit und die klimatischen Veränderungen in der Arktis zu sprechen. Den Abschluss bildet die Übergabe der im Vorfeld erarbeiteten drei gemeinsamen Stellungnahmen der G7-Akademien an den französischen Staatspräsident Emmanuel Macron.
Eröffnet wurde der Science7 Summit unter anderem durch den französischen Minister für Hochschulbildung, Forschung und Raumfahrt Philippe Baptiste, sowie von Matthias Oel, Leiter der Abteilung I „Internationales und Europa“ im Bundesministerium für Forschung Technologie und Raumfahrt. Für die Leopoldina nahmen Präsidentin Bettina Rockenbach, Ruth Narmann, Leiterin der Abteilung Internationale Beziehungen, sowie Geophysiker und Leopoldina-Mitglied Karl-Heinz Glaßmeier teil.
Beim Science7 Summit geht es zudem darum, sich zu laufenden Aktivitäten in den drei spezifischen Themenfeldern auszutauschen. Leopoldina-Präsidentin Bettina Rockenbach berichtete auf dem Gipfel über Aktivitäten der Leopoldina zu „Brain Health“. Erst vor wenigen Wochen hat die Leopoldina dazu gemeinsam mit der Akademienunion und acatech eine Stellungnahme zur datengetriebenen Demenzprävention veröffentlicht. Bereits im vergangenen Jahr erschien zudem das Diskussionspapier „Soziale Medien und die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen“. Im September veranstaltet die Leopoldina außerdem gemeinsam mit der Südafrikanischen Akademie der Wissenschaften einen Workshop zum Zusammenhang zwischen Klimawandel und psychischer Gesundheit.
Karl-Heinz Glaßmeier ist Professor an der TU Braunschweig und Experte für das Thema "Large Satellite Constellations: Perspectives and Challenges”. In diesem Zusammenhang stellte er auf der Konferenz die neue Leopoldina-Arbeitsgruppe „Folgen der Raumfahrt für die Atmosphäre“ vor, deren Co-Sprecher er ist. Die Arbeitsgruppe untersucht die wissenschaftlichen Grundlagen und Möglichkeiten für eine nachhaltige Raumfahrt.
Darüber hinaus berieten die G7-Akademien in Paris, anknüpfend an die Veröffentlichung der „Ottawa Declaration“ im vergangenen Jahr, wie Wissenschaftsfreiheit gesichert und internationale wissenschaftliche Zusammenarbeit auch in geopolitisch herausfordernden Zeiten gestärkt werden können.
Science 7
Die Beratung der G7-Gipfel durch die nationalen Wissenschaftsakademien der Teilnehmerstaaten ist ein wichtiges Instrument, um wissenschaftliche Expertise in politische Entscheidungsprozesse einzubringen. Die Akademien arbeiten dafür im Format Science7 (S7) zusammen. Die dabei entstehenden gemeinsamen Empfehlungen werden vor den Gipfeltreffen veröffentlicht und der jeweiligen G7-Präsidentschaft im Rahmen einer Wissenschaftskonferenz übergeben.