Die Mitglieder der Leopoldina kommen aus verschiedensten Disziplinen. Sind sich alle einig darüber, wo die Trennlinie zwischen Meinung und wissenschaftlicher Aussage gezogen werden sollte?
Andreas Voßkuhle: Hier haben Juristen und Juristinnen ausnahmsweise ein kleines Prä, weil es die Unterscheidung im Grundgesetz gibt. Das Bundesverfassungsgericht hat sehr früh gesagt: Wissenschaft zeichne sich dadurch aus, dass in methodischer Art und Weise ernsthaft und planmäßig der Versuch zur Ermittlung der Wahrheit gemacht wird. Das löst allerdings nicht alle Probleme und bedarf der weiteren Auslegung. Ich würde sagen, Wissenschaft ist eine spezifische Praxis der Erkenntnisgewinnung – und die Disziplinen bestimmen selbst, welche Kriterien in ihrem Bereich dafür zentral sind.
Meinungsäußerungen und wissenschaftliche Aussagen werden beide durch Artikel 5 des Grundgesetzes geschützt. Aber warum wurden dafür zwei getrennte Absätze gewählt?
Voßkuhle: Tatsächlich wird in der europäischen Menschenrechtskonvention beides zusammengenommen. Ich halte die Trennung aber für sinnvoll, und zwar aus fünf Gründen: Neben der genannten juristischen Perspektive zählt dazu, dass wissenschaftliches Wissen die Grundlage unserer Wissensgesellschaft bildet und dass es eine Hierarchisierung der Wissensquellen gibt, an deren Spitze das wissenschaftliche Wissen als besonders erhärtetes Wissen steht. Zudem gilt ganz praktisch: Wenn wir Wissenschaft nicht von Meinungen unterscheiden können, besteht für die Politik kein guter Grund, Universitäten und wissenschaftliche Institutionen mit Steuergeldern zu unterstützen. Gesellschaftlich gesehen besteht schließlich die Notwendigkeit gemeinsamer Realitätsannahmen, um sinnvoll miteinander in die politische Auseinandersetzung zu treten und Kompromisse zu finden.
Gibt es in der Öffentlichkeit eine klare Vorstellung, wo die Grenze zwischen schlichter Meinungsäußerung und wissenschaftlicher Aussage zu ziehen ist?
Voßkuhle: In einem Teil meines Vortrags zum Leopoldina-Symposium geht es um die Frage, warum die Unterscheidung zwischen Meinen und Wissen prekär bleibt. Ein Grund liegt in der Erschütterung des Rationalitätsparadigmas durch den Konstruktivismus und den Skeptizismus in der Erkenntnistheorie: Man geht nicht mehr ohne weiteres davon aus, eine vorgefundene Realität feststellen zu können. In der öffentlichen Wahrnehmung relativieren zudem verschiedene Meinungen der Expertinnen und Experten das Expertenwissen. Dazu kommt augenblicklich ein starker Anstieg der eigentlich klassischen Vorgehensweise von Diktatoren, die alternative Fakten, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien in die Welt setzen. Der Rechtspopulismus bedient sich dieser Techniken in einer stärkeren Form als bisher. Innerhalb der Wissenschaft erleben wir außerdem eine neue Aufmerksamkeitsökonomie: Ein Auftritt bei Markus Lanz ist unter Umständen für die wissenschaftliche Karriere wichtiger als ein Grundlagenaufsatz. Und durch die Fragmentierung der Öffentlichkeit in der Digitalgesellschaft entstehen immer mehr Echokammern und abgeschlossene Räume. Dort verstärken sich bestimmte Realitätsannahmen, die wissenschaftlichen Kriterien nicht standhalten.
Welche Verantwortung tragen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die sich an öffentlichen Diskursen beteiligen?
Voßkuhle: Wenn wir den Stellenwert des wissenschaftlichen Wissens aufrecht erhalten wollen, müssen wir in der Öffentlichkeit vorsichtig sein. Wissenschaftskommunikation ist eine große und wichtige Aufgabe. Aber, um mit Albert Einstein zu sprechen, man muss alles so einfach wie möglich erklären, aber nicht einfacher. Der Versuchung dazu, die es durchaus gibt, sollte man nicht erliegen.
In vielen Staaten sind beide Grundrechte gefährdet. Wie sehen Sie die Situation in Deutschland?
Voßkuhle: Ich nehme sie als entspannt wahr, die Wissenschaft hat im Augenblick eine starke Stellung in unserem Land, die Meinungsfreiheit auch. Deren gefühlte Gefährdung ist eher ein soziales Problem: Man fürchtet, dass es zu Konflikten führen könnte, seine Meinung zu sagen. Aber gerade die, die darauf hinweisen, dass man „nicht mehr alles sagen“ dürfe, sagen permanent alles.
Das Gespräch führte Adelheid Müller-Lissner.