Obwohl sie denselben genetischen Bauplan enthalten, erfüllen die unterschiedlichen Zelltypen im menschlichen Körper verschiedene Aufgaben, je nachdem, welche Gene in ihnen aktiv sind. Während Herzmuskelzellen die mechanische Kraft für den Herzschlag erzeugen, bilden sogenannte Endothelzellen die innere Auskleidung der Blutgefäße und regulieren so u. a. die Blutgerinnung. Wann welche Aufgaben und damit Genaktivitäten gebraucht werden, wird durch ein komplexes Netzwerk molekularer Signale gesteuert. Hierfür besonders wichtig: sogenannte nicht-kodierende RNAs. Diese kleinen Moleküle wirken in den Zellen wie „Schalter“: Sie steuern, welche Gene in einer Zelle ein- oder ausgeschaltet sind – ein Mechanismus, der besonders wichtig wird, wenn Herzgewebe etwa nach einem Herzinfarkt geschädigt wird.
Genau hier setzt Stefanie Dimmeler mit ihrer Forschung an. Gemeinsam mit ihrem Team hat sie gezeigt, wie die innere Gefäßauskleidung auf zellulärer Ebene reguliert wird und wie sich diese Prozesse gezielt beeinflussen lassen, um den Gefäßschutz zu stärken. Hierdurch hat Dimmeler zu einem besseren Verständnis der Pathophysiologie von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beigetragen und die nicht-kodierenden RNAs in den Fokus neuer therapeutischer Ansätze gerückt, beispielsweise für die Therapie von frühzeitigen Alterungsprozessen des Herzens. Dimmelers Arbeiten zeigen, wie Erkenntnisse aus der molekularen Grundlagenforschung in die klinische Anwendung übersetzt werden können.
Stefanie Dimmeler ist Biologin und seit 2008 Professorin und Direktorin am Institut für Kardiovaskuläre Regeneration des Zentrums für Molekulare Medizin an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Parallel ist sie Vorstandsvorsitzende des Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DZHK) und Sprecherin des Exzellenzclusters Cardio-Pulmonary Institute (CPI). Sie gilt disziplinübergreifend als eine der meistzitierten Wissenschaftlerinnen in Deutschland und wurde für ihre Forschung bereits vielfach ausgezeichnet – etwa 2022 mit der Otto-Warburg-Medaille der Gesellschaft für Molekularbiologie und Biochemie (GMB) oder 2005 mit dem Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2017 nahm sie die Leopoldina als Mitglied in die Sektion Innere Medizin und Dermatologie auf.
Der Hector Wissenschaftspreis wird seit 2009 jährlich von der Weinheimer Hector Stiftung vergeben und ist mit 200.000 Euro dotiert. Er würdigt Professorinnen und Professoren deutscher Universitäten und Forschungseinrichtungen für ihre herausragenden Forschungsleistungen und ihr besonderes Engagement in der Lehre und in der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Mit Matthias Tschöp und Stefanie Dehnen (beide 2024) oder Magdalena Götz und Klaus-Robert Müller (beide 2023) waren in der Vergangenheit bereits mehrere Leopoldina-Mitglieder unter den Preisträgerinnen und Preisträgern.